Wolfgang Küssner

Das Rauschen des Meeres - Teil 01

Der Roman war nun doch noch rechtzeitig fertig geworden. Er mochte überhaupt keinen Zeitdruck, er hasste diese engen, knappen, kurzen Zeitspannen. Das führt immer zu Ungenauigkeit, Oberflächlichkeit, zu Fehlern. Das war nicht seine bevorzugte, gar gewohnte Arbeitsweise. Ruhe und Zeit, Reflektion und Feinarbeit, immer wieder die Moeglichkeit zur Recherche, zur Verbesserung, zur Reifung, das Filigrane, Wohldurchdachte, Wohlformulierte, das war sein Anspruch; kein Text mit Schlagloechern. Doch sein Verleger machte Druck. Didier Moreau, Sie müssen unbedingt abliefern. Moreau, Sie arbeiten da an einem großen Thema zur richtigen Zeit. Jetzt kommt es nur noch auf den richtigen Termin an. Moreau, Sie schaffen das. Sie werden mit diesem Roman groß herauskommen. Hugo Durand, Didiers Verleger hatte sich – nach selbst eingeräumten Zugeständnis und sicherlich nicht ganz uneigenützig – schon weit aus dem Fenster gelehnt; das neue Buch bereits in den hoechsten politischen und  gesellschaftlichen Kreisen angekündigt, für Aufmerksamkeit gesorgt und Spannung geschürt. Wenn die Frankfurter Buchmesse im Herbst ihre Tore oeffnete, mußte sein neuer, vielversprechender Roman übersetzt und gedruckt vorliegen. Es sollte eines der großen Themen dieser bedeutenden Messe werden.

1940 hatte die Deutsche Wehrmacht Frankreich überfallen. 44 Jahre später gaben sich der deutsche Kanzler Helmut Kohl und der franzoesische Präsident Francoise Mitterand über den Gräbern von Verdun die Hände zur Versoehung. Berührende Fotos gingen um die Welt. Passend zu diesem Thema nun der neue Roman von Didier Moreau. Es hätte kein besseres Umfeld für das Buch geben koennen, als solch eine Geste des Friedens, der Annäherung. Und so saß er die letzten Tagen an seinem Arbeitstisch mit der Schreibmaschine und der Tischlampe und tippte Seite für Seite seines Manuskriptes in die Tasten. Das fühlte sich manchmal nach Endspurt eines Rennens an. Natürlich war auch ein bisschen Ehrgeiz dabei; bot sich doch die riesige Chance, sich einen Namen in der Welt der Literatur zu machen, der über das hinausging, was er bisher erreicht hatte, was die meisten Kolleginnen und Kollegen nie erreichen würden. Oben wird die Luft bekanntlich immer dünner.

Versoehnung war das Thema seines Romans, d.h. eigentlich ging es um die Liebe. Die Liebe in einer nicht ganz unkomplizierten Dreiecksbeziehung. Da war der blonde, schlanke Hans, ein junger Unteroffizier der Deutschen Wehrmacht, strammer Nazi, mit Karriereambitionen; da war der sportlich durchtrainierte Claude, ein ebenso junger, sein Vaterland liebender Franzose, der tapfer in der Resistance kämpfte; und da war die schoene Nathalie, jung wie die beiden anderen Protagonisten und – wie das Schicksal manchmal so spielt – sowohl in Hans wie auch in Claude verliebt. Das alles ereignet sich in Paris im Jahr 1941 unter der deutschen Besetzung. Nathalie geriet immer tiefer zwischen die Fronten. Da waren die Liebe und das Gefühl für Hans und Claude, da war das Vaterland und die Vernunft, die waren die täglichen Emotionen ihres  Bauches, die Rationalität des Kopfes und die anstrengende, verzweifelte Suche nach einer Loesung, da wuchs der innere Druck, der äußere Druck nahm zu.... In ihrem Innersten, in ihrem Herzen, hatte sich Nathalie längst für die Liebe entschieden. Bis sie eines Tages – etwas vor der vereinbarten Zeit - an Claudes Tür das abgemachte Zeichen klopfte, von innen geoeffnet wurde und Claude im abgedunkelten Zimmer mit – sie konnte es nicht genau sehen – doch dann, ja wirklich - sie Claude gemeinsam mit Hans überraschte.

