Kaja Beetz

Leben nach dem Tod

Ich wache auf. Mein Kopf dröhnt. Als ich die Augen aufschlage, werde ich von gleißendem Licht geblendet.

Schließlich gewöhnen sich meine Augen an die Helligkeit und ich blicke mich um. Ich befinde mich auf einer Art... Nunja... Wolke? Watte? Ein riesiger Wattebausch?! Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist vor mir eine Stadt, die auf diesem weißen Zeugs steht. Am Stadttor wuseln lauter Menschen herum. Einige sehen normal aus, andere absolut seltsam, mit Tierköpfen, zu vielen Gliedmaßen und ähnlichem.

Das muss ein Traum sein, aber warum spinnt sich mein Gehirn so einen Scheiß zusammen?

Egal, das wird bestimmt lustig!

Ich gehe auf das Stadttor zu. Mir fällt auf, dass die Gestalten, die ich für normal hielt, gar nicht so normal sind: ein Mann hat nur noch ein intaktes Bein, das andere hängt als Fetzen von seinem Rumpf hinab, doch er bewegt sich normal. Ein etwa vierzehnjähriges Mädchen hat verkrustete Unterarme und ihre gesamte Kleidung ist Blutgetränkt. Eine weitere Person hat ein durch Narben unkenntlich entstelltes Gesicht. Die seltsamen Gestalten mit den Tierköpfen, lustigen Verkleidungen und seltsamen Gliedmaßen wuseln durch die Menge und versuchen anscheinend, Gespräche zu den normaleren aufzubauen.

Ich blicke an mir herunter und taumle zurück: Meine komplette linke Körperhälfte ist zerquetscht, kein Knochen scheint mehr intakt zu sein. Trozdem habe ich das vorher nicht bemerkt.

„Hey, Vorsicht!“ Eine Hand fängt mich auf, bevor ich auf dem weißen Zeug aufkomme.

„Pass auf, dass du nicht in die Wolkenlöcher fällst!“

Tatsächlich stehe ich am Rand eines Lochs. Weit unter mir liegt eine Stadt. Ganz winzig kann ich Autos auf den Straßen erkennen. Ich schlucke.

„Na, Höhenangst? Kein Problem, so lange du aufpasst. Du bist zwar schon tot, aber vom Himmel fallen tut trozdem weh. Ich bin übrigens Dyonysos.“

Ich mustere ihn. Er trägt eine Toga, welche sich über seinem dicken Bauch spannt, und einen Lorbeerkranz.

„Wie der griechische Gott des Weines? Dafür bist du aber falsch angezogen.“ bemerke ich.

Er zupft verlegen an dem Tuch.

„Das mit den Kleidungsstücken in meiner Größe ist hier so eine Sache... Aber bei Hephaistos gibt’s wunderbare Moden, alle von seiner Frau designt! Und das zu durchaus annehmbaren Preisen...“

Meine Güte. Ich bin im Himmel und lasse mich von einem Typen, der gerne Weingott wäre, in Sachen Mode beraten. Vielleicht sollte ich, wenn ich aufwache, mal einen Traumdeuter aufsuchen. Was der dazu sagt, würd ich auch gern wissen.

„Oh, du träumst keineswegs! Du bist wirklich tot, Autounfall. Andere Frage: bist du gläubig?“

Langsam erinnere ich mich. Ich war mit meinen Eltern in England im Urlaub... Meine Eltern haben sich angeschrien und mein Vater fuhr auf die falsche Straßenseite, dann kam ein Auto.

„Nein, wieso?“

„Nur so! Willst du nicht dem Glauben der alten Griechen beitreten? Das ist dein letzter Weg um im Paradis zu landen. Ansonsten kommst du in die Hölle.“

„Hör nicht auf diesen Stümper! Die alten Griechen lügen nur! Du landest da auf einem Feld und das wars dann! Komm lieber zu mir. Du hast eine Chance auf...“ schaltet sich ein durchtrainierter Typ mit Toga und Lorbeerkranz ein.

