Jürgen Malodisdach

Kalle und Kalle--die Dritte

 

Der Sommer geht nun wieder seinem Ende entgegen, so wie die Natur das in unseren Breitengraden eingerichtet hat. Es wird langsam kühler, die Regenschauer kommen öfter, die Sonne verschwindet immer zeitiger und läßt sich dafür am frühen Morgen immer später sehen.

Das interessiert aber meinen freundlichen Hund Tobi nicht die Bohne. Wenn ihm danach ist gibt er mir zu verstehen, daß es wieder einmal an der Zeit ist zum Spaziergang die Wohnung zu verlassen. Schließlich weiß er am besten , wann er Blase und Darm mal wieder leeren muß.

Was mich dann dazu veranlaßt, alle notwendigen Dinge in meiner schon etwas wetterfesten Kleidung zu verstauen. Dazu gehören ein bißchen Notverpflegung und Wasser für Tobo genauso wie ein paar Leckereien für mich.

Natürlich auch die notwendigen Ausweise und etwas Geld und das Handy. Man weis ja nicht , was unterwegs für Situationen auftreten können wo man etwas davon braucht.

Es regnet zwar noch nicht aber der Himmel sieht nicht gerade sehr freundlich aus.

Tobi bekommt sein Geschirr angelegt und dann geht es zum Auto.

Ich werde ein paar wenige km fahren um in ein Gelände zu kommen , das für uns viel Natur bietet. Wir waren schon oft hier und kennen uns ganz gut aus. Hier gibt es auch noch andere Hundebesitzer mit ihren Tieren und ausreichend Wandermöglichkeiten.

Sogar Bänke und andere Sitzmöglichkeiten für besondere Fälle sind vorhanden. Ein Grillplatz für die unentwegten Grillfreunde ist eingerichtet. Die hungrigen Wanderer müssen dann nur noch ihr persönliches Grillzubehör mitbringen.

Große Wiesen und Miniwäldchen , Sträucher und kleine Wasserläufe bieten den Hunden Platz zum Toben. Und die nutzen das weidlich, ohne die Menschen zu stören oder zu belästigen.

Je näher wir unserem Ziel kommen, desto unruhiger wird Tobi. Er kann aus dem Fenster sehen, wo wir sind. Und als wir auf dem Parkplatz ankommen, steht mein Hund schon auf und jault vor Freude über die kommende Spiel-und Tobemöglichkeit.

Allerdings sind im Moment nur ganz wenige Menschen und noch weniger andere Hunde zu sehen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Raus aus dem Auto und rauf auf die Wiesen, ist alles Eins. Nur das die Wiesen ziemlich naß sind und Tobi nach ein paar Minuten wie ein Wildschwein aussieht, das gerade aus einer Suhle gekommen ist.

Naß und dreckig von oben bis unten und von vorn bis hinten. Das kann ja lustig werden , jetzt schon zum Beginn unserer Wanderung.

Die Wege, auf denen wir uns bewegen sind auch ein einziger Schlammpfad. Jedenfalls teilweise.

Schwere, weil nasse Schuhe, dazu meldete sich mein Problemknie . Ich sage immer, es quietscht .

Wir waren schon eine ganze Weile unterwegs, was meinen Hund nicht störte, mich aber langsam veranlaßte , eine kleine Pause einzulegen.

So suchte ich eine Bank, um ein paar Minuten mein Knie zu beruhigen. Fand aber leider keine. Außer zwei arg demolierte Sitzgelegenheiten. Da ich die Gegend kannte, wußte ich auch , wo Bänke für müde Wandererbeine zu finden waren. Also steuerte ich auf ein nahes Ziel zu.

Das lag hinter der nächsten Wegekreuzung, rechts, versteckt hinunter mehreren größeren Sträuchern.

Tobi mußte mein Plan geahnt haben und steuerte ohne erneute Aufforderung in besagte Richtung. Da waren die Büsche und nun mußte auch gleich die Bank zu sehen sein.

War sie auch. Leider war sie schon vergeben, denn etwas Großes lag darauf und auch darunter. Und nichts rührte sich.

Das war typisch. Kaum ein Spaziergänger war in dem Gelände unterwegs. Ein Teil der Bänke waren kaputt und auf der einzigen Brauchbaren lag ein Penner und schlief seinen Rausch aus. Ich war sauer.

Nicht ,daß ich anderen Leuten nicht gönnen würde diese Bank zu benutzen, sondern das ausgerechnet jetzt diese Bank besetzt war. Naja sagte ich mir. Pech gehabt, gehen wir eben weiter, vielleicht zum Auto. Das stand aber etwa ein km weiter. Zeigte zumindest mein Schrittzähler an, den ich immer am Handgelenk trage.

Langsam ging ich an dem Schläfer, auf der Bank, vorbei. Sein Gesicht war verdeckt. Es war nicht zu erkennen. Nur sein Habitus, sprich Kleidung, kam mir bekannt vor. Ich blickte unter die Bank und sah dort einen dunklen , großen Hund mit einem Seil um den Hals, der offenbar auch schlief. Jedenfalls rührte er sich nicht. Tobi gab auch kein Ton von sich.

Na klar, das waren Kalle und Kalle. Ein Hund und sein Herrchen. Ei Ei Ei.

Der Kalle unter der Bank gab jetzt ein paar laute, mehr ein Gewinsel von sich. Aufstehen konnte er nicht. Das Seil um seinen Hals war von Kalles Herrchen, also auch Kalle, so fest um die Bank gebunden worden, daß sich Hundekalle nicht rühren konnte. Ich machte ihn los. darüber freute sich der Hund offensichtlich. Er kroch hervor , reckte und streckte sich. Jaulte freundlich, weil er uns erkannte. Er war wohl erfreut über seine Erlösung.

