Jürgen Malodisdach

Maienträume im August

 

 

Es ist Sommer, August und der vorletzte Tag, Hannas Geburtstag. Ich gehe durch die kleine Stadt, sehr kleine Stadt eher noch ein mittelgroßes Dorf. Ein paar Hundert Einwohner, gepflegte Strassen, eine Kirche , dazu die übliche Kneipe sogar mit Hotelbetrieb. Ein Freiluftcafe auf dem sonst leeren Platz gehört dazu. Natürlich auch noch ein paar Geschäfte, die aber den Eindruck erwecken, als würden sie um diese Zeit , es war ja fast Mittag, davon träumen, daß ein paar Kunden hereinschauen würden.

Der Frisörladen ist auch noch leer. Vom Bäcker weht ein angenehmer Duft über den Platz. Die Turmuhr auf der Feuerwache zeigt eine Zeit an , die ich nicht erkennen kann. Das ist wohl auch nicht notwendig, denn es ist ja sowieso niemand da, der das wissen möchte.

Die Anzeigentafel oder auch Schaukasten genannt, ist ausgefüllt mit Bekanntmachungen, die den Ort betreffen. Dazu diverse Bilder vergangener freudiger Ereignisse wie Sporterfolge und Feuerwehr-einsätze, Kindergarten und Schulerlebnisse, dem letzten Karnevalumzug und noch vielen anderen Informationen über Vorhaben und Erfolgen der vergangenen Zeit.

Da ich Zeit habe bin ich nach dem ausgiebiegem Studium dieser Informationsquelle durch die Straßen der kleinen Stadt gewandert.

Die angenehme Temperatur dieses Sommertages erleichtert mein Vorhaben. Nach vielen Jahren meiner Sehnsucht möchte ich versuchen, etwas über meine große Liebe zu erfahren. Lebt sie noch, wo und wie hat sie gelebt zu Zeiten unserer Bekanntschaft. Das ist nun schon fünfzig Jahre her. Damals ist Hanna als junge Frau von F. täglich nach M. In ihren Betriebskindergarten gefahren. Wir haben uns immer nur in M. Getroffen und dann etwas unternommen.

Jetzt spaziere ich durch den Ort , sehe mir Häuser und Gärten, Kinderspielplätze, einen kleinen Sportplatz an, auf dem die Tore mit ihren leicht gebogenen Längs-und Querbalken anscheinend auch schon bessere Zeiten gesehen haben. Sie erinnern an wagemutigen Vorstellungen mit leichten O-beinen. Was natürlich absurd ist. Fußballer können, müssen aber nicht solche Beine haben oder gehabt haben. Die Rasenfläche hatte auch nicht das Aussehen einer Rollrasen gepflegten Unterlage für Ballspiele vielerlei Arten.

Gebäude waren dafür überhaupt nicht vorhanden, was ja nichts zu sagen hat, denn die Spieler werden andere Möglichkeiten gehabt haben sich umzuziehen oder auch nur aufzuhalten. So gehe ich vorbei an den hölzernen Barrieren . Die werden den Zuschauern als Stützen ihrer Körper gedient haben und je nach Gemütszustand durch Sieg oder Niederlage ihrer Mannschaft den Druck der Arme oder Beine aufzunehmen und in die Erde abzuleiten. Das sind meine Vermutungen, denn ich war ja hier nie bei den großartigen Sportwettbewerben oder anderen örtlichen Verantstaltungen dabei.

Der Weg führte dann vorbei an einem kleinen Wasserlauf, der aber bestimmt nicht den Sportlern als Reinigungs-oder Erfrischungsbad gedient haben könnte. Die matschigen oder besser gesagt morastigen , leicht erhöhten Ränder des Baches haben bestimmt niemanden zum Baden oder Betreten desselben aufgemuntert.

Und Hanna, war sie auch als Zuschauer an diesem Sportplatz ? Vielleicht auch mit einem Freund oder ihrem Mann ? Ein bißchen Wehmut kommt in mir hoch. Hatte ich doch gehofft an ihrer Seite durch`s Leben gehen zu können.