„Mykenos, halt dich da raus, das ist meine Klientin! Such dir ne andere Seele!“

 

Während die beiden Möchtegerngötter weiterstreiten, mache ich mich unauffällig aus dem Staub. Langsam frage ich mich, ob mein Gehirn tatsächlich so einen Scheiß zusammenträumen kann. Ich mein... Was genau verarbeitet es denn?

Ich sehe eine Traube von Menschen, die sich unweit von mir um einen ältlichen Mann gescharrt hat. Ich tippe einen dieser Menschen an und frage ihn, wer das ist. Zuerst reagiert er nicht, dreht sich aber schließlich genervt um. „Das ist Allah! Der einzig wahre Gott der uns ins Paradies führen wird“ entgegnet er schroff und dreht sich wieder um.

Ich zucke mit den Schultern und schlendere durch das Stadttor. Eine große Straße mit prunkvollen Hausern führt zu einer Art Schloss in der Mitte der Stadt. Ich gehe die Sttraße entlang bis zu einem Pub, dann entschließe ich mich, einzutreten.

Eine Wolke aus verbrauchter Luft schlägt mir entgegen. Der Pub ist recht heruntergekommen, aber dennoch überfüllt. Ich wühle mich durch die Menge, um an der Bar nach einer Unterkunft zu fragen. Ich mein... Das ist ein Traum, da ist alles möglich, nicht?

Jemand rempelt mich an. Ohne sich zu entschuldigen stößt er mich erneutzur Seite und geht weiter. Er sieht ein wenig so aus wie Thor in diesem einen Film... Wie heißt er gleich?

Im hintersten Winkel erkenne ich im Dämmerlicht ein Schild, das meine Aufmerksamkeit erweckt. Ich lasse von meinem Plan, nach einer Unterkunft zu fragen, ab und begebe mich zur Tür, auf die das Schild „Teufel und Satan GMBH“ zeigt. Nach kurzem Klopfen schwingt die Tür auf und ich betrete den dunklen Raum.

„Hallo?“ rufe ich in die Dunkelheit.

„Immer geradeaus und dann links!“ dröhnt es zurück. Ach toll. Wo denn links? Ich taste mich vorran, bis ich gegen eine Wand laufe.

„Ich hab gesagt LINKS!“ Eine Deckenlampe flammt auf und füllt den Raum mit Licht.

Ich befinde mich in einer Art Großraumbüro, in dem an unzähligen Schreibtischen kleine Kreaturen mit Teufelshörnern sitzen. Ganz am anderen Ende des Raums wabert eine Art schwarzer Nebel, der wohl der Ursprung der Stimme ist, denn ich könnte sie durch einen Gang erreichen, der wenige Meter hinter mir links abgeht.

„Hättest du das Licht nicht gleich anmachen können?“ gebe ich genervt zurück.

„Ist witziger so. Manche stolpern über die Schreibtische, viele stoßen sich den kleinen Zeh... Das müsstest du sehen, das ist witzig. Hab ich damals den anderen geraten, zu machen.“

„Kannst du mir wenigstens mal erklären, wo wir hier sind?“

„Naja... Himmel halt. Bevor du fragst: Ja, du bist wirklich tot. Nein, du träumst nicht, obwohl du dir das die ganze Zeit einredest. Frag mich nicht, wie du dich mit deinem halben Körper bewegen kannst, dafür war ich nicht zuständig.“

„Aha und warum spinnt sich mein Gehirn diesen Scheiß hier zusammen?“

„Zum ich weiß nicht wie vielten Mal: DAS IST KEIN TRAUM!!!“ Der Teufel steht plötzlich direkt vor mir und klatscht mir eine.

„Aua!“ rufe ich. Meine Wange brennt. Vielleicht bin ich doch tot... Können Tote Schmerzen fühlen?

„Du bist wirklich tot und jetzt hör auf zu jammern wie ein Mädchen!“

„Ich bin... Ich war ein kleines, dreizehnjähriges Mädchen“ gebe ich eingeschnappt zurück.

„Das tut hier nichts zur Sache!