Dann konnte ich mich an Kalle auf der Bank wenden. Vorher ist mir nichts aufgefallen. Jetzt stellte ich trotz seines mit der Mütze verdeckten Gesichtes fest, daß er allerlei leise Töne von sich gab. Erstaunlicherweise wirklich leise hörte man ein Schnarchen, Grunzen , Pfeifen, Röcheln. Immer im Wechsel. Er schlief wirklich sehr fest.

Was mache ich jetzt. Ihn wecken oder einfach weiter gehen? Erst einmal habe ich Hundekalle im Visier. Der schlich immer um mich herum und schnupperte an meiner Jackentasche mit den Hundeleckerlis.

Aha, der Bursche hat wie immer Hunger. Na gut, er tat mir leid. Ich habe deshalb mit der Raubtierfütterung begonnen. Denn Tobi stand auch an um seine Anteile zu bekommen. So war ich erst einmal beschäftigt und brauchte mich nicht um den Menschen Kalle zu kümmern.

Der fing aber langsam an sich zu rekeln. Reckte und streckte sich, drehte sich dabei auf der Bank einmal um seine Achse.

Dann ließ er seine Beine von der Bank herunter baumeln, schob seine speckige Mütze aus dem Gesicht mehr in den Nacken. Stützte seine Arme auf die Holzleisten und zeigte sein noch verschlafenen Gesicht dem grauen Himmel.

Sprach kein Wort, gab nur ein paar undefinierte Laute an die Umgebung ab. Ich brauchte nur sein Gesicht mit den großen Augen und den vielen Runzeln zu betrachten um zu sehen , wie es ihm ging.

Da war keine Freude oder Kraft oder Mut oder Zuversicht zu entdecken. Nur Trostlosigkeit. Vielleicht auch Ängste

Er nahm die Leine, also den Strick für seinen Hund in eine Hand.

Der Hund saß vor ihm, sah ihn an. Kalle strich ihm über den Kopf, kraulte seinen Hals.

Alles Scheiße , sagte Karlheinz plötzlich. Das waren die ersten Worte, die ich von ihm hörte.

Dann war wieder Ruhe. Ich hatte jetzt etwas Glück beim Platzangebot auf der Bank.

Kalle hatte ja seine Schlafposition aufgegeben. So konnte ich mich dazu setzen, was mein quietschendes Knie mit Bravorufen quittierte und sein Schmerzpotenzial verringerte.

Dich sieht man ja auch andauernd sagte Kalle, zu mir gewandt. Da hast du Recht sagte ich. Zuletzt vor drei Monaten in Erich`s Kneipe, weil es draußen regnete.

Ich mußte leise lächeln. Kalle auch. Und wenn du denkst, ich habe nicht bemerkt daß Erich eine Wurst vor meinem Hund fallen gelassen hat, dann irrst du. Wir hatten ja kein Geld aber ganz schön Hunger.

Übrigens habe ich jetzt auch Hunger. Habe die Nacht hier auf der Bank geschlafen und gestern erst ein bißchen gegessen. Ich sah ihn an wie ein Wesen aus einer anderen Welt.

Das gibt es nicht. Bist du krank, hast du kein Magen? Das bißchen Geld was wir kriegen ist schon lange alle.

Wir sind zwar geschieden, aber das Leben auf der Strasse ist nicht billig. Deshalb gehen wir mitunter gemeinsame Wege. Auch ohne eigene Wohnung.

Ich habe nur ein paar Kekse, kannst du haben, sagte ich zu ihm.

Du zitterst auch ganz schön. Brauchst du einen kleinen Kreislaufregler ? Hier ist ein kleines Regulierungsgetränk, ein Weinbrand. hilft aber nur kurz.

Wie kommst du überhaupt hier in die Landschaft ? Wir sind mehr als fünf km von deinem Nachtschlafplatz entfernt. Bin einfach immer weiter gewandert, bis ich nicht mehr konnte. Und Claudia, was macht die ? Ich weiß nicht, wir sind geschieden. Manchmal wandern wir zusammen. Paß mal auf, sagte ich. wir gehen jetzt zum Auto, sind noch ein km Weg. Ich fahr dich zum Nachtlager und unterwegs erzählst du mir mal ein bißchen von dir. O.K. ? Gut gehen wir langsam weiter. Kannst ja inzwischen die Kekse knabbern.

Für deinen Kallehund habe ich auch noch etwas zum Kauen. Wir wanderten die für mich bekannten Wege bis zum Parkplatz.

Unterhielten uns weiter, nur noch zwanzig Minuten, stiegen ins Auto und ab ging die Post. Die paar km bis zur Stadt waren ratzbatz vorbei.

Halt, fiel mir noch ein. Kamen an einem Imbißstand vorbei. ich holte für die Beiden eine Tüte mit Abendbrot und Getränken.

Für Kallehund gabs auch noch was, hat mir der Chef der Imbisbude geschenkt nachdem ich ihm in Kurzfassung die Gründe meines Einkaufs erzählt habe.

Nachdem ich meine neuen Kumpels bis an ihre Nachtunterkunft gebracht hatte, haben wir uns für ein neues Treffen verabredet. Verpennt aber nicht , sonst treffen wir uns nicht. Ihr habt ja kein Handy

Ich habe gemerkt, das meine ersten Eindrücke von Kalle und Kalle einer Korrektur bedürfen. Und ich wollte jetzt mehr über die Schicksale der Drei, also auch von Claudia, erfahren.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.09.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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