Natürlich habe ich vor ihrem Kennenlernen andere Frauen gekannt. Natürlich auch mit anderen Frauen alles das getan was man zusammen macht.

Jede Faser gespürt, alles gefühlt was man vorher erhofft hat. Viele schöne Erlebnisse gehabt. Das Leben und die Liebe genossen.

Aber mit Hanna war das alles anders. Nicht nur die ständige Sehnsucht . Das gab es früher auch schon mal. Hanna war vollkommene Hingabe. Eine Übereinkunft ohne Worte sagen zu müssen. Ein Gleichklang von Gedanken und Gefühlen. Und der Taten natürlich auch. Diese Verständnisse und Übereinstimmungen bei den täglichen Erlebnissen, bei der Erledigung von Aufgaben.

Und jetzt stehe ich hier an diesem Bächlein, in diesem Ort , Hannas Heimat. Wandere durch den Ort und frage mich was das soll, was ich jetzt hier mache.

Nach so vielen Jahren ohne Hanna meinen Gedanken und Träumen nachzugehen. Also gehe ich weiter. Wohin ? Was soll ich tun ? Selbst wenn ich Hanna treffen sollte, wenn ich sie erkennen sollte. Wir haben uns ja seit unserer Trennung nicht mehr gesehen. Was sollte ich sagen. Was sollte ich tun. Was will ich überhaupt.

Ich gehe weiter. Kreuz und Quer durch die Strassen und Gassen des Ortes. Vorbei an schönen gepflegten Vorgärten. Betrachte die Vielfalt der Pflanzen, der Blumen der Häuser mit ihren Zäunen aller Art. Gehe vorbei an der mir noch bekannten Wohnungsanschrift. Die habe ich nie vergessen.

Natürlich sehe ich mir kurz die Namen der Mieter an. Und genau so natürlich ist Hannas mir bekannter Namen nicht dabei. Und da sie geheiratet hatte, war mir auch ihr neuer Namen nicht bekannt.

Bin wohl auch etwas melancholisch . Weis auch nicht, was ich jetzt machen soll. Es ist ganz schön warm um diese Mittagszeit.

Durst habe ich auch. Mir fiel der Marktplatz ein. Bin ja schon einmal vorbei gekommen. Dort gab es eine Gaststätte . Sie wird ja hoffentlich jetzt geöffnet sein. Dann hätte ich die Möglichkeit, meine Bedürfnisse nach Getränken und vielleicht auch nach einem Mttagessen zu stillen.

Ich suche mir einen Orientierungspunkt. Natürlich den Kirchturm, als höchsten Punkt und in der Gewißheit, daß dort der Marktplatz mit der Gaststätte ist. Ich schlage diese Richtung ein. Muß die leicht ansteigende Strasse weiter wandern.

Dabei stelle fest, daß ich die ganze Zeit keiner Menschenseele begegnet bin. Habe nicht einmal jemanden gesehen. Wo sind nur all die Bewohner dieses Ortes.

Da ist ja auch schon die Gastsätte. Mein Magen knurrt, die Kehle fühlt sich an wie die Wüste Gobi. Ein Vergleich den ich nicht begründen kann, denn ich war ja noch nie in der Wüste Gobi. Noch nicht einmal in deren Nähe.

Der Platz mit der Kirche liegt vor mir und als ich mich einmal umdrehe sehe ich weit hinten auf der Strasse eine Frau mit einem Kind an der Hand. Welch ein Wunder, die ersten Menschen hier zu sehen, auch wenn sie noch weit weg sind.

Das ist für mich jetzt ohne Bedeutung. Ich freue mich auf ein frisch gezapftes kühles Bier, das mir der Wirt versprochen hat. Ein freundlicher Ober hat sich sofort an meinen Tisch begeben und da ich der einzigste Gast bin, glaube ich , daß das Bier und mein bestelltes Mittagsmahl schnell gebracht werden.

