Rudolf Kowalleck

Gabys Lektion

Als Friedhelm Budzynski das Abschlusszeugnis seiner Tochter Gaby betrachtete, war ihm sofort klar, dass hier mit einer normalen Bewerbung nichts zu machen war. Deshalb besann er sich auf seinen alten Freund Peter Nachtigall, mit dem er zusammen die Zeit bei der Bundeswehr durchlitten hatte, wie er es nannte.

Allerdings hieß Peter Nachtigall neuerdings Pierre Rossignol und betrieb den im Umkreis von hundert Kilometern bekanntesten Schönheitssalon „Chez Pierre“. Alle Prominenten verkehrten dort oder zumindest diejenigen, die sich dafür hielten, wie die Frau des Landtagsabgeordneten Elvira Grasser.

Die französische Übersetzung des Namens, sollte Peter Nachtigall wohl dazu dienen, seine gesalzenen Preis zu rechtfertigen.

Zudem konnte Pierre zu seinen Kundinnen äußerst charmant sein, denn er bot ihnen das, was sie zu Hause schmerzlich vermissten: Komplimente

Nach einem Besuch im Salon wäre so manche sogar imstande gewesen, sich beim nächsten Wettbewerb als Miss Germany zu bewerben.

Natürlich hatte Rossignol die kleine Gaby auch niemals angestellt, doch eine kurze Erinnerung an gemeinsame Zeiten durch seinen alten Kameraden Friedhelm ließ ihn seine Meinung ändern.

Gaby allerdings war mit der Entscheidung ihres Vaters gar nicht einverstanden. Sie vertraute lieber ihrer Stimme und wollte Superstar werden, was ihr Vater jedoch ins Reich der Phantasie verwies. Zudem fürchtete sie sich ein wenig vor Pierre Rossingnol, der dafür bekannt war, seinen weiblichen Angestellten mal an den Busen zu grabschen oder über den Po zu streicheln, wenn er sich unbeobachtet fühlte.

Aber Gaby war schlau genug, das väterliche Ansinnen nicht einfach stur abzulehnen, sondern sie beschloss, gleich beiden Herren bei passender Gelegenheit eine Lektion zu erteilen.

Eines Morgens betrat Frau Grasser wieder mal den Salon und nahm in ihren Beautysessel Platz. Sie studierte gerade die neueste Ausgabe einer bekannten Modezeitschrift, als eine mit krächzender Stimme vorgetragene Frage sie aufhorchen ließ.

„Soll ich Sie die Haare waschen?“, fragte Gaby und schaute sie dabei frech über den Spiegel an.

Frau Grassers Entsetzen über die falsche Grammatik und dem ständigen Genuss eines Kaugummis der Fragestellerin hielt sich in diesem Augenblick noch in Grenzen. Sie bejahte die Frage und wollte sich gerade wieder dem Studium ihrer Zeitschrift widmen, als folgender Satz sie zusammenzucken ließ: „Da hab ich allerdings wat vor“, posaunte Gaby lauthals durch den gesamten Salon. „Bei Sie auffem Kopp sieht dat ja vielleicht aus. Wenn ich Sie gezz einen Zopf machen täte, wär dat ja wohl sonne Art Schuppenflechte.“

Dabei setzte Gaby seelenruhig ihre Arbeiten fort, stellte das Wasser an und prüfte mit dem Finger die Temperatur. Alle belanglosen Gespräche indes, die normalerweise in einem Friseursalon geführt werden, verstummten. Sogar die Musikberieselung hatte jemand abgestellt.

Frau Grasser wollte sich gerade lauthals beschweren, doch dann besann sie sich darauf, eine Dame von Welt zu sein und tat so, als habe sie die freche Bemerkung überhört.

Selbst Gaby war erstaunt. Gut, dachte sie. Werde ich eben noch einen draufsetzen.

„Wissen Sie, gnädige Frau“, fuhr sie provozierend grinsend fort, „unser Herr Jesus hat zwar in seine Berchpredicht gesacht, selig sind die Einfältigen, aber Sie kann er damit nich gemeint haben. Bei Sie sind dat inzwischen weit mehr als wie nur eine Falte. Wenn wir da noch wat retten wollen, müssen wir uns wohl die Bügelmaschine vonne Reinigung nebenan ausleihen.“

Dies war nun der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Frau Grasser sprang wutentbrannt aus ihrem Sessel auf und verlor dabei nicht nur einen Ohrring, sondern vollends die Fassung.

„Was fällt Ihnen eigentlich ein, Sie unverschämtes Ding!“, rief sie.

Händeringend kam Pierre Rossignol angelaufen und versuchte verzweifelt „gnädige Frau“ zu beruhigen, aber all seine unterwürfig vorgebrachten Entschuldigungen halfen nichts. Seine prominente Kundin riss ihren Pelz vom Haken und mit den Worten „nie wieder setze ich auch nur einen Fuß über Ihre Schwelle“, entschwand sie mit wehenden und ungewaschenen Haaren.

Gaby wurde natürlich auf der Stelle entlassen und ihr Vater musste sich eine Stunde lang die Beschwerde des brüskierten Ladenbesitzers anhören.

So ist das halt, wenn einer glaubt, im Leben kommt es nicht darauf an, was man kann, sondern nur, wen man kennt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.09.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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