Wolfgang Küssner

Der fidele Spatz

Diese kleine tierische Geschichte will von einem fidelen Spatzen namens Piep erzählen. Meinungsverschiedenheiten traten auf, als Piep von der Absicht des Autors erfuhr. Er protestierte sofort. Das sei mal wieder typisch Mensch, über andere – vermutlich negative oder stimmungsmachende -Texte in die Welt zu setzen. Und die Betroffenen koennten sich dann nicht wehren. Es sei doch viel authentischer, wenn er selbst seine Geschichte erzählen würde. Ja, das war überzeugend. Der Leser wird sich hoffentlich nicht daran stoeren. Lassen wir Piep nun zu Wort kommen:

„Danke Wolfgang. Schoen, daß ich Dich überzeugen konnte. Aber mußtest Du den Leser noch um Verständnis, Nachsicht bitten? Denkst Du, ich sei ein Spatzenhirn? Doch lassen wir das jetzt. Also, mein Name ist Piep, das hat der Autor ja schon verraten.  Ich bin ein Spatz. Der Rückschluß vom Titel ist richtig. Tschirp. Ich habe mit Wolfgang auch bezüglich der Überschrift gestritten. Der fidele Spatz – wie das denn klingen würde? Da denkt man doch eher an den volkstümlichen Begriff Fidel (mal mit, mal ohne e) für die Geige, oder an Fidel Castro. Warum nicht einfach der lustige, oder der unternehmungslustige, der vergnügte Spatz? Tschirp. Nein, so ein Titel müsse die Fantasie des Lesers anregen usw. usf. Ich habe mich geschlagen gegeben. Es steht somit 1 : 1. Sie dürfen also fantasieren. Und ich spüre foermlich, wie Sie da an Piepmatz (ich hoffe, nicht an Pipimatz; ersteres ist schon schlimm genug) denken und ihre Vorurteile aktivieren. Spatzenhirn und ähnliches. Das sollten sie schnell vergessen.

Lieschen Müller – so wird wohl der einfache Mensch bei Ihnen tituliert – nennt mich und meine Verwandten Spatzen. Ich mache ihr keinen Vorwurf, sie hat es nicht besser lernen koennen. Doch wir sind Sperlinge, konkret – was mich und meine Freunde betrifft – Haussperlinge. Auf gut Deutsch – oder was ist das nun für eine Sprache – werden wir auch Passer domesticus genannt. Das klingt schon ganz anders, intelligent nicht wahr? Und noch etwas sollten wir hier gleich klarstellen, damit es in Ihr Menschenhirn hineinpasst: Wir Sperlinge werden etwa drei Jahre alt, also drei Menschenjahre; das heißt, in einem Jahr Ihrer Zeitrechnung erleben wir die vier Jahreszeiten 28 Mal.

Die Sperlingologie hat herausgefunden, daß wir Zweibeiner uns vor etwa 10.000 Jahren dazu entschlossen hatten, dem mittler-weile aufrecht gehenden Menschen bei der Eroberung der Welt zu folgen. Das hatte nämlich einen enormen Ernährungsvorteil für uns. Da, wo die Menschen siedelten, Ackerbau betrieben, gab es Nahrung für uns. Ganz schoen clever, nicht wahr? Tschirp. Hatten wir uns urspünglich auf Koerner spezialisiert, so nehmen wir jetzt jedes Nahrungsangebot wahr. Die menschlichen Wissenschaftler nennen das opportunistisches Verhalten. Egal. Erstens gibt es dabei viel zu entdecken und zweitens geht es ums Überleben, da darf, muß man eine gewisse Kreativität an den Tag legen. Diese Flexibilität lassen Menschen häufig vermissen, geben sich einfach ihrem Schicksal hin.

Seit ungezählten Jahren haben wir Sperlinge fast überall auf der Welt eine Heimat gefunden. Unsere Art, also die Haussperlinge (Passer domesticus) haben sich am weitesten auf dem Globus ausgebreitet. Der Italiensperling (Passer italie) ist unser Verwand-ter südlich der Alpen, also in Italien, auf Korsika und Kreta. Der Weidensperling (Passer hispaniolensis) lebt im Raum von den Azoren über das eher südliche Mittelmeer bis nach Vorderasien. Und im Raum Eurasiens, dort, wo es teilweise auch richtig warm wird, leben unsere etwas kleineren Verwandten, die Feldsperlinge (Passer montanus). So, das hätten wir auch geklärt. Tschirp.