„Wo wir schon dabei sind, kannst das mit den Göttern mal erklären? Ich mein, warum die unbedingt wollen, dass man an sie glaubt?“

„Puh... Lange Geschichte. Also: das hier ist eine Art Paralleluniversum zur Erde. Wir Götter sind halt einfach da, keine Ahnung warum, und ihr seid da, weil uns irgendwann einmal langweilig war und jemand auf die Idee kam, etwas zu bauen, was uns ähnlich ist. Ist recht gut gelungen bis auf die Sache mit dem Sterben. Ihr tut das, wir nicht. Das unpraktischste war, dass ihr danach dann hier hoch kamt und auch Götter werden wolltet. Also dachten sich die Götter Paradiese aus. Je nach Religion kamen die Toten Menschen dann eben in das jeweilige Paradies. Ein paar sind dann immernoch dem ganzen entgangen, die Atheisten wie du, aber die meisten landen in den Paradiesen.“

„Und was passiert mit denen im Paradies dann? Was bringt es euch, so viele Menschen in Paradiesen zu verstauen“

„Oh, Seelen sind hier die Währung“

Ich starrte ihn ungläubig an. Hatte ich das richtig verstanden? Paradiese sind die Portmonais der Götter?

„Genau so ist das“

Langsam regt es mich auf, dass er die ganze Zeit meine Gedanken ließt und ich ihn nicht durchschauen kann.

„Und wie verdienst du dein Geld?“ frage ich.

„Naja, die Teufelsanbeter machen schon einiges aus... allerdings gerade genug um die Miete hier zu zahlen... Ich brauch nicht mal nen Aufbewahrungsort! Aber du möchtest sicher wissen, was für Möglichkeiten dir offen stehen?“

Ja genau. So viel zum Thema gedankenlesen.

„Nunja... Zum einen könntest du in der „Hölle“ landen. Das ist kein Ort für Sünder, sondern einfach nur der Weg, um wiedergeboren zu werden. Dann könntest du noch wie er hier...“ Er winkt einen schlanken, durchtrainierten Mann heran. Seine Hände und Füße sind durchlöchert, auf dem Kopf trägt er einen Kranz aus verblühten Blumen. „... Hier arbeiten. Das ist Jesus. JHW wollte ihn nicht nehmen und auf Gott hatte er nach der Sache mit dem Kreuz gar keinen Bock mehr. Also ist er zu mir und arbeitet jetzt hier.“

Ich gebe Jesus die Hand. Er verzieht das Gesicht.

„Aber könntest du nicht einfach selbst einer von den Göttern werden? Es glauben doch genug an dich und...“

„Das wäre nicht mit meinem Gewissen vereinbar.“ Unterbricht mich dieser freundlich. „Mein Vater und die anderen lügen die Menschen nur an, da will ich nicht dazugehören.“

Ich nicke beeidruckt.

„Weißt du schon, was du machen willst?“ fragt mich Jesus.

„Das mit dem Wiedergeboren werden klingt gut“ sage ich.

Dieses Mal nickt Jesus. Dann wendet er sich mir zu.

„Also, um wiedergeboren zu werden, musst du einfach durch die Tür da. Wir machen dann den Rest.“

Ich atme tief durch und versuche, die Zweifel an meiner soeben getroffenen Entscheidung zu unterdrücken. Ein letztes Mal noch blicke ich mich um, dann gehe ich zur Tür und schließe sie hinter mir. Das Letzte, was ich höre, ist ein dreckiges Lachen.

 

 

 

 

 

 

Ich wache auf. Um mich herum ist es dunkel und kalt. Ich versuche, mich zu bewegen, doch es geht nicht. Ich bin in einer Art dunklen Kiste gefangen. Meine Linke Körperhälfte spüre ich nicht, meine rechte schmerzt jedoch ungeheuerlich. Ich versuche, um mich zu schlagen, zu treten, doch überall nur Wand. Zudem merke ich, wie die Luft knapp wird.

Und während ich immer flacher atme, wird mir klar, wo ich mich befinde. Plötzlich dröhnt eine Stimme durch meinen Sarg: „An Wiedergeburten verdiene ich halt nichts!“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.08.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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