In der Zwischenzeit habe ich mich mit meiner Umgebung vertraut gemacht. Es sitzt sich angenehm auf modernen Stühlen an sauberem und gepflegtem Tisch im Schatten großer Sträucher. Ich könnte ganz zufrieden sein. Hanna zu finden habe ich ja nicht erreicht. Das ist vielleicht ganz gut so, denn es wäre eventuell nicht besonders gut nach so vielen Jahren eine große wenn auch vergangene Liebe wieder zusehen.

So hing ich meinen Gedanken nach, achtete auch nicht auf meine Umgebung. Nippte noch an dem Rest meines Bieres. Es war wirklich der Rest, denn den größten Teil hatte ich gleich ausgetrunken als ich es bekam.

Guckte versonnen ins fast leere Glas und merkte erst spät, daß ich angesprochen wurde. Ein nettes junges Mädchen fragte schon zum zweiten oder sogar zum dritten mal, ob sie bei mir am Tisch Platz nehmen darf. Nach einer gedanklichen Pause sagte ich spontan, na klar Hanna. War zuerst ich überrascht, weil das Mädchen unbedingt bei mir am Tisch Platz nehmen wollte. Wo doch alle vorhandenen Tische frei waren. Jetzt war die kleine blonde Hanna offensichtlich überrascht. Sie fragte mich woher ich wüßte, daß sie Hanna hieße. Na das steht doch bei dir auf dem Kleid, sagte ich. Ich heiße aber wirklich Hanna, bin zwölf und ledig. Ich mußte lachen und das ziemlich ausdauernd. Sie lachte auch, etwas spitzbübisch, fand ich.

Dann kam der Wirt. Brachte für mich ein neues Bier, und für die kleine Hanna einen Saft oder Limo oder so etwas. Danke Papa sagte sie zum Wirt und drückte ihm ein Küßchen auf die Wange.

Mich wunderte gar nichts mehr. Und jetzt kam auch die ältere Dame , die eine Weile in der Gaststube war. Grüßte und fragte , hat sich meine Enkelin ordentlich benommen ? Ich nickte und Kleinhanna , so nannte ich sie für mich, strahlte, nickte auch und trank ihre Limo.

Dann sagte sie zu mir, daß ist meine Oma. Weiter kam sie nicht. Denn jetzt war ich wieder am Zug und sagte, ja Oma Hanna. Stimmt sagte sie. Wieso auch. Na hier bei euch im Ort heißen wohl alle Frauen und Mädchen Hanna. Oma Hanna lachte wieder , ja hier in F. ist das tatsächlich der Standardvorname. Gibt es da nicht manchmal Verwechselungen ? Ach nööh, sagte sie. Und dabei lächelte sie genauso spitzbübisch wie vorhin Kleinhanna.

Dieses nööh von Oma Hanna machte mich irgendwie unruhig oder auch unsicher oder , oder, oder. Dann sagte sie, dass dieser Ort F. hier im Volksmund der Gegend immer nur Hannalein genannt wird.

Ach so, dachte und sagte ich. Jetzt verstehe ich das vorher Gelesene von Beiträgen auf der Anschlagstafel. Da tauchte dieser Begriff auch schon auf. Ich konnte ihn nur nicht verstehen. Fand es während meiner Lesestunde auch nicht für notwendig, darüber nachzudenken.

So kam es langsam zu einer angenehmen Unterhaltung. Begünstigt auch dadurch, dass ich inzwischen meinen Durst und auch den Mittagshunger gestillt hatte.

Kleinhanna erzählte Schulerlebnisse und ließ sich auch über ihre Freundinnen und Freunde aus. Ich kannte ja Niemanden davon und so waren die Geschichten und Erlebnisse in vielen Einzelheiten vergleichbar mit denen dieser Altersgruppe die auch ich und wohl auch Oma Hanna durchgemacht hatten.

Bevor ich ein paar belanglose Bemerkungen über schulische Leistungen von mir geben konnte, um unsere Gespräche nicht abebben zu lassen, erzählte Kleinhanna von den Ihrigen.

