Wolfgang Küssner

Das Rauschen des Meeres - Teil 02

Heute war Didier die gut 80 Kilometer lange Strecke um das Bassin d´Arcachon herumgefahren. Er wollte in der Stadt, die der Bucht den Namen gab, ein paar Bücher kaufen; sich langsam an den Urlaub gewoehnen; auf der Terrasse eines schoenen Cafes einen Drink nehmen; ein wenig dem Treiben der vielen Urlauber zuschauen. Für sein kleines Auto hatte er relativ schnell einen Parkplatz gefunden, d.h. er hatte Glück, denn es setzte gerade ein anderes Fahrzeug zurück und er war zur rechten Zeit am richtigen Ort, konnte den Moment nutzen. Von der warmen Sonne beschienen, spazierte er an der Promenade Arcachons Richtung Meer und entdeckte die „Bar du Soleil“ mit Blick auf die Einfahrt zum Bassin und auf das dahinterliegende Cap Ferret. Das Lokal sagte ihm sofort zu und ohne groß zu suchen, fand er einen freien Tisch unter einem schattenspendenden Sonnenschirm mit Blick auf das Meer. Die ideale Konstellation.

So berühmt war Didier nicht, daß er sich verstecken, Schutz hinter einer großen Sonnenbrille suchen mußte. Nur an die sonnigen Lichtverhältnisse mußte er sich nach den arbeitsreichen Wochen an der Schreibmaschine erst wieder gewoehnen und die dunkle Brille, die er jetzt trug, war eine gute Hilfe. Auch mit Starallüren hatte das nichts zu tun. Nein, Didier war in all den Jahren seiner schriftstellerischen Tätigkeit bodenständig geblieben. Er hatte viele Lesungen im Lande absolviert, war manchmal in einer Fernsehsendung Gast; sein Name war in Zeitungen zu lesen. Doch das alles war kein Grund, abzuheben. Und so populär, daß man von Autogrammsammlern angesprochen, vielleicht sogar gejagt wurde, war ein Schriftsteller wohl nie.

Da saß Didier nun in der „Bar du Soleil“. Die Bedienung hatte von seiner Anwesenheit sofort Notiz genommen und kaum, daß er sich gesetzt hatte, stand ein ausgesprochen schoener, schlanker, junger, dunkelhaariger, lockiger, glattrasierter Kellner neben ihm. Bonjour Monsieur. Bienvenue. Ihre Blicke verharrten für einen Moment. – Ja, äh - Bonjour. - Ob der Ober bereits nach seinem Wunsch gefragt hatte, daran konnte er sich nicht erinnern. Didier bestellte ein Wasser. Eine Flasche. Und ein Glas Claret, vom leichten Rotwein aus der nahegelegenen Region Bordeaux. Das würde jetzt am späten Nachmittag angebracht sein. Kaum war der Ober gegangen, wollte er sich mit gerade noch sichtbaren, doch etwas zitternden Händen, eine Zigarette anzünden, aber das Feuerzeug versagte auch beim dritten Versuch den Dienst. Ploetzlich sah er eine kleine Flamme in unmittelbarer Nähe seiner Zigarette aufleuchten. Er hatte den Ober gar nicht bemerkt, als dieser ihm überraschend Feuer anbot. Im ersten Moment wollte Didier schon die Hand des Kellners ergreifen, machte dann aber doch noch einen schnellen Rückzieher. Die Situation bereitete ihm leichte Irritationen. In seinem Kopf arbeitete etwas. Er hätte fast die angezündete Zigarette vergessen. Nach einem kräftigen Zug wurde er etwas ruhiger.

Der Ober servierte die georderten Getränke und erkundigte sich, ob er noch etwas für seinen Gast tun koenne. In seiner kleinen Verlegenheit bat Didier um eine Zeitung. Und kurz darauf stand der Kellner wieder an seinem Tisch, hatte nicht eine Zeitung, sondern die L´Humanité, die Liberation und Le Monde auf den Tisch gelegt. Merci. Merci. Didier überflog kurz die Titelseiten, doch es war offensichtlich: Sommerzeit, Ferienzeit, Sauregurken-Zeit. Da war nichts auszumachen, was auf Anhieb sein Interesse weckte. Vielleicht ist der Kulturteil ja interessanter. Und richtig, im Feuilleton machte sich ein Redakteur Gedanken über die wohl demnächst anstehende Verkündung des Nobelpreisträgers für Literatur 1984.

