Joachim Güntzel

Das Flüstern Prags

Prag, du unnahbare Schöne, du rätselhaft lächelnde Mona Praha, du viel zu oft schon Gestorbene und immer wieder Auferstandene! Prag, du selbst im Winter blühende Rose mit krallenlangen Dornen, deren süßes und betörendes Gift im Fleisch all derer brennt, die dich einst lassen mussten! Prag, du Fata Morgana meines Herzens, sag mir eines: Erinnerst du dich an mich?

Von Westen her komme ich zu dir. Graue, eintönige Randbezirke ziehen an mir vorbei und gemahnen mich daran, dass dein vergangenes Jahrhundert nicht dein bestes war. Dabei wäre dieser Aufwand gar nicht nötig, denn wie könnte ich je vergessen, was damals geschah. Ich war ja ein Teil davon. Große, grelle Werbeplakate schreien mich an. Wäre es ihnen möglich, dann würden sie mir sicher durch die Scheiben des komfortablen Reisebusses hindurch mitten ins Gesicht springen. Wollen sie mich vielleicht ablenken und die bloße Tatsache deiner Existenz vor mir verbergen? Das gelingt ihnen nicht, denn ich weiß: Du bist noch da, du lebst noch. Zu viel Zeit ist verstrichen seit den frühen Tagen unserer Liebe, zu vieles ist seither geschehen, als dass ich auch nur einen Augenblick nachlassen könnte in meinem Sehnen, dich wieder zu sehen.

Deswegen komme ich heute zu dir.

[Kracks]

„Liebe Fahrgäste, wir haben jetzt die Vororte hinter uns gelassen und nähern uns dem Stadtzentrum. Vor uns liegt die Jirásek-Brücke, an deren Ende Sie gleich das berühmte Tanzende Haus sehen werden. Wenn wir auf der Brücke sind, sollten Sie das Panorama, das sich vor Ihnen ausbreitet, genießen. Der Blick auf das Nationaltheater mit seinem blauen Dach und den goldenen Sternen, auf die Karlsbrücke mit ihren Heiligen-Statuen und den Brückentürmen, sowie auf den Hradschin – die Prager Burg – ist wirklich einzigartig.“

[Kracks]

„Wo ist die Karlsbrücke? Rechts?“ ruft einer der lieben Fahrgäste.

[Kracks]

„Sie sehen die Karlsbrücke auf der linken Seite. Es ist die übernächste Brücke, von unserer Brücke aus gezählt.“

[Kracks]

„Danke!“

Keine Antwort der netten Reisebegleiterin. Stattdessen ein verbindliches Lächeln. Ohne Kracks.

Die Moldau schweigt, als wir sie überqueren. Wie könnte es auch anders sein; ein Fluss kann unmöglich zum Sprachrohr seiner Stadt gemacht werden. Der Fluss ist schuldlos an dem was die Stadt entlang seiner Ufer ausrichtet. Es sind die Menschen, die der Stadt ihr Gesicht geben.

Wie eine schöne Frau liegst du jetzt an die Ufer deines Flusses geschmiegt, dein golden glänzendes Kleid breitet sich über Dächer und Turmspitzen, und dein betörender Duft strömt vom Hradschin herab nach unten, durch die engen Gassen der Kleinseite, über die Brücken der Moldau hinüber in die alte Stadt, über ihre Plätze und Straßen und durch jedes offen stehende Fenster bis in die kleinste Wohnstube hinein. Kein Mann Mann kann dir widerstehen, keine Frau gibt es, die nicht dir gleich sein möchte.

Prag. Gleich wird mein Fuß deinen Boden berühren. Der Bus ist vor einem der großen Häuser am Wenzelsplatz vorgefahren, fast genau an der Statue seines Namensgebers. Der Heilige Wenzel sieht hinunter auf die Stadt seiner Schutzbefohlenen. Hinter ihm steht, wie um ihm den Rücken frei zu halten und ihn vor feigen Angriffen aus dem Hinterhalt zu bewahren, der mächtige Bau des Nationalmuseums.

„Meine Damen und Herren, wir haben unser Ziel erreicht. Bitte achten Sie darauf, kein Gepäck im Bus liegen zu lassen.“

Die Reisebegleiterin steigt zuerst aus. Ich lasse mir Zeit, will den Moment der Begegnung nach so vielen Jahren hinauszögern. Prag, erinnerst du dich an mich? Ich erinnere mich so sehr an dich, dass es mich schmerzt. Jede deiner Regungen spüre ich noch immer auf mir wie den Atem einer fernen Geliebten. Damals hast du mir zugeflüstert, Prag, doch ich habe deine Worte nicht verstanden

Auch Hannah hat zu jener Zeit in mein Ohr geflüstert. Worte der Liebe und der Leidenschaft waren es, die sich in meine Seele brannten. Wir waren jung und unbekümmert, doch die Zeiten waren gegen uns. Sie straften unseren Leichtsinn und unseren Übermut mit unbarmherziger Härte. Und eines Tages musste Hannah gehen, sie wurde abtransportiert, wie man damals sagte. Wir wussten alle, dass das eine beschönigende Beschreibung dafür war, Menschen in den sicheren Tod zu schicken. Ich hätte damals aufbegehren müssen, ich hätte nicht schweigen dürfen. Doch ich habe geschwiegen, wie die meisten anderen auch.

Du warst mutiger als ich, Hannah. Du hast mich getröstet und gesagt, wir würden uns wieder sehen. Ist das der Grund, warum ich nach Prag zurückgekommen bin? Erwarte ich etwa, dir hier zu begegnen?

„War es hier? Habt ihr hier Abschied genommen?“

Plötzlich steht meine Frau neben mir, sie muss mir gefolgt sein. Ich habe gar nicht bemerkt, dass ich vom Hotel aus losgelaufen bin, scheinbar ziellos und doch unfehlbar zu jenem Ort, der ein dunkles Loch in meinem Innersten hinterlassen hat. Es ist seltsam, wieder hier zu stehen, so wie damals.

„Ja“, sage ich. „Hier war es.“ Sie nimmt meine Hand und drückt sie stumm.
...........


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Hier gibt es die ganze Geschichte:
PragMagisch: Geschichten aus der Goldenen Stadt, Taschenbuch (auch als eBook erhältlich), von Sina Schneider (Herausgeber, Autor), Teresa Ginsberg (Herausgeber),

  • Verlag: p.machinery Michael Haitel; Auflage: 1 (April 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 394253360X
  • ISBN-13: 978-3942533607

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.09.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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