Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, 17

Bevor ich auch nur Luft holen konnte, um zu protestieren, kam bereits etwas in der Größe unseres guten alten Burgtors auf mich zugeflogen, so daß ich mich nur mit einem gewaltigen Satz zwischen die Beine des Unholds hindurch in Sicherheit bringen konnte. Während ich außer mir vor Angst in zweifelhafte Sicherheit robbte, klatschte hinter meinem Rücken das Burgtor mit solcher Vehemenz auf den unschuldigen Boden, daß an dieser Stelle längere Zeit nichts mehr wachsen würde. Ein Blick zurück verschaffte mir die unerfreuliche Gewißheit, daß das vermeintliche Burgtor eine derbe zurecht gestutzte, mit rostigen Nägeln bestückte Keule war, die der Unhold offenbar über der Schulter getragen hatte. Das war meiner Aufmerksamkeit bisher völlig entgangen. Allerdings machte mich diese Erkenntnis auch nicht wirklich glücklich.

Er hat ne’ Waffe und ich nicht. Das ist unfair“, brüllte ich, während ich rückwärts schreitend nach etwas Ausschau hielt, mit dem ich mich verteidigen könnte. Ein Katapult wäre hilfreich gewesen. Aber wenn man mal eines brauchte, war in der Regel gerade keines greifbar.

Im Ernstfall kannst du dich auch nicht beschweren“, brüllte Hilly indes zurück und erntete dafür ein begeistertes Johlen der Menge.

Mach ihn fertig, Baby“, warf Mikesch ein, worauf sich der Riese erneut die Keule auf die Schulter wuchtete und nach mir umsah. Anscheinend hatte er die freundliche Anregung des Katers aufgegriffen. Warum konnte das Fellbündel bloß nicht einmal still sein?

Hö, hö, höh“, kommentierte der Troll meine hektischen Blicke und entfachte allmählich meine Wut. Wieso glaubte eigentlich jeder, auf mir herum trampeln zu können?

Nun, vielleicht deshalb, weil manche Leute die Schuhgröße „Lastkahn“ haben, flüsterte mir die leise Stimme meiner Vernunft zu, aber ich ignorierte sie. Ab sofort war Schluss damit. Leider schien der Troll diese hoch motivierte Einschätzung nicht zu teilen. Erneut fuhr die Keule herunter und zwang mich zu einem Hechtsprung, der jedem Gaukler zu Ehre gereicht hätte, sah man vielleicht von der Landung einmal ab. Mit der Eleganz eines Mehlsacks klatschte ich mit dem Gesicht voraus ins matschige Gras und schlitterte einen guten Meter über den Untergrund, bevor ich zum Halten kam. Ich war am Ende. So oder so. Mühsam stemmte ich mich hoch und drehte mich zu meinem Gegner um, der mich belustigt musterte.

Du bald selber Matsch, hö, hö, hö“, prognostizierte er mir meine nahe Zukunft.

„Du bald böse Überraschung erleben“, äffte ich ihn nach, während ich im Geiste den Zauberspruch über das Zeitanhalten wob.

Timemachinevonhgwellsundzurückindiezukunft, beschwor ich den Zauber herauf und stellte mir dabei intensiv vor, wie der haarige Klotz eingefroren wurde. Das Ergebnis war erstaunlich, wenn es auch nicht dem entsprach, was ich mir vorgestellt hatte.

Aber wann war das jemals der Fall gewesen?

Irgendwie war es mir anscheinend wieder mal gelungen, die Gesetze der Magie zu verbiegen, vielleicht, weil ich eine Silbe falsch betont, die Hände nicht richtig gehalten oder einfach nur Pech gehabt hatte. Was auch immer der Grund gewesen sein mochte, der Troll war jedenfalls alles andere als bewegungsunfähig eingefroren. Im Gegenteil. Er tobte vor Wut, nachdem er festgestellt hatte, daß seine Haut plötzlich ein höchst ausgefallenes Karomuster im Grundton Schweinchenrosa bedeckte. Die Menge hingegen johlte vor Vergnügen, angesichts des umgestalteten Kolosses. Er erinnerte nun entfernt an ein lebend gewordenes Küchenhandtuch. Ich war eindeutig durch Molla geprägt worden.

