Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, 19


 

- 8 -


 

Der nächste Morgen zeichnete sich vor allem durch ein böses Erwachen aus. Mein Kopf brummte vom Honigwein wie ein Schwarm verärgerter Bienen, und meine Zunge fühlte sich an, als hätte sie sich über Nacht einen Pelz wie Mikesch zugelegt. Auch mit meiner Sicht schien irgend etwas nicht zu stimmen oder hatte ich etwa schon immer zwei Kater gehabt?

Morgen, Kumpel“, begrüßten mich die spitzohrigen Zwillinge synchron. „Dein Anblick wird am Kochfeuer gebraucht. Die Eier müssen abgeschreckt werden.“

Ich stöhnte in Ermangelung einer geistreichen Erwiderung und wankte zum nahen, plätschernden Bach hinüber, um mich frisch zu machen. Mit einem Ächzen ging ich am Ufer in die Knie, betrachtete mein Spiegelbild in dem sanft dahin fließenden Gewässer und schluckte.

Meine Gesichtsfarbe erinnerte an verschimmelten Käse.

Ich schloß die Augen vor diesem Grauen und steckte meinen Kopf einfach tief in das eiskalte Wasser.

Nie wieder Honigwein, schwor ich mir, während das Blut in meinen Ohren rauschte und mir allmählich die Luft ausging.

Mit einem Prusten, das an ein an Asthma erkranktes Walross erinnerte, kam ich wieder hoch. Leider dröhnte mein Kopf noch immer, als würde Gorgus ihn für ein ambitioniertes Trommelsolo mißbrauchen. Ich bewunderte die tiefen Baßschläge und wankte zum Feuer hinüber, wo ich ein karges Mahl aus trockenen Brot und warmen Tee zu mir nahm. Mehr konnte ich meinem Magen einfach nicht zumuten. Frustriert stellte ich fest, dass ich der einzige zu sein schien, der unter Nachwirkungen der gestrigen Feier litt. Hilly war geradezu unverschämt munter und bereitete schon alles für unseren Abmarsch vor, während Mikesch unternehmungslustig das Lager erkundete. Nur Gorgus, der mich mehr denn je an die Wasserspeier auf Finsterburg erinnerte, leistete mir am Frühstücksfeuer Gesellschaft.

Marsch lang“, dröhnte er vergnügt, wobei er genüßlich Unmengen an Fleisch in sich hineinstopfte, als hieße es, Proviant für eine Woche im voraus zu vertilgen. Ich stöhnte angesichs dieser wenig erbaulichen Information. In meinem momentanen Zustand kam mir schon der Weg zu den Latrinen unvorstellbar weit vor.

Wie sollte ich da bloß einen langen Marsch überleben?

Mit einem unguten Gefühl beäugte ich Hilly, die gestiefelt und gespornt an unser Lager trat und vor Unternehmungsgeist nur so strotzte. Auf dem Rücken trug sie einen ledernen, prall gefüllten Rucksack, und ihre rechte Hand umklammerte den Bogenstab, der ohne Sehne an einen übergroßen Wanderstock erinnerte. Die dazugehörigen Pfeile tummelten sich in einem ledernen Behältnis an ihrer linken Hüfte.

Zeit aufzubrechen. Der erfolgreiche Jäger pirscht im Morgengrauen“, verkündete sie mit einer Entschlossenheit, die ich selbst in hundert Jahren und dem Besuch von unzähligen Motivationskursen nicht empfunden hätte. Also grunzte ich nur irgend etwas Zustimmendes und quälte mich einem angeschossenen Bären gleich auf die Füße. Die Welt um mich herum wankte noch immer fröhlich, aber wenigstens hatte ich wieder nur einen Kater, auch wenn der vollkommen genügte.

Heftiger Sturm in der Birne“, vermutete Mikesch bei meinem Anblick mit schief gelegtem Kopf. „Zeit, den Anker zu lichten, Matrose.“

Ich ersparte mir die Erwiderung und wankte statt dessen den Gefährten hinterher, die bereits mit beunruhigend ausgreifenden Schritten einem schmalen Pfad folgten, der ein Stück weiter im grünen Dickicht verschwand. Ich mußte mich beeilen, um nicht den Anschluß zu verlieren.

