Eva D.

Zu späte Erkenntnis

Was habe ich getan?
Ich mache die Tür hinter mir zu und lehne mich mit dem Rücken an sie.
Dann schließe ich ab und lege mich auf mein Bett. Versuche zu schlafen.
Unmöglich, merke ich.
Ich finde keine Ruhe, mache Musik an, dreh sie laut auf und versuche zu vergessen.
Nach 10 Minuten mach ich alles wieder aus und geh nach draußen.
Es ist schon fast ganz dunkel und ein kalter Wind weht mir um die Ohren.
Ich renne.
Die Straße runter und geradewegs zur großen Kaufhalle.
Die vielen Menschen, die nach der Arbeit noch ihre Einkäufe erledigen, sie tuen gut.
Ich krame in meiner Jackentasche nach Geld und finde noch 2 Mark, die vom letzten Kinobesuch übriggeblieben sind. Das reicht für eine Cola. Ich laufe in aller Ruhe durch die langen Gänge und stell mich dann an der Kasse an.
Die Schlange, in der ich stehe, ist nicht besonders lang. Schnell bin ich an der Reihe, zahle und verlasse das Gebäude wieder.
Die Straßenlaternen sind inzwischen an und erinnern mich daran, dass ich schon längst hätte zu Hause sein sollen. Aber ich gehe nicht. Noch nicht.
Ich denke an dich.
Denke darüber nach, was ich dir angetan habe.
Eine Träne kullert ganz langsam über meine Wange.
Erst heute habe ich den Grund dafür erfahren. Den wahren Grund für deinen Tod. Heute haben sie mir deinen Abschiedsbrief gezeigt. Ich weine und versuche gleichzeitig, die Tränen mit dem Ärmel wegzuwischen. Erst jetzt fühle ich mich allein.


Dass du nicht warst wie die meisten, die ich kenne, habe ich sofort gemerkt, doch wir verstanden uns so prima, dass ich nicht weiter darüber nachgedacht habe.
Ich wusste nicht, wie sehr es dich belastet hat, nicht sein zu können, wie du bist...
In den 3 Jahren, in denen wir die besten Freundinnen waren, hattest du nie einen Freund. Warum eigentlich? Ich habe immer geglaubt, du seist zu schüchtern. Bei manchen dauerte es eben etwas länger. Das sagte man doch so und es ist nie falsch, auf den Richtigen zu warten.
Ich dagegen schwärmte dir andauernd von neuen Typen vor.
Dann, an deinem 16. Geburtstag, erfuhr ich, wer du wirklich warst. Du hattest keine Lust zum Feiern und wir machten einen Videoabend zu zweit.
Nach einer Weile lagen wir uns in den Armen, und es war nicht wie sonst immer. Ich spürte, dass du mir auf einmal fremd warst. Noch nie hattest du mich so angesehen. Du flüstertest etwas.
Du musstest es dreimal wiederholen, ehe ich mich gefasst hatte und glaubte, was ich verstand.
"Ich liebe dich."

Ich weiß nicht mehr, wieviel tausend Dinge mir in dem Moment durch den Kopf schossen, aber ich werde nie vergessen, wie ich aufgestanden bin und mich ein paar Meter weiter weg stellte.
Was sollte ich denn tun? Entgeistert starrte ich zu dir rüber. Du hast geweint.
Und ich war so hilflos!
Ich verstand die Welt nicht mehr.
'Meine beste Freundin ist... homosexuell.'

Was das bedeutete verstand ich erst langsam.
Ich war noch am selben Abend nach Hause gegangen. Hatte dir gesagt, dass ich ein bisschen Zeit bräuchte und in Ruhe darüber nachdenken müsse.
Warum ist mir nie etwas aufgefallen? Kannte ich dich überhaupt? Wielange weißt du schon, dass du kein Hetero bist? Vielleicht bist du auch nur verunsichert? Immerhin las man in vielen Zeitschriften darüber, und da war es nur eine vorübergehende Phase, die in dem Alter nichts besonderes ist und wieder vorbeigeht. Hoffnung!
Ich habe dich am nächsten Morgen angerufen. Es war ein Samstag.
Deine Eltern waren im Haus und ich sollte mich später nochmal melden, denn sie durften nichts davon erfahren.
Aber ich konnte nicht warten und wir vereinbahrten gleich einen Treffpunkt im Park.