Klasse Show, Copperfield. Das gibt hohe Einschaltquoten“, rief der Kater mir vergnügt zu. Offensichtlich genoß er das Spektakel. Ich hingegen hatte weniger Spaß. Nur mit Müh und Not gelang es mir, einem weiteren, wütenden Keulenhieb auszuweichen. Dumpf prallte die monströse Waffe auf die Erde. Während der Troll die Keule fluchend aus der unschuldigen Erde herauszog, versuchte ich zu Ruhe zu kommen und wob erneut meinen Zauberspruch.

Keine Sekunde zu früh.

Noch während der Troll erneut seine Keule zum Schlag erhob, wirkte mein Zauber und ließ ihn mitten in der Bewegung erstarren.

Ich konnte es nicht fassen.

Entweder war der Gott des höhnischen Gelächters gerade mal auf dem Abort gewesen, so daß mir ein weiteres Missgeschick erspart geblieben war oder ich war im Angesicht des nahen Todes über mich selbst hinausgewachsen. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ein Zauberspruch auf Anhieb tatsächlich funktioniert. Stolz durchflutete mich, aber auch die Gewissheit, daß ich nicht gut genug war, das lange durchzuhalten. Ein paar Atemzüge, und der Troll würde wieder quicklebendig und ich dann vermutlich platt sein. Also sprintete ich auf ihn zu, klaubte mir dabei unterwegs einen einigermaßen großen Stein auf und schmetterte diesen mit aller Gewalt auf den großen Zeh meines Gegners. Einem großen Magier wäre dieses Vorgehen zwar unwürdig erschienen, dafür war es aber um so effektiver. Befriedigt registrierte ich, daß es bedenklich knackte, als sich Stein und Zeh begegneten, was mit einem begeisterten Applaus quittiert wurde. So wankelmütig war die Gunst des Publikums.

Inzwischen war der Troll wieder in der Gegenwart angekommen und wenig erfreut über das, was ich seinem Zeh hatte angedeihen lassen. Ich war überzeugt davon, daß sein Schmerzensschrei selbst auf Burg Finsterburg noch als fernes Donnergrollen zu vernehmen sein würde. Auf einem Bein, mit beiden Händen seinen rechten Fuß umklammernd und in höchsten Tönen jaulend, hüpfte er nun auf der Stelle. Zumindest war das Karomuster wieder verschwunden. Allerdings bezweifelte ich, daß der Troll mir das danken würde. Ich mußte die Angelegenheit jetzt schnell beenden, anderenfalls würde früher oder später mein Ende unausweichlich sein.

„Und nun zum anderen Fuß“, verkündete ich daher unheilverkündend, während ich nach bester Magiermanier meine Arme theatralisch ausbreitete, als würde ich die Mächte der Finsternis herauf beschwören wollen. „Geteilter Schmerz ist schließlich halber Schmerz, hö, hö, höh“, informierte ich den blaß gewordenen Troll, der begriff, daß sich das Blatt gewendet hatte.

Du gewonnen“, blökte er wie ein waidwunder Grizzlybär.

Wie war das?“, fragte ich hämisch nach, worauf der Troll laut aufheulte und meine Überlegenheit in diesem Kampf erneut bestätigte. Frenetischer Beifall setzte nun ein, als ich mich dem Publikum zuwandte und mich elegant verbeugte. Aus den Augenwinkeln registrierte ich, daß Hilly auf mich zukam und mir einen anerkennenden Blick zuwarf.

„Willkommen im Klub“, verkündete sie und streckte mir die rechte Hand aus, die ich ausgiebig schüttelte. Ich wollte gerade etwas Lässiges erwidern, als sich eine Pranke, schwer wie ein Amboß, auf meine Schulter legte und mich in die Knie zwang.

Kampf gut“, ertönte eine Fanfare neben meinem linken Ohr und ließ dieses klingeln wie die gute alte Alarmglocke auf Finsterburg. Wenigstens verschwand das Tonnengewicht wieder von meiner Schulter, allerdings nur, um im nächsten Moment auf meinem Rücken im Form eines freundlichen Schlags zu landen, der einem Grizzly zu Ehren gereicht hätte. Zum zweiten Mal an diesem Tag landete ich mit dem Gesicht voraus im Matsch.

