Heinz Werner

Vergänglichkeit

 

Vergänglichkeit

(Herbst 2017)

Im Alten Testament ist der Staub der Inbegriff der Vergänglichkeit. Vergänglichkeit wird auch mit einer Blume verglichen, die in Schönheit blüht und verblüht, mit Gras, das wächst und verwelkt oder abgeschnitten wird. Die Flüchtigkeit des Daseins wird mit dem Bild des Schattens oder eines Windhauchs dargestellt, der kaum spürbar verweht. In der Literatur und der Religion ist dieser Begriff eng mit der Zeit verknüpft, die uns geschenkt wurde und angeblich „die Seele des Seins ist, die allem Leben Wert, Würde und Interesse verleiht“. Es geht vor allem um die Einsicht in die Endlichkeit des menschlichen Lebens.

Im <Der kleine Prinz> wird Vergänglichkeit als ...vom baldigen Verschwinden bedroht ....beschrieben. Im Allgemeinen versteht man darunter Begrenztheit, Flüchtigkeit, Kurzlebigkeit, Kürze oder in der Philosophie Zeitlichkeit.

Dies soll jedoch kein Artikel über zu tiefgründige philosophische oder theologische Aspekte und Beschreibungen von Vergänglichkeit werden. Nein, ich möchte mir Gedanken machen über diesen Begriff im täglichen Leben. Über Vergänglichkeit, die uns allen auf Schritt und Tritt – manchmal spontan, manchmal unvorbereitet - begegnet und unser Denken und Handeln entscheidend beeinflussen kann. Fast alles was wir tun und empfinden ist vergänglich. Überzeugungen oder Gewissheiten – oder das, was wir dafür hielten – verlieren plötzlich ihre Bedeutung. Prioritäten ändern sich oft schneller als uns lieb ist. Vergänglichkeit begleitet uns vom ersten Tag an bis zu unserem Ende; sie ist der Spiegel unseres Lebens.

Vergänglichkeit erfahren und erleben wir vor allem im zwischenmenschlichen Bereich. Nichts ist mehr vergänglich als Liebes- und Freundschaftsbeziehungen. Die große, unsterbliche und einmalige Liebe wird plötzlich schal, langweilig und uninteressant – oft zur Belastung, manchmal wird sogar Hass daraus. Hehre, überschäumende Gefühle wandeln sich in Desinteresse und Gleichgültigkeit. Das große Schweigen setzt ein, man hat sich nichts mehr zu sagen. Frühere, gemeinsame Interessen gibt es nicht mehr. Zuneigung und Verständnis schlugen in Ablehnung und Unverständnis um. Gesten, die man früher schätzte, kann man plötzlich nicht mehr ausstehen. Gut erinnere ich mich noch an die Leidenszeit und den tiefen Liebeskummer der Tochter eines guten Freundes. Sie hätte alles für ihn getan – bis er ihr eines Abends ohne Vorwarnung erklärte: „Es ist aus, dies war das letzte Mal, dass wir uns trafen – es ist alles vergänglich“. So billig muss es nicht immer sein, aber endlich sind sie schon, diese hochfliegenden, himmlischen Gefühle. Ähnliches gilt für Freundschaften. Man verliert sich aus den Augen. Der gegenseitige Kontakt wird immer spärlicher, die Kommunikation anstrengender. Bald reicht es gerade noch zu Weihnachts- oder Geburtstagsgrüßen, dann hört es ganz auf. Sicherlich schade, aber eben auch Sinnbild der Vergänglichkeit.

Vergänglichkeit ist natürlich viel umfassender und betrifft nahezu jeden Bereich, eigentlich alles im Leben. Heute noch vielversprechende Karrieren enden abrupt; Voraussagen und Erwartungen erfüllen sich oft nicht. Hoffnungen und Träume zerplatzen, Zukunftspläne stellen sich als unrealistisch und als vergängliche Illusionen heraus. Wünsche und Sehnsüchte verwehen wie der sprichwörtliche Windhauch und verschwinden im Nichts.

