Rudolf Kowalleck

Der gemeine Deutsche Bahn Erpresser

Die Deutsche Bahn sorgt trotz aller gegenteiligen Behauptungen immer noch für "sehr zufriedene Kunden, wie nachfolgende Aufzeichnung beweist:

Stimme:
Guten Tag, hier ist die Deutsche Bahn AG. Sie sprechen mit Andrea Puhvogel. Was kann ich für Sie tun?

Mann (heiser und eindringlich): Ich bin’s.

Puhvogel: Wer ist ich?

Mann: Na, ich. Der gemeine Deutsche Bahn Erpresser!

Puhvogel: Ach Sie schon wieder? Und? Was wollen Sie heute?

Mann: Ich fordere eine Million, Euro natürlich, in kleinen Scheinen und lebenslange freie Fahrt auf allen Strecken, inklusive IC-Zuschlag, sonst....

Puhvogel: Was sonst?

Mann: Sonst lasse ich den Haard-Express entgleisen.

Puhvogel: Ach so! Da muss ich Sie leider enttäuschen. Dafür sind wir nicht zuständig. Das ist Nahverkehr. Da müssen Sie beim Verkehrsverbund Rhein-Ruhr anrufen!

Mann: Da rufe ich nicht an. Die schicken einen immer in die Warteschleife.

Puhvogel: Das ist nicht mein Problem. Wenn Sie sich beschweren wollen, müssen Sie deren Servicenummer wählen. Auf Wiederhören!

Legt auf. Der Mann wählt neu.

Puhvogel: Guten Tag, hier ist die Deutsche Bahn AG. Sie sprechen mit Andrea Puhvogel. Was kann ich für Sie tun?

Mann: Ich bin’s noch mal. Der gemeine Deutsche Bahn Erpresser. Ich habe es mir anders überlegt. Wenn Sie meine Forderungen nicht sofort erfüllen, lasse ich diesen Containerzug entgleisen, der jede Nacht an meinem Schlafzimmer vorbeirattert.

Puhvogel: Alles klar. Dann verbinde ich Sie jetzt mit der DB-Cargo.

Stimme: Zur Zeit sind alle Leitungen besetzt. Bitte haben Sie noch etwas Geduld. Hold the line! – Restez au ligne - Zur Zeit sind alle Leitungen besetzt. Bitte haben Sie noch etwas Geduld – Hold the line – Restez au ligne - Zur Zeit sind alle Leitungen besetzt. Bitte haben noch etwas Geduld.

Der Mann legt auf und wählt neu.

Puhvogel: Guten Tag, hier ist die Deutsche Bahn AG. Sie sprechen mit Andrea Puhvogel. Was kann ich für Sie tun?

Mann: Ich bin’s wieder. Der gemeine Deutsche Bahn Erpresser. Da ist dauernd besetzt. Ich habe es mir anders überlegt. Wenn Sie meine Forderungen nicht erfüllen, dann lasse ich den Interregio 2215 „Odenwald“ entgleisen!

Puhvogel: Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Ich verbinde mit der Abteilung Fernverkehr! Augenblick.

Es dauert einen Augenblick. Der Mann hört Pausenmusik „Auf der Schwäbschen Eisenbahne“.

Stimme: Guten Tag. Hier ist die Deutsche Bahn AG, Abteilung Fernverkehr. Mein Name ist Gudrun Schwätzer. Was kann ich für Sie tun?

Mann: (leicht genervt) Ich bin’s, der gemeine Deutsche Bahn-Erpresser. Ich fordere eine Million in kleinen Scheinen und lebensfreie lange Fahrt auf allen Strecken, inklusive IC-Zuschlag, sonst lasse ich den Interregio 2215 „Odenwald“ entgleisen!

Schwätzer: Den Interregio?

Mann: Ja!

Schwätzer: Odenwald?

Mann: Ja, verdammt!

Schwätzer: Aber was wollen Sie dann mit dem IC-Zuschlag? Für den 2215 brauchen Sie nur den Interregio-Zuschlag! Dies war eine Auskunft der Deutschen Bahn AG, Abteilung, Fernverkehr. Wir wünschen Ihnen einen guten Tag!

Aufgelegt. Der Mann wählt neu.

Puhvogel: Guten Tag, hier ist die Deutsche Bahn AG. Sie sprechen mit Andrea Puhvogel. Was kann ich für Sie tun?

Mann: Jetzt habe ich aber langsam die Schnauze voll. Entweder, ihr erfüllt meinen Intercity oder ich sprenge meine Forderungen in die Luft!

Puhvogel: Ganz ruhig! Einen Augenblick. Wo haben Sie die Bombe denn versteckt?

Mann: Mitten zwischen den Gleisen. Zwischen Wanne-Eickel-Hbf. und Recklinghausen-Süd!

Puhvogel: Dafür ist die Abteilung Strecke zuständig. (fröhlich, erleichtert) Augenblick, ich verbinde!

Stimme: Guten Tag. Hier ist die Deutsche Bahn AG, Abteilung Strecke. Mein Name ist Sieglinde Sorgenfrei. Was kann ich für Sie tun?

