Lutz Scheffel

Verwischte Spuren

Teil 1

Er stolperte die paar steilen, hölzernen Treppen hinab, die sein Zimmer vom Ausgang trennten. Die Stiegen knarrten. Er hörte es kaum. In Kürze würde das alte Fachwerkhaus abgerissen, dachte er nur, als die niedrige Holztür mit einem dumpfen Schlag ins Schloss fiel.

Oberhalb des backsteinernen Türrahmens bröckelte lockerer Mörtel auf seine Schulter.
Er spürte es leicht. Die braunen kreuz-förmigen Balken des Fachwerks waren trotz der feucht-kalten Witterung noch trocken, teilweise sogar morsch. Niemand kümmerte sich darum. Bald müsste er sowieso ausziehen und sich eine andere Unterkunft suchen.

Draußen empfing ihn ein stürmischer Schneeschauer, der ihm kalt durchs Gesicht fuhr und mit Tränen von Trauer verschmolz:

Jens weinte

Ein scharf beißender Geruch vom Rauch der Schlote stieg ihm in die Nase und zugleich fühlte er sich von dem aschfahlen, fratzartigen Mauerwerk der Häuserblocks plump und blöd angeglotzt.
Die Altstadt döste schlaftrunken im Einbruch der Morgendämmerung. Es war noch dunkel. Nur der nassgraue Asphaltboden spiegelte die spärliche Beleuchtung der gelben Laternen in den Pfützen wider.

Vom Ostkirchturm schlug die Glocke sieben Uhr, als Jens am Waldfriedhof vorbei die schmale Gasse unterhalb der Ruhrbrücke überquerte.
Hier bog er in eine Seitenstraße in Richtung Marktplatz und verschwand plötzlich inmitten dem Knäuel einer Menschenmenge, die dicht gedrängt unter dem Wartehäuschen versuchten, sich vor dem rauen Wind zu schützen. Immer noch wirbelten dicke weiße Flocken kreuz und quer durch die Luft, und der Wind heulte dazu vor Wut.
 

Krampfhaft versuchte Jens die Tränen zurückzuhalten, als er in den Bus einstieg. Es war ihm peinlich. Leise verfluchte er diesen Augenblick. Gleich würde er vergessen haben, was ihn fast zum Verzweifeln gebracht hatte.

Vergessen und verzeihen

Jens drückte seinen Kopf gegen das Fensterglas und presste die Lippen fest aufeinander, um nicht wieder zu weinen. Vom Omnibus aus sah er dem lebhaften Schneetreiben im Autoscheinwerferlicht zu, schaute dann verwundert auf die kristallinen Eisblumen der Heckscheibe und wieder in den Verkehr.

Er wollte abschalten, vergessen. Gleich meinte er. Es tat ihm weh.

Sein Kummer hatte ihm schon fast die ganze Nacht den Schlaf geraubt. Noch immer stiegen ihm Gedankenfetzen verworrener Träume ins Bewusstsein und erschwerten seinen Kampf, den er führte. Er rang mit sich selber, und lag im Widerstreit zu seinen Liebesgefühlen. Mit seiner Vernunft wollte er diese unsagbare Sehnsucht bekämpfen.


Jens suchte den Grund der unerwarteten Trennung. Sie war einfach gegangen.
Einfach so. Ohne viel Worte zu machen, war sie gegangen. Grund genug.

Vergeblich suchte Jens nach einer einfachen Erklärung.

Es war zum Heulen. --             (Fortsetzung folgt)

 

LS 


 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.08.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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