Genauso kurzlebig, also vergänglich sind Versprechungen und Zusagen von vielen Politikern – leider. Wie oft erinnern sie sich nicht mehr an frühere Aussagen (oder wollen daran nicht erinnert werden). Das waren damals ja andere Voraussetzungen, die Zeiten hätten sich geändert oder die Umstände erforderten nun etwas anderes. Wie schäbig und durchsichtig! Das Geschwätz von damals – und das von heute – dienen in erster Linie nur dem Machterhalt. So einfach ist das oft.

Als sehr kurzlebig erweisen sich auch Macht und Ruhm. Viele sogenannte oder selbsternannte B- oder C-Promis mussten das schmerzhaft erfahren. Sie dachten, sie hätten es nun geschafft, ein dauernder Platz an der Sonne, ein glamouröses Leben seien sicher. Was für eine Fehleinschätzung, was für ein Irrtum? Wenige konnten sich vorstellen, wie schnell Ruhm und Zuneigung vergehen, wie schnell angebliche Berühmtheiten von den Medien und der Öffentlichkeit fallengelassen und mit Gleichgültigkeit und Nichtbeachtung – wenn nicht sogar mit Hohn und Spott – bestraft werden. Dasselbe gilt auch für Sportstars und andere Society-Größen. Schon im Gedicht >Der Ring des Polykrates< kann man nachlesen, wie wenig dauerhaft und verlässlich, wie vergänglich Glück ist. (...Mir grauet vor der Götter Neide; des Lebens ungemischte Freude ward keinem Irdischen zu Theil – Originalzitat aus Schillers Der Ring des Polykrates).

Ich glaube, Vergänglichkeit sollten wir bewusst annehmen und verinnerlichen, um den Augenblick, den wir gerade erleben, intensiv genießen zu können. Wir fürchten oft, dass schöne Ereignisse bald oder zu schnell zu Ende gehen werden, eben weil alles vergänglich ist. Ich meine, das Wissen um die Flüchtigkeit solcher Momente kann uns demütig machen und dazu beitragen, geliebte Menschen und wertvolle, gelebte Zeit mehr zu schätzen. Philosophen nennen das „Schicksalsdemut“. Dies bedeutet nicht, in fatalistische Resignation zu verfallen. Wir sind gehalten, Möglichkeiten und Verheißungen zwischen der Geburt und unserem Tod wahrzunehmen. Unser Alltägliches sollten wir interessierter aufnehmen und erleben. Oft neigen wir dazu, Unangenehmes zu verdrängen und zu hoffen, dass alles so bleibt. Da wir jedoch um die Kurzlebigkeit und Begrenztheit unseres Daseins wissen, könnte diese Einsicht doch auch Grund für Dankbarkeit und Offenheit sein - für all das Schöne das wir erleben dürfen. Konkret heißt das, glücklich sein, mit dem was ist. Ohne Vergänglichkeit wäre das Leben vermutlich unmöglich.

 

Vergängliches können wir auch beobachten in Bereichen außerhalb der großen Lebens- oder Daseinsfragen, außerhalb von Religion oder Philosophie. Ich denke da besonders an Stimmungen und Licht. Wir alle haben das schon erlebt – im Bekanntenkreis, in Partnerschaften oder unter Kollegen. Da ist man euphorisch und himmelhoch jauchzend, es gibt kein Limit und nur wenig später zu Tode betrübt, depressiv und in sich gekehrt. Oft ohne ersichtlichen Grund wechseln Stimmungen von ganz unten nach ganz oben, von abweisend und schroff, zu zugänglich und überaus liebenswürdig. Mit dem Licht ist es ebenso. Jeder, der das sich laufend verändernde Licht beim Blick über weite Täler und offene Landschaften, in den Bergen oder am Meer beobachtet hat, weiß wovon ich spreche. Spektakuläre Sonnenuntergänge mit Lichtschattierungen, wie wir sie noch nie gesehen haben, lassen uns wünschen, diese Momente für immer zu konservieren. Besonders eindrucksvoll ist dies an der See. Die Stimmung verändert sich mit dem Licht – oder umgekehrt. Veränderlich, wie alles im Leben.