Die harte Arbeit lag hinter Didier. Der Roman war abgeschlossen. Erleichterung. Der Verleger ausgesprochen zufrieden, denn das Zeitfenster wurde eingehalten. Die finale Entscheidung über den Titel des Buches stand noch aus. Didier hatte längst seine Ideen genannt, seine Vorstellungen mitgeteilt, doch Marketing-Experten hatten mitzureden und Anwälte mußten in punkto Titelschutz konsultiert werden. Da hieß es sich noch ein wenig in Geduld zu üben. Natürlich würde der Verlag für die Entscheidung über den Titel Didiers Zustimmung einholen. Er wußte aus der langjährigen Zusammenarbeit, darauf war Verlaß. Das Lektorat legte jetzt letzte Hand an, die Übersetzung war bereits angelaufen und dann durften, mußten die Druckmaschinen rotieren. Der Zeitplan bis zur Buchmesse war knapp, aber realistisch. Nun, das alles war jetzt nicht mehr Didiers Problem. Er wollte erst einmal Urlaub machen, abschalten, entspannen, Kraft tanken.

Schon mehrmals hatte Didier in früheren Jahren erholsame Urlaubstage an der franzoesischen Atlantikküste verlebt. Nicht die schroffen Felsen der Betragne hatten ihn fasziniert, es waren und sind die endlos scheinenden Dünenlandschaften mit ihren teils hochwachsenden und im Wind sich wiegenden, manchmal auch verneigenden Gräsern, die  Pinienwälder weiter landeinwärts und natürlich das Meer, das Rauschen des Meeres. Hier fühlte er sich wohl. Stundenlang konnte er allein am Strand und in den Dünen wandern. Kein Berg, kein Haus, kein Hindernis stellte sich seinen fliegenden Gedanken in den Weg. Das war die Weite, das war die Oeffnung, die Gedanken, die Ideen brauchen, um zu fliegen, zu reifen. Und immer das seit Millionen von Jahren monotone, mal bedrohliche, mal beruhigende Rauschen des Meeres. Die Luft klar und frisch und unverbraucht, Energie pur.

Didier hatte sich für den zweiwoechigen Urlaub einen kleinen Bungalow am Cap Ferret gemietet. Die Häuser waren in sicherem Abstand zum manchmal recht gewaltigem Meer gebaut worden, das Wasser konnte er nicht sehen, doch er konnte es riechen, die  jodhaltige Luft schmecken. Das Rauschen des Meeres war hier zu hoeren.  

Die Unterkunft hatte Telefon, sodaß er seitens des Verlegers für alle Fälle erreichbar wäre. Ansonsten hatte er die Telefonnummer niemandem gegeben. Didier hatte ein in der Nähe eines Bistros, einer Bar, einer Brasserie gelegenes Ferienhaus gewählt. Das ersparte ihm tägliches Einkaufen, bis auf, klar, bis auf das eine oder andere Fläschchen Bordeaux, denn ohne den konnte und wollte er nicht urlauben. Nein, nein, Didier war kein Alkoholiker. Er trank gern einen guten Wein, konnte aber auch tagelang, wenn es sein sollte, auch wochenlang darauf verzichten. Außerdem war er sehr auf sein Äußeres bedacht, ja, ein wenig Eitelkeit. Wer ist schon frei davon? Er hätte wohl auch eher an Suizid gedacht, als kahlkoepfig, pickelig, knollennasig, faltig und schmerbäuchig durchs Leben gehen zu müssen. Seine leichten Zigaretten hatte er aus Paris mitgebracht. Er war in einem Leihwagen gekommen, um auch hier vor Ort die Moeglichkeit zu haben, den einen oder anderen Ausflug zu machen, beweglich zu sein.

Fortsetzung Teil 2

September 2016

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.09.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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