Mein Kopf schwirrte angesichts des vor uns liegenden Abenteuers, während wir dem unscheinbaren Pfad kreuz und quer durch ein dichtes Waldstück folgten. Bei Lichte betrachtet, erschien mir meine Idee, als Gaukler aufzutreten und so den Aufenthaltsort von Nobeline ausfindig zu machen und dabei ganz nebenbei auch noch den Zwerg Bärbeiß aus dem Kerker zu befreien, wie die sichere Eintrittskarte zu den Verliesen auf Schrottingham. Auf solch eine Idee kann man wahrlich nur kommen, wenn man genug Honigwein intus hat, war Mikeschs´ einziger Kommentar gewesen, nachdem ich meinen Plan erläutert hatte. Typisch für den Kater. Hilly hingegen hatte meine Idee interessant gefunden und verkündet, sie müsse nur noch ein paar Utensilien dafür zusammensuchen. Die Blicke, die sie uns allerdings bei diesen Worten zugeworfen hatte, bereiteten mir seit dem Magenschmerzen. Die leise Stimme meiner Vernunft verkündete mir süffisant, dass ich im Begriff war, geradewegs in die nächste Katastprophe zu latschen.

Als wir am späten Vormittag hügeliges Gelände erreichten, war ich endgültig überzeugt davon, daß das Ganze der nackte Wahnsinn war und fühlte mich zur Abwechslung mal wieder wie Bobo, das Hausschwein. Mißmutig quälte ich meinen angeschlagenen Körper eine besonders hohe Hügelkuppe hinauf und hielt oben überrascht inne. Trotz meines angeschlagenen Zustandes und des anstrengenden Aufstiegs mußte ich zugeben, daß der Wald nie schöner auf mich gewirkt hatte, als in diesem Moment. Unter uns erstreckte sich eine sanft gewellte Waldlandschaft aus herrlichen Buchen, Eichen, Erlen und Birken, deren Blätter im leichten Frühlingswind leise raschelten. Das morgendliche Sonnenlicht ließ alles um uns herum in frischen Farben leuchten. Sogar Gorgus sah in diesem Umfeld zum ersten Mal fast sympathisch aus. Ein Stück weiter unter uns entdeckte ich einen Teppich aus bunten Blumen, der sich wie ein See in den Wald erstreckte, und über uns jagten einige Vögel leichtsinnige Insekten zum Frühstück. Auf diese Weise hatte ich den Wald noch nie gesehen. Ich war verzaubert, bis ich weit in der Ferne, jenseits des Waldlandes, die gewaltigen, finsteren Mauern einer Burg entdeckte, die sich als drohender Schattenriß vor dem Horizont abzeichneten.

Schrottingham“, informierte Hilly uns, wobei sie mit dem Kopf in Richtung der fernen Mauern nickte und meine Befürchtung bestätigte. Der Weg war in der Tat weit, und das Ziel sah alles andere als verlockend aus. Womit hatte ich das nur verdient....


 

Mehr vom Kater voraussichtlich nächsten Freitag … freue mich, wenn Ihr dran bleibt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.09.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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In meinen Gedichten, schreibe ich mir meine eigene Realität, meine Träume auch wenn sie oft surreal, meistens abstakt wirken. Schreiben bedingt auch meine Sprache, meine Denkmechanismen mein Gefühl für das Jetzt der Zeit.

Ich vernehme mich selbst, ich höre tief in mich rein, bin bei mir, hier und jetzt. Die Sprache ist dabei meine Helfershelferin und Komplizin, wenn es darum geht, mir die Wirklichkeit vom Leib zu halten. Wenn ich mein erzähltes Ich beschreibe, beeinflusse, beschneide, möchte ich begreifen, wissen, welche Ursachen Einflüsse bestimmte Dinge und Menschen auf mein Inneres auf meine Handlung nehmen, wie sie sich integrieren bzw. verworfen werden um mich dennoch im Gleichgewicht halten können.

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