Wir sind übrigens alle sehr gesellige Tiere, leben immer in kleinen Gruppen zusammen. Nicht was Sie jetzt denken. Wir leben – bis das der Tod uns schiedet – monogam. Kenn Sie das? So etwas wie diamantene Hochzeit ist bei uns keine Sensation, das ist alltäglich; wird schon gar nicht mehr gefeiert.  Nur weil wir etwas anders als andere Zweibeiner sind, Geselligkeit pflegen, keine Waffen besitzen, die Umwelt nicht verschmutzen, Alkohol meiden, auf Sonnenbräune verzichten, uns nicht gegenseitig umbringen, keine Präsidenten wählen oder ohne Arbeit leben, werden wir von Menschen gern diffamiert. Da ist dann von Dreckspatz die Rede (dabei nehmen wir häufiger ein Staubbad, als so manch ein Mensch sich die Zähne putzt); da ist immer wieder vom Spatzen-hirn die Rede. Wir wissen genau, wann und wo eine Schule endet. Dort gibt es nämlich Futter. Es soll Eltern geben, die ihre Kinder schon mal vergessen. Und dann bitteschoen, das muß jetzt deutlich gesagt werden: Herumvoegeln? Was soll das bitte? Terrettett. Setzen Sie nicht einfach solche schlechten Worte in die Welt. Monogamie ist Trumpf! Tschirp.

Wir Sperlinge folgen auch heute gern dem Menschen. Diesmal aber nicht zur Besiedlung neuer Räume, sondern in den Urlaub. Vor einiger Zeit bin ich mit meiner Frau bei den Italiensperlingen zu Gast gewesen, später reisten wir zu den Weidensperlingen nach Marokko und vor kurzem waren wir bei den Feldsperlingen in Thailand. Das war schon ein Abenteuer. Bekannte von uns fliegen in den Wintermonaten über Gibraltar nach Nordafrika in den Urlaub, doch eine Distanz von 10.000 Kilometern – das geht weder per Wimper- noch Flügelschlag. Erst dachten wir an ein Schiff von Hamburg aus. Doch die Frage stellte sich ganz nüch-tern, ob wir bis zur Ankunft nicht zu sehr gealtert wären. Also hatten wir uns für das Flugzeug von Frankfurt aus entschieden. Im Laderaum ist es zwar recht kalt, doch wir sind ja hin und wieder auch eisige Winter gewohnt. Und elf Stunden Flug, das läßt sich schon bibbernd durchhalten. Gesagt – getan. Meine Frau und ich wählten diesen Weg. Tschirp.

Und da waren wir dann: Piep und Tiep unter südlicher Sonne, bei den Verwandten in den Tropen. Trotz der Wärme trugen alle ihr komplettes Federkleid, während einige Menschen fast nackend in den Einkaufzentren herumliefen. Zur Vorbereitung hatten wir im Reiseführer gelesen, daß unsere Verwandten, also die Feldsper-linge, etwas kleiner seien, leicht anders aussehen würden, nicht so an den Menschen angepaßt wären. Sie würden mehr Staub-bäder nehmen; ihre Verständigung sei von unserer abweichend.

Also: Wir sind sehr freundlich aufgenommen worden, waren vom ersten Moment an Teil einer Sperlingsschar. Ja, sie sind etwas kleiner und leichter als wir, liegt vermutlich an der Wärme. Das Federkleid ist an einigen Stellen etwas anders gemustert. Wenn sie ein Staubbad nehmen, beginnen sie zu menscheln, werden leicht aggressiv. Logisch, wer hat schon gern Zuschauer bei der Koerperpflege. Tschirp. Ob der Reiseführer schon etwas älter war? Das mit dem Zusammenleben mit Menschen stimmt nicht. Distanz? Das haben wir ganz anders erlebt. In greifbarer Nähe von Menschen schwatzen und piepen und zwitschern unsere Verwandten. Übermütige landen auch schon mal auf dem Kopf eines großen Zweibeiners. Dank der Koerpersprache gab es keine Verständigungsprobleme. Weicher und leiser piepen und tschilpen sie. Doch ansonsten? Tschirp oder Tschuip heißt bei ihnen Tsche tsche, zu Terrettett piepen sie Tek Tek Tek. Nun, ich will Sie jetzt nicht langweilen. Nicht das Sie noch überlegen, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen. Es sollte ja nur ein kleiner Eindruck vermittelt werden.

Und das Futter muß ich unbedingt noch erwähnen. In anbetracht der vielen offenen Restaurants eine Reichhaltigkeit, von der man andernorts nur träumen kann. Zum Frühstück flogen wir als kleine Gruppe immer in ein strandnahes Hotel. Reiches Buffett. Tschirp. Mitarbeiter versuchten uns wieder und wieder zu vertreiben. Den Spaß sollten sie haben. Wir flogen eine Runde und – setzten das Picken an anderer Stelle fort. Die meisten Hotelgäste fanden es amüsant, legten uns sogar kleine Leckereien hin. Die Küche in Thailand hat etwas von Schlaraffenland. Das sollten die Spatzen von allen Dächern pfeifen. Tschuip - Drüüü.

Ich koennte noch stundenlang erzählen. Muß jetzt aber wohl zum Schluß kommen. Wolfgang schaut schon kritisch, leicht genervt auf die Uhr. Also Tschüß, nächstes Mal erzähle ich dann mehr. Sonst sagen Sie noch, lieber die Taube auf dem Dach, als den Spatz im Ohr.

Moment. Fast hätte ich´s vergessen. Das unter dieser Geschichte stehende Copyright bezieht sich nur auf die Eingangsworte. Alle anderen Rechte liegen wohl bei mir, dem fidelen Spatzen.... iag, iag.“

 

Mai 2017

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.09.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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