Als wir nebeneinander auf einer Bank saßen, fühlte ich mich unwohl; hab zu dir rübergeschielt und überlegt, wie ich anfange.
Natürlich stellte ich die für mich wichtigste Frage zuerst.
Und du sagtest nur "Ja, ich bin mir sicher. Übrigens bist du die erste, der ich das anvertraue."
Wielange? Deine Antwort war sehr ehrlich und überraschte mich.
"Ich wusste seit meinem 12. Lebensjahr, dass ich mich nicht für Jungs interessiere. Alle Mädchen fingen an, sich in Jungs zu verlieben, aber ich verliebte mich in die Mädchen... ich wusste, dass das nicht normal war, konnte aber mit niemanden darüber reden. Außerdem weißt du ja, wie meine Eltern dazu stehen. Sie hassen Leute wie mich! Ich hab versucht, allein damit fertig zu werden und auch gehofft, es würde sich noch ändern, aber inzwischen habe ich es akzeptiert. Und..."
Dann wiederholtest du die 3 Worte.

Warum hattest du das bloß getan? Alle Dinge, alle, hatten sich dadurch geändert!!
Und ich begann, dich dafür zu hassen, wie du warst.

Auf einmal fuhr ich dich an "Du kannst doch nicht einfach alles kaputt machen?!!
Unsere ganze Freundschaft - wir können sie vergessen!
Freunde entwickeln keine Gefühle füreinander, schon gar nicht solche!!!"

Von da an ging ich dir aus dem Weg; sah dich nur noch in der Schule.
Nicht mal da schaffte ich es, dir in die Augen zu schauen.
Mir fiel es nicht leicht neue Freunde zu finden. Dass du mir fehltest, verdrängte ich.
Ich erzählte niemanden davon, was passiert war, schon deshalb, weil es mir peinlich war,
deine Freundin gewesen zu sein.
Was hätte es für ein Gerede gegeben? Ich sagte immer nur, dass wir einen großen Streit gehabt hätten.
Es war dein Problem und nicht meins und ich tat, als würde mich das nichts angehen.

Du hast noch oft versucht, mit mir zu reden und es zu erklären - ich blockte ab.
Du hast mich angerufen - ich bin nicht mehr ans Telefon gegangen oder habe aufgelegt.
Davon, dass du mir einen Brief geschrieben hast, habe ich erst heute erfahren...

Dass es dein letzter Brief war, den du je schreiben würdest, konnte ich nicht ahnen.

Deine Eltern, strenge Katholiken, hatten heimlich dein Tagebuch gelesen und waren schockiert. Du hast alles versucht, um ihnen irgendwie verständlich zu machen, dass die Situation zwar neu, aber nun mal nicht zu ändern ist.
Sie wollten dich in eine Anstalt stecken. Versuchen dich "zu reparieren". Mit Gottes Hilfe.
Du hast dich in deinem Zimmer eingeschlossen und stundenlang darin ausgeharrt. Hast nur geweint, weil du wusstest, dass es keinen Ausweg gab.
Du solltest deine Sachen packen.
Und hast eine Entscheidung getroffen.
Vielleicht wärst du gegangen, aber gebracht hätte es nichts.
Denn Gefühle kann man nicht ändern oder reparieren.

Immer wieder lese ich mir diese Zeile durch.
Ich fühle mich schuldig.
Auf der Suche nach Akzeptanz und Toleranz bist du nur auf Widerstand gestoßen.
Du warst du und durftest es nicht sein.
Ich verstand deine Liebe nicht, denn für mich war sie nicht richtig. Niemals hätte ich sie erwidern können.
Aber helfen wollte ich dir auch nicht... Alles, was ich tat, war dir aus dem Weg zu gehen.
Ich dachte, ich gehöre nicht zu dir, weil wir uns zu sehr unterschieden. Du warst nicht wie ich.

Doch das einzige, was uns wirklich unterschied, waren unsere Gefühle.
Traurig ist sie schon, diese Gewissheit.
Deine Gefühle haben nicht nur dein Leben bestimmt, sondern auch das Ende davon.
Ohne das du was dafür konntest, waren alle gegen dich.
Auch ich.


Inzwischen war ich zur Kirche gelaufen.
Ich hatte den Türgriff schon mit meiner Hand umschlossen, als mir einfiel, dass Gott mitverantwortlich für das Geschehene war.
Ich hatte vorgehabt zu beichten. Doch warum?
In den Augen meines Herrn hatte ich nichts falsches getan, oder?
Leute wie sie kommen nicht in den Himmel.

Und jetzt verstand ich ihren wahren Schmerz.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.07.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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