Wolfgang Küssner

Brief an die Schwester

Die Idee zu einem Brief an die Schwester war bei ihm langsam gereift. So etwas wie ein Abschiedsbrief sollte es sein. Doch zur gleichen Zeit, da diese anfänglich zaghaften Überlegungen mehr und mehr an Konturen gewannen, verursachten sie ein Zoegern bei der Umsetzung, wuchsen Zweifel bezüglich des Vorhabens. Beginnt ein Brief nicht mit einer Anrede? Welche Worte sollte er bei seiner Schwester wählen? Ein emotionsloses, ein kaltes und kumpelhaftes Hallo konnte es auf keinen Fall sein. Hallo Christel wäre da sicherlich etwas ausdrucksstärker, persoenlicher. Oder einfach nur den Vornamen? Christel! Dem würde ein Befehl folgen koennen. Nein, das ging nicht. Es sollte ein Brief sein. Es sollte um so etwas wie Letzte Worte gehen. Wie wäre es mit Werte Christel? Das schien ihm antiquiert zu wirken. Vielleicht doch ein vertrautes Liebe Christel? Er tat sich schwer mit der Findung der richtigen Anrede.

Und dann stellte sich ihm für einige Momente die Frage, ob seine Schwester überhaupt je von den Worten, von dem Brief erfahren würde. In einer Todesanzeige hatte er vor vielen Jahren ein Zitat von Bertolt Brecht gelesen: „Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“ Diese Worte hatte er nie vergessen; es waren Worte die Trost spenden konnten. Der Verlust eines Menschen, der Tod, mußte nicht das Ende sein. Erinnerungen halten lebendig. Es schossen ihm Gedanken von Auferstehung, Reinkarnation durch den Kopf. Wo schlafen die Seelen, wo ruhen sie aus? Wohin wandern sie? So viele Fragen, Glaubensfragen. Er war sich irgendwie sicher, der Brief an die Schwester würde ankommen.

In den zurückliegenden Tagen hatte er häufig an die Schwester denken müssen. Vieles wurde mit der ploetzlichen Todesnachricht lebendig. Ihre Wege hatten sich schon vor vielen Jahren getrennt. Sie hatten zeitweise nur zwei knappe Autostunden voneinander entfernt gewohnt. Doch sie lebten in zwei verschiedenen Welten. Studium, Neugier, gesellschaftliches Engagement, Beruf, Karriere hatten ihn in die Welt getrieben; sie kümmerte sich um Ehe, Haus-halt, Betrieb, Kindererziehung, Garten und vieles mehr. Wer sich längere Zeiten nicht sieht, hat dadurch bei einer Begegnung nicht zwangsläufig mehr zu erzählen. Die Worte werden eher weniger, das Interesse am Leben des anderen schwindet mit der Zeit. Die Eltern, später die Mutter allein, waren bemüht gewesen, Tochter und Sohn immer wieder zusammenzuführen. Doch in den letzten Jahren trennten sie wirkliche Welten. Aus den zwei Fahrtstunden, waren jetzt weit über zehn Flugstunden geworden.

Und dann erreichte ihn das an die Deutsche Botschaft gerichtete Hilfeersuchen des Sohnes seiner Schwester. Der Neffe würde seinen Onkel suchen, von dem er nur wisse, daß er seit Jahren in dem fernen Land lebe; er wollte, müsse vom Tod der Schwester berichten. Die schockierende Nachricht erreichte den Bruder. Ein Tumor hatte der Schwester das Leben genommen. Die Mitteilung kam allerdings so kurzfristig, daß an einer Teilnahme an der Trauerfeier nicht zu denken war. Selbst für einen im Internet zu ordernden Kranz war die Zeit zu knapp. Da blieb nur der Dank an den Neffen für die Zeilen an die Botschaft; der Dank, kurzfristig vor Ort einen Blumengruß organisiert zu haben; und  -  die Teilnahme an der Trauerfeier in Gedanken. Die Idee vom Brief an die Schwester wurde geboren.