Wir öfter trainieren“, schlug das Monster indes vor, wobei es grinste wie ein Wolf, der ein Lamm zum Abendessen einlädt. Ich versuchte diese verlockende Aussicht in eine Schublade meines malträtierten Schädels zu verbannen, die ich nie wieder zu öffnen gedachte, während ich mich mit soviel Restwürde wie möglich stöhnend erhob. Den spöttischen Blick Hillys ignorierte ich dabei geflissentlich. Hilly für ihren Teil wandte sich nach einem letzten amüsierten Funkeln in den Augen wieder dem erwartungsfrohen Publikum zu.

„Nachdem die Siegerehrung nun vorbei ist, steht nur noch der Wettbewerb für dieses haarige Knäuel aus.“

Selbiges war inzwischen auf leisen Pfoten herangekommen und sah mich mit Respekt an. „Sauberer Blattschuß. King Kong wird für ne’ Weile orthopädische Latschen tragen dürfen.“

Schmerz groß“, bestätigte Gorgus.

„Alles schön und gut, aber nun bist du dran, Fellball“, ließ sich Hilly wieder vernehmen, an deren Seite ein gertenschlanker Mann erschienen war, der mich an den Affen erinnerte, den die Gaukler im vergangenen Sommer mit auf die Burg gebracht hatten. Lange, kräftige Arme und eine leicht gebückte Körperhaltung waren seine hervorstechensten Merkmale.

„Das ist Eichhorn, dein Gegner. Niemand klettert schneller als er auf einen Baum.“

„Den...“, maunzte Mikesch amüsiert und wälzte sich im feuchten Gras auf den Rücken, wobei er sich hin und her wand, als würde ihn ein Juckreiz quälen, „...schlage ich mit einer lahmen Pfote und eingeklemmten Schwanz. Ich bin schließlich ein Kater“, erklärte er mit einer nicht zu überhörenden Süffisanz in der Stimme.

„Na dann laß mal sehen, was du drauf hast“, sagte Hilly. „Der Wettkampf ist eröffnet!

 

Sofort sprintete Eichhorn auf eine hohe Eiche zu, die am Rande der Arena stand, indes Mikesch sich gerade erst auf die Pfoten rollte. „Das ist unfair“, beschwerte er sich und sprintete Eichhorn hinterher, der wieselflink bereits im unteren Geäst des Baumes verschwand.

„Du bist erledigt“, hallte es von irgendwo aus dem dichten Blättergewirr. Möglicherweise etwas voreilig, denn Mikesch sprang mit einem gewaltigen Satz den Stamm hinauf. In einem Tempo, das den Zuschauern den Atem stocken ließ, erklomm er senkrecht den turmdicken Stamm und verschwand flugs im Blättergewirr. Alle Augen waren nun auf die Spitze des Baumes gerichtet, die eine Beobachtungsplattform krönte. Wer würde diese zuerst erreichen?

Ein „Aua, du verdammtes Miestvieh, ich bin doch kein Klettergerüst“ ließ mich vermuten, daß es jedenfalls nicht Eichhorn sein würde. In der Tat brandete einen Augenblick später begeisterter Jubel auf, als Mikesch auf der Plattform erschien und huldvoll zu seinen Untertanen hinab sah. Zumindest besaßen sie Sportsgeist und wußten, seine Leistung zu würdigen. Einen Augenblick später erschien Mikesch‘ arg zerkratzter Gegner ebenfalls auf der Plattform und wurde ausgebuht. Der Blick, den er dem Kater zuwarf, war mörderisch, aber er hütete sich, ihm zu nahe zu kommen. Die brennenden Kratzer auf seinem Körper erinnerten ihn nur zu schmerzhaft an die natürlichen Waffen des Katers.

Nun waren wir offiziell eingeschriebene Mitglieder in Hillys erlesener Räuberschar. Ich war mir nicht so sicher, ob ich mich über diesen Karriereschritt freuen sollte. Die Aussicht, daß mein Konterfei mit dem höchst unerfreulichen Titel

Gesucht

Tot oder lebendig,

Belohnung: 1 Sack Kartoffeln,

demnächst an allen möglichen Bäumen prangen dürfte, schlug mir arg auf das Gemüt. Vermutlich würde mein Meister, sollte er jemals wieder auftauchen, die Belohnung noch um ein paar Mohrrüben und eine Flasche seines selbst Gepanschten erhöhen, nur um mich in die Finger zu bekommen. Es blieb nur eine Hoffnung. Ich mußte Nobeline wieder auftreiben, möglichst in einem Stück. Anderenfalls war ich erledigt.

Wird fortgesetzt....

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.09.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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