Peter Kröger

Die Gewohnheit


 

Regelmäßig bin ich viermal im Jahr nach Hamburg gefahren und dann auf einmal nicht mehr. Ich wohnte in Frankfurt, Köln, schließlich in Berlin, fuhr aber, wie gesagt, unbeirrt viermal im Jahr nach Hamburg, aus allen Himmelsrichtungen sozusagen, einer inneren Stimme folgend, die mich aufforderte, genau das zu tun, wieder und wieder, bis ich es satt hatte, ja das war es, ich hatte es satt, die innere Stimme verstummte schlagartig, wie man sagt, und ich blieb Hamburg fern, gelegentlich reiste ich nach Tel Aviv, aber Hamburg mied ich fortan.

Ich habe für diesen Sinneswandel, denn ein solcher war es zweifellos, keine Erklärung, Hamburg war für mich plötzlich zu einem Ort ohne Bedeutung geworden, dieselbe Stadt blieb sie, denke ich, war aber nun völlig ohne Relevanz, sodass meine Reiseaktivitäten sich lediglich, ich wiederhole mich, auf vereinzelte Tel Aviv-Besuche beschränkten, die bis heute meine einzige Abwechslung sind. Hamburg war und ist schön anzusehen, ein Ort großer Tradition und kühler Herrlichkeit, und doch nach unzähligen Jahren, multipliziert mit vier Besuchen, sozusagen ohne mein Zutun uninteressant. Von guten und wohlmeinenden Freunden zum Thema Hamburg befragt, zuckte ich mit den Schultern und schwieg, teils aus Ratlosigkeit, teils aus Scham, immerhin war ich es gewesen, der Hamburg jahrelang in den höchsten Tönen gelobt hatte.

Heute, da ich nur noch nach Tel Aviv reise und nur noch für gelegentliche Besorgungen und kleine Spaziergänge die Wohnung verlasse, denke ich an Hamburg wie an ein Traumgebilde, eingebettet in andere Traumgebilde, entrückt wie sie, wie alles, was Carla mir, sicherlich in bester Absicht, über die Jahre genommen hatte, bevor ich sie bei meinem Besuch in der Hansestadt wie kieselsteingleich in die eiskalten Fluten der Elbe stieß und sie somit ihrem Schicksal überantwortete und aushändigte, wie wir alle irgendwann unserem Schicksal überantwortet und ausgehändigt werden, sei es in Hamburg, Malmö (mir fällt nichts Besseres ein) oder Überlingen.

Ich möchte es an dieser Stelle unmissverständlich sagen: Hamburg ist meinem Fühlen und Sehnen abhanden gekommen, ebenso die einfühlsame, im kühlen Nass eine Weile noch umherrudernde Carla, die ich in neunzehn Jahren sechsundsiebzig Mal zur Stillung meiner damaligen speziellen Sehnsucht aufgesucht habe. Aber die Zeit heilt alle Wunden, und unter Umständen, glücklichen Umständen wohlgemerkt, werde ich Hamburg wieder in meinem Herzen aufnehmen. Schließlich wurden die Nachforschungen und Ermittlungen im Fall Carla, soweit ich weiß, schon lang für beendet erklärt.

Jetzt hat die schöne, aber fordernde Hawa aus der Sonnenhochburg Tel Aviv, als wir uns letzte Woche trafen, sich in den Kopf gesetzt, mit mir einen Elbspaziergang im winterlichen Hamburg zu unternehmen. Wenn sie wüsste, was sie nicht weiß, sie hätte diesen Wunsch nie ausgesprochen, das ist klar. Sogar an einen Umzug denkt sie, warum, entzieht sich meiner Kenntnis, und ich unterlasse es, nachzufragen. Vielleicht ist es, warum nicht, ein Akt der Intuition, ein Abschied vom Hergebrachten.

Viermal im Jahr werde ich sie besuchen, wir werden Hamburg durchwandern und Elbspaziergänge unternehmen, schon bald, ich spüre es, alles beginnt und endet nie. Wäre der Winter nur schon da, kalt und grausam. Es ist Hawas Entscheidung.
Das Telefon klingelt, Carla kann es nicht sein. Ich gehe vor die Tür. Beinahe verlaufe ich mich. Verrückt, diese Welt. Alles kommt, wie es kommen muss.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.09.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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