Ach, ein Musterschüler bin ich nicht. Vielleicht guter Durchschnitt. Die nächsten Jahre muß ich mich etwas mehr anstrengen. Möchte ja später mal studieren. Da muß man ja ganz gute Zensuren vorweisen können. Und was möchtest du mal studieren, fragte ich ? Na sowas wie meine Oma mal gemacht hat. Pädagogik, Beschäftigung mit Kindern und Erwachsenen. Es gibt da ja viele Fachrichtungen. Das suche ich mir aber erst später aus. Oma hat auch viel mit Kindern gearbeitet und auch dann sehr verantwortungsvolle Positionen inne gehabt.

Wieder so eine Aussage, die mich veranlaßte eine steigende innere Unruhe zu spüren und dann zu unterdrücken.

Oma Hanna saß mir gegenüber. Und so hatte ich die Möglichkeit, mir diese Frau immerwieder anzusehen. Suchte ich nach vertrauten Gesichtszügen ? Saß vor mir die Frau meiner großen Liebe ? Ich war sehr unsicher. Schließlich gibt es viele Frauen die Pädagogik studiert und dann in den entsprechenden Berufen gearbeitet haben. Aber dieses nööh vorhin.

Dazu manche Einzelheiten, die sie hier erzählte. Über eine Freundin Sigrid und gemeinsame Urlaubsfahrten in ihren ledigen Jugendjahren. Auch in J. War sie und schwärmte von wunderschönen Erlebnissen. Von Tanzabenden von den damals üblichen Bekleidungen und Zubehör wie Schmuck und Haarfrisuren und Haarbändern.

Bei dem letzten Begriff zuckte ich wieder innerlich so zusammen, denn ich habe heute noch so ein Haarband, hellblau, so fünf cm breit und aus einem samtähnlichen Stoff. Gab mir Hanna damals. Ich habe es immer behalten. Fühlte den Stoff des Bandes in meiner Jackentasche, ließ es aber darin. Konnte einfach nicht glauben, was sich hier ereignete.

War das alles Wirklichkeit ? Gab es nicht viele Menschen die so etwas oder Ähnliches erlebten ? Und wieder diese inneren Zweifel. Wer gibt mir das Recht mehr zu erfragen.

Vielleicht Altes aufzufrischen, Hannas Leben in ihrem familieren Umfeld zu stören. Ihre Enkelin, auch eine kleine Hanna, zu irritieren. Nur damit ich eine Bestätigung meiner Vergangenheit bekomme. Nein sagte ich mit einemmal. Ziemlich laut sogar. War selbst darüber erschrocken, meine eigene Stimme zu hören. Ich muß jetzt aufhören zu träumen. Die beiden Hannas waren aufgestanden.

Wir müssen langsam nach Hause gehen. Unsere Männer warten bestimmt schon. Es war ein angenehmer Nachmittag.

Kleinhanna machte ein lustiges, fröhliches Gesicht. Sie hat ja noch das ganze, hoffentlich schöne Leben vor sich. Ging dann ein paar leichte Schritte weiter.

Und Hanna ? Sie reichte mir ihre Hand. Danke sagte sie. Es war schön heute und auch damals vor vielen Jahren. Schade, dass wir uns nicht mehr in C. treffen konnten.

Du bist eine wunderschöne und wunderbare Frau sagte ich zu Hanna. Dein Band werde ich immer behalten.

Unsere Hände waren voller Elektrizität. Wie damals. Auch die letzte schüchterne Berührung unserer Lippen war voller Gefühle. Und wie damals brauste ein Sturm von Tönen und Lichtern, von Schreien und Jubeln, von Freuden und jetzt auch leider voller Traurigkeit.

Und Hanna ging mit ihrer Enkelin langsam ohne sich noch einmal umzudrehen ihres Weges. Während ich immer noch so dastand und den Film in meinem Kopf abspielen ließ, der so begann wie ich ihn nicht vergessen werde................................

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.09.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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