 

Das Wort Vergänglichkeit ist für mich vor allem mit einem Namen verknüpft und machte mir die Zeitlichkeit aller unserer Tätigkeiten und unseres Daseins sehr bewusst. Cornelius (was für ein Name – heutzutage heißt kein Mensch mehr so) war ein guter Freund und einer der intelligentesten Menschen, die ich je kennengelernt habe. Wenn er einem auf der Straße entgegenkam, wäre man nie auf die Idee gekommen, dass er ein begnadeter Tangotänzer war. Sein blondes Haar hing ihm wirr um den Kopf, seine Hände waren immer in Bewegung. Er war ziemlich schlank – um nicht zu sagen dürr – schlaksig, groß und etwas linkisch. Trotzdem war er auf allen „Milongas“ (Tango-Tanzabende) ein überaus begehrter Partner. Wie oft hatte er versucht, uns ebenfalls zum Tangotanzen zu bewegen und erklärt, wie hilfreich und förderlich das für unseren Charakter und unserer inneren Balance wäre. Er meinte, die richtige Mischung aus Spannung und Entspannung, aus Führen und Folgen – Grundvoraussetzungen eines guten Tangotänzers – fehlte uns allen. Recht hatte er! Nach einiger Zeit gab er auf. Wir hatten offensichtlich weder das Talent, noch das Gespür und die Gabe, das auszudrücken, was Tango ist, nämlich ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann (Enrique Santos Discepolo)

Cornelius war General Manager eines großen Hotels und lebte schon seit Jahren in einer offensichtlich glücklichen Beziehung mit seinem Freund Swen. Er hatte mal Soziologie studiert, sich dann doch lieber der Touristik und dem Hotelmanagement verschrieben. Das so erfolgreich, dass er nach mehreren Stationen im In- und Ausland bei seinem derzeitigen Job landete. Da er wirklich gut war und phantastisch Menschen führen, verstehen und mit ihnen umgehen konnte, erlaubte man ihm, seine Arbeitszeit flexibel zu gestalten. Er konnte auch mal ein oder zwei Tage wegbleiben, viel von zu Hause arbeiten und später kommen oder früher gehen. Für ihn als ausgesprochenen Individualisten ein willkommenes Arrangement. Ich war immer wieder erstaunt, wie er auf Andere zuging, Verständnis und Wärme vermittelte, ohne eine gewisse Distanz zu verlieren. Er sprach fließend zwei oder drei Fremdsprachen und protzte nie mit seinem wirklich profunden Wissen und seiner sehr guten Bildung. Gesprächspartner hatten das Gefühl, da hört einer zu, ich bin für ihn wichtig. Man konnte über fast alles mit ihm diskutieren, da er sehr belesen war und sich besonders für Entwicklungen und Wissen interessierte, die außerhalb seines Fachgebiets lagen. Eine bemerkenswerte Gabe. Als Chef eines großen und bekannten Hotels empfing und bewirtete er oft wichtige und bekannte Gäste, herzlich, offen und kompetent. Wenn man ihn kannte und genau hinsah, waren große Sensibilität und „In sich gekehrt sein“ aber unübersehbar. Abende und lange Unterhaltungen vor dem Kamin oder mit Freunden waren immer eine Bereicherung, amüsant und ungemein unterhaltend. Wir alle waren froh, ihn zum Freund zu haben. Hin und wieder wunderte ich mich, wie er mit seinem Partner Swen klarkam, da dieser in vielen Dingen das glatte Gegenteil von ihm war. Swen hatte die Figur eines Modellathleten, sah sehr gut aus und war auch im Beruf erfolgreich. Allerdings fehlte ihm die Zurückhaltung und geistige Tiefe von Cornelius. Er war mehr der Extrovertierte, nahm das Leben sehr viel leichter, machte sich weniger Gedanken und war sicher der leichtfüßigere von beiden. Vermutlich war es so, wie oft in Beziehungen: Gegensätze sollen sich bekanntlich anziehen. Cornelius hingegen machte sich sehr viele Gedanken, über Gott und die Welt. Es machte ihn traurig und nervös, um sich herum zunehmendes Chaos und Unglück zu erleben. Er sorgte sich um die Umwelt, beschwerte sich über allgegenwärtige Korruption und eine – wie er es nannte – Verblödung des Westens. Den Werteverfall unserer Gesellschaft fand er besonders bedrohlich. Obwohl ich eigentlich grundsätzlich zustimmte, versuchte ich, ihm die positiven Seiten unserer Welt und die vielen Annehmlichkeiten die wir genossen, vor Augen zu führen. Es gelang mir nicht immer. Irgendwo blieb er skeptisch und zweifelte. Es erschien ihm alles zu überdreht und zu komplex, fast nicht mehr beherrschbar. Aus solch trüben Gedanken holte ihn nur die Zeit, die er in seinem Haus am Meer verbrachte. Wann immer er Gelegenheit hatte, fuhr er hin. Manchmal nur für ein langes Wochenende, ab und zu auch für länger. Er schwärmte, wie erholsam und friedlich es dort ist, wieviel Kraft das Meer gibt. „Es ist so viel Energie um einen, man spürt sie überall. Man merkt, dass das Individuum dagegen keine Chance hat. Man kann nicht gegen die Natur und die Elemente leben, sondern nur mit ihnen“.