Mann: Hören Sie zu, Frau Sorgenfrei. Meine Geduld ist am Ende. Ich habe in den Gleisen eine Bombe versteckt, genau zwischen Wanne-Eickel Hbf. und Recklinghausen-Süd. Ich will eine Million in bar und in kleinen Scheinen, Euro natürlich, und ich will freie Fahrt auf allen Strecken für den Rest meines Lebens. Wenn Sie meine Forderungen nicht sofort erfüllen, fliegt der 2215 in die Luft!

Sorgenfrei: Wir sind zwar schnell, aber fliegen können unsere Züge noch nicht. Ha! Ha! Halt, legen Sie nicht auf. Das war nur ein Scherz. Aber trotzdem haben Sie leider Pech!

Mann: Wieso?

Sorgenfrei: Wegen einer Reparatur am Stellwerk Wanne-Eickel, verkehrt der Zug heute ausnahmsweise via Herne, Dortmund nach Münster.

Mann: Macht nichts. Ich habe noch eine Bombe versteckt. Auf Gleis 10 in Essen-Hbf. Dann fliegt eben der Haard-Express in die Luft. Halt, nichts sagen. Dann explodiert eben der Haard-Express und erzählen Sie mir jetzt nicht, dass ich beim VRR anrufen soll.

Sorgenfrei: Das würde ich niemals tun. Aber leider muss ich Ihnen mitteilen, dass der Haard-Express wegen einer Bombendrohung im Hauptbahnhof Gelsenkirchen heute ausnahmsweise von Gleis 6 verkehrt.

Mann: Das ist mir scheiß egal!! Das kann ich nicht mehr ändern. Die Bombe hat einen Zeitzünder!

Sorgenfrei: Und für wann haben Sie den eingestellt?

Mann: Genau auf 16:45 h! Sie haben also noch zehn Minuten Zeit.

Stimme: Das stimmt nicht!

Mann: Wieso nicht? Es ist jetzt genau 16:35 h!

Sorgenfrei: Das mag sein, aber wegen einer Baustelle bei Kilometer sechzig haben alle Züge zwanzig Minuten Verspätung!

Mann: Ich will sofort mein Geld! Sofort! Sonst werfe ich mich vor den ICE Wilfried von Beutelschneider!

Sorgenfrei: Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Der ICE ist unser Aushängeschild. Da können wir uns keine Verspätung leisten und na ja, Sie wissen schon, wegen Eschede! Ich verbinde mit dem Finanz- und Rechnungswesen.

Mann: Halt!

Sorgenfrei: Ist noch was?

Mann: Ich will aber direkt den Chef. Ich will nicht mehr verbunden werden!!

Sorgenfrei: Selbstverständlich.

Es dauert einen Augenblick. Der Mann hört wieder die Pausenmusik.

Stimme: Guten Tag! Hier ist die Deutsche Bahn AG, Abteilung Finanz- und Rechnungswesen. Vorzimmer Dr. Hoppelmann. Mein Name ist Elfriede Eisig. Was kann ich für Sie tun?

Mann: Ich bin’s, der gemeine Deutsche Bahn Erpresser. Ich fordere....

Eisig: Ja, ja. Ich weiß. Die Kollegin hat es mir schon erklärt.

Mann: Dann ist es ja gut.

Eisig: Leider kann ich das nicht entscheiden. Anweisungen über fünf Euro muss der Chef abzeichnen. Das steht so in meiner Dienstanweisung.

Mann: Dann geben Sie mir den Chef!

Eisig: Das geht nicht. Dr. Hoppelmann ist in Urlaub!

Mann: Dann seinen Vertreter.

Eisig: Der ist zur Kur!

Mann: Dann den Vertreter des Vertreters.

Eisig: Das geht nicht. Der ist in einer Besprechung. Können Sie später noch einmal anrufen?

Mann: Nein! Hören Sie! Ich fordere eine Million in kleinen Scheinen, Euro natürlich, und lebenslange freie Fahrt auf allen Strecken und –warten Sie – fünfzehn Euro Telefongebühren!

Eisig: Telefongebühren sind aber eine andere Kostenstelle. Da weiß ich nicht, wie ich das zusammen buchen soll. Da brauche ich eine zweite Unterschrift. Anweisungen über eine Million Euro brauchen zwei Unterschriften. Da muss Direktor Sparsam auch unterschreiben.

Mann: Dann verbinden Sie mich mit dem Direktor.

Eisig: Das geht nicht. Direktor Sparsam ist auf Dienstreise!

Mann: AAAAAHHHH!!!!!

Man hört einen Schuss. Dann ein Freizeichen.

Eisig: Hallo? Sind Sie noch dran? Hallo? – Aufgelegt. Immer diese Erpresser. Stehlen einfach unsere Zeit. Denken die eigentlich, wir hätten nichts anderes zu tun?

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Rudolf Kowalleck).
Der Beitrag wurde von Rudolf Kowalleck auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.08.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Buch von Rudolf Kowalleck:

cover

Unternehmen Wampenschmelze: Hartmann macht Diät (Das Leben ist Hartmann) von Rudolf Kowalleck



Eine bissige Satire auf den Schönheits- und Schlankheitswahn in unserer Zeit.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (3)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Satire" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Rudolf Kowalleck

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Gabys Lektion von Rudolf Kowalleck (Humor)
… wie meine Frau an MICH; und zu Ihrem Führerschein kam ! von Egbert Schmitt (Satire)
24 Stunden von Klaus-D. Heid (Satire)