Das Feuilleton erinnerte, an die erste Verleihung des Preises im Jahr 1901 an den franzoesischen Lyriker und Philosophen Sully Prudhomme, daß André Gide 1947 Preisträger war..... 1925 war Gides erster Roman „Die Falschmünzer“ erschienen. Die für die damaligen Verhältnisse recht freizügige Darstellung von Homosexualität war wohl ursächlich dafür, daß die Resonanz zunächst recht zurückhaltend ausfiel. ...... Gide hatte sich für russische Literatur interessiert, über Dostojewski geschrieben, Novellen von Puschkin übersetzt..... Als sich 1932 in Frankreich die politischen Fronten polarisierten, engagierte er sich aufseiten der Kommunisten. 1936 wurde André Gide vom sowjetischen Schriftstellerband eingeladen, doch am Tag seiner Ankunft am 18. Juni verstarb ihr Präsident Maxim Gorki..... Einblicke hinter die Kulissen sollen bei ihm zu Ernüchterungen, Enttäuschungen geführt haben...... Gide seien seine homosexuellen Neigungen immer bewußt gewesen, Ende des 19. Jahrhunderts habe er mehrfach Zeiten mit dem irischen Schriftsteller Oscar Wilde und dessem Geliebten in Nordafrika verbracht..... Bis zur Toleranz heutiger Tage ist es ein weiter Weg gewesen. 1957 – zwei Jahre und wenige Monate vor seinem Tod – wurde Albert Camus für sein publizistisches Gesamtwerk mit dem Nobelpreis geehrt.

Im weiteren Verlauf des Artikels erinnerte der Autor an Jean-Paul Sartre, dem 1964 der Literaturnobelpreis verliehen werden sollte, diesen Preis aber nicht annahm, da er den Verlust seiner Unabhängigkeit befürchtete...... Geld hatte schon viele verändert, korrumpiert. Und während Sartre 1964 den Literatur-Nobelpreis erhalten sollte, hatte die Katholische Kirche seine Werke 1948 auf den „Index librorum prohibitorum“ gesetzt. Dieser Index listete jene Werke auf, die seitens des Vatikans für verboten erklärt worden waren, da sie sich nicht mit der Sitten-und Glaubenslehre der Kirche zu vereinbaren ließen. Neben Sartres Publikationen waren auch die Werke von André Gide und Simone de Beauvoire in der Vatikan-Datei gelistet. Stolze 6000 Titel fanden bis Ende der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts in diesem Index Platz. Da man später die Flut der Buchveroeffentlichungen nicht mehr kontrollieren konnte, wurde der Index nach dem Zweiten Konzil1965/66 abgeschafft.

Die große Frauenrechtlerin und Lebensgefährtin Sartres, Simone de Beauvior und ihr Welterfolg „Das andere Geschlecht“ wurden erwähnt, die nach Meinung der Zeitung den Preis längst verdient hätte..... Und dann setzte das Rätselraten ein, wer denn wohl in diesem Jahr die Auszeichnung in Empfang nehmen dürfe. Eine Empfehlung hatte der Feuilletonist nicht parat. Ehrlich gesagt, es interessierte Didier auch weniger. Die dort Nominierten spielten in einer Liga für sich. Das war das Sahnehäuptchen des Literatur-Betriebes. Nein, dazu war Didier viel zu bodenständig. Vielleicht hätte er den Preis wie einst Sartre abgelehnt, doch das ist alles die Ebene der reinen Fantasie. Eine gute Position in der Bestsellerliste bei Fnac, das wäre schoen.

Fortsetzung Teil 3

September 2016

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.09.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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