Natürlich entschied er sich als Anrede für „Liebe Christel,“.  Und sein Brief begann wie folgt: Unsere letzte Begegnung, die letzten Worte liegen viele Jahre zurück. Ich mag nicht recht glauben, was ich da lesen mußte. Der Krebs hat Dich geholt. Gab es keine Chance mehr, sich zu arrangieren? So nach dem Motto „Du läßt mich am Leben und ich werde Dich nicht bekämpfen?“ Es war wohl zu spät. Nun mußtest Du von uns gehen. Vermutlich auf  Nimmer-Wiedersehen. Ich war ein wenig schockiert, sprachlos. In meinem Kopf wurden viele Erinnerungen wach.

Weißt Du eigentlich, daß Du mir Deinen Vornamen zu verdanken hast? In der Nachbarschaft hatte ich damals eine kleine Freundin mit Namen Christel. Wir spielten viel zusammen, waren so eng befreundet, daß ich ihr auch schon mal die Haare schnitt. Auf jeden Fall wollte ich auch eine Christel haben. Und dann warst Du eines Tages da und ich schaute Dich permanent im Kinderwagen liegend an. Ein kleines Geräusch von Dir und ich versuchte sofort durch Schaukeln Dir ein Wohlgefühl zu vermitteln. Nahezu täglich durfte ich zum nahegelegenen Bauern laufen, um frische Milch für Dich zu holen.

Ich sehe noch heute, wie Du beim ersten Versuch mit einem großen Fahrrad zu fahren, die Bremse und ihre Funktion nicht kanntest und folglich in einem großen Bogen auf dem Hof gegen die Hauswand gefahren bist. Beim Rechnen zeigtest Du immer viel Fingerspitzengefühl. Du hattest eine ganz eigene Methode entwickelt, um zum Resultat zu kommen: Mit den Fingerkuppen  schlugst Du ganz sachte auf die Wange und zähltest die Impulse.

Es folgen in seinem Brief an die Schwester weitere Episoden aus vergangenen, gemeinsamen Kindertagen. Im Laufe der Jahre werden die Erinnerungen allerdings weniger. Schwester und Bruder gingen  - wie es durchaus natürlich ist – mehr und mehr eigene, getrennte Wege. Dann kommt er in seinem Brief auf eine Verletzung zu sprechen, die er der Schwester einmal zugefügt hatte. Im elterlichen Garten hatten beide Cowboy und Indianer gespielt. Mit einem Holzstock als Speer in der Hand, hatte er versucht, seine ins Territorium „eindrungene“ Schwester zu vertreiben. Er warf den Stock und der landete im Gesicht der Schwester. Das hätte ins Auge gehen koennen. Zum Glück wurde nur die Nase getroffen. Ein großer Schreck, eine kleine Schramme. Ein Schutzengel war seinerzeit ganz eindeutig im Spiel gewesen. Wo war jetzt der Schutzengel gewesen? So seine fragenden, klagenden Worte.

Er erinnerte in seinen Zeilen an die äußerst schwere Zeit, die seine Schwester nach dem frühen Verlust des Mannes und Vaters ihrer drei Kinder zu bewältigen hatte. Immer bist Du für die Kinder hundertprozentig dagewesen, hast für sie gelebt. Bist eine ausge-sprochen engagierte Mutter in einer sehr schwierigen Phase des Lebens gewesen.

Schweren Herzens kommt er langsam zum Abschluß. Er schreibt: Du mußtest viel zu früh gehen. Hast Deine Kinder, Deine Enkel-kinder, uns, mit vielen Fragen zurückgelassen. Danke, daß es Dich gab. Die Erinnerungen bleiben und damit bleibst auch Du. – Tschüß Christel.

Ihr Bruder war sich sicher, irgendwie würde sie diese Zeilen lesen, den Brief an die Schwester.

Mai 2017

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.08.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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