Besonders erinnere ich mich an einen Satz, den er mal so nebenbei nach einem Essen mit zwei weiteren Bekannten am Schluss sagte. Er meinte, man hätte ihn bisher nur auf gefahrlose Wege geschickt, weil man ihn für schwach hält. “Irgendwann werde ich stark sein, dann kann ich auch gefahrvolle Wege gehen“ schloss er resolut (Hermann Hesse – „Das Glasperlenspiel“: Auf einfache Wege schickt man nur die Schwachen).

Erstaunlich war, wie leicht und ungezwungen Cornelius bei Einladungen oder Partys wirkte. Er kam gut an, war ein begehrter Gast. Es war einfach nett, ihn dabei und um sich zu haben und ihm zuzuhören. Er konnte sogar witzig und überaus schlagfertig sein. Als wir das letzte Mal bei gemeinsamen Bekannten eingeladen waren, erschien er besonders gut gelaunt. Er hatte auch Grund dazu, denn am nächsten Morgen wollte er für eine Woche in sein Haus am Meer. Endlich würde er wieder mal alleine sein und zu sich selbst kommen. Sein Freund Swen wollte später nachreisen. Als wir uns verabschiedeten sagte er noch: „Ein wirklich schöner Abend, war wieder mal gut Euch zu treffen“. Morgen würde er am Strand stehen, über das Meer schauen und mit sich im Reinen sein. Wir beneideten ihn.

Zwei Wochen später erzählte mir Swen, was vermutlich geschehen war.

Cornelius lief und lief, immer weiter. Das Wasser reichte schon bis zu seinen Knien, nach einer Weile bis zur Brust, dann bis zum Hals. Er lief weiter – bis er den Boden unter den Füßen verlor, einfach weiter.

Seine Freunde und Bekannten haben nie mehr etwas von ihm gehört. Vergänglicher geht es nicht!

 

 

Nachwort:

Als wir uns Monate später trafen und über Cornelius sprachen, fragte ein Freund: Warum nur – es gab keinen Grund? Doch – ich bin fest überzeugt, es gibt immer einen Grund. Wir mögen den nicht kennen, nicht billigen oder verstehen, nicht einmal erahnen, aber es geschieht nie grundlos.

Vergänglichkeit

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.09.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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