Wolfgang Küssner

Das Rauschen des Meeres - Teil 03

Über die Lektüre hatte Didier die nette Bedienung fast vergessen. Sein Glas war leer, ein weiteres Glas Claret durfte er wohl noch trinken. Er gab dem Ober ein Zeichen, legte die Zeitung beiseite, steckte sich eine weitere Zigarette zwischen die Lippen und als er dann zum Feuerzeug griff - wurde ihm das Problem wieder bewußt. Doch da war erneut der freundliche Kellner, mit einem Glas vom Roten, einem Feuerzeug und einem Lachen im Gesicht. Es würde nicht mehr lange bis zum Einsetzen der Dämmerung dauern. Didier genoß einen Schluck vom frischen Claret, lehnte sich zurück, inhalierte den Tabakrauch und schaute auf das sich langsam verfärbende Meer hinaus. Später würde er noch in die nahe Buchhandlung gehen und ein paar Bücher kaufen. Doch zunächst wollte er die noch wärmenden Strahlen der langsam schwindenden Sonne genießen.

Gedankenversunken schaute er auf die kleinen, goldenfarbenen Wellen und ihrem locker-leichten Spiel in der lauen Brise. Eine Gruppe Jugendlicher, die etwas temperamentvoller auf dem Gehweg vor der „Bar du Soleil“ unterwegs war, holte ihn in die Realität zurück. Am liebsten wäre er sofort in anbetracht der attraktiven Jungs vor seinem Tisch aufgesprungen; sein Koerper deutete bereits eine aufstehende Bewegung an, doch er blieb sitzen, schaute den Jungs nach. Wie alt mochten sie wohl sein? Fünfzehn? Sechzehn? Siebzehn? Er sah ihnen sprachlos hinterher. Und als sie an der nächsten Ecke den Weg Richtung Meer wählten, beugte er seinen Oberkoerper weit vor, um noch einen letzten Blick zu erhaschen. Der Ober hatte ihn offensichtlich beobachtet, zumindest deutete das verschmitzte, charmante, verständnisvolle Lächeln dieses an.

Es war Zeit zu bezahlen, schließlich wollte Didier noch in die nahe Buchhandlung und die würden seinetwegen sicherlich nicht das Geschäft länger geoeffnet halten. Er gab der Bedienung das Zeichen für die Rechnung. Das Trinkgeld ließ den Kellner noch einmal lächeln. Au revoir. Salut. Monsieur. Mit den allerbesten Wünschen für den anstehenden Abend und auf ein moeglichst baldiges Wiedersehen verabschiedete der Ober seinen Gast. Salut! Didier erreichte die Buchhandlung noch rechtzeitig, fand ein paar interessante Werke, zahlte, ging zu seinem Auto und fuhr die lange Strecke um das Bassin herum zurück zu seinem Bungalow am Cap Ferret.

Gut eineinhalb Stunden benoetigte Didier für die etwa achtzig Kilometer lange Fahrt von Arcachon zurück zum Cap Ferret, zu seinem Feriendomizil. Im nahen, einfachen  Bistro kehrte er für ein kleines Abendessen ein. Die Katastrophe in der in dieser Region seit Jahrhunderten betriebenen Austernzucht, schien überwunden, sie standen wieder auf der Menukarte. Didier war aber nach etwas Kräftigerem und so entschied er sich für Coq au Vin und einem Glas Syrah, der hier immer recht trocken ausfällt.

Nach dem Essen drängte es Didier zurück in den Bungalow. Er hatte für fast 600 Franc Bücher erworben, da wollte er noch ein wenig drin stoebern und mit einem Glas Bordeaux den Tag ausklingen lassen. So ging er zu seinem Häuschen zurück. Für die Terrasse war es bereits zu frisch geworden, also wählte er das Wohnzimmer, oeffnete eine Flasche Wein, goß sich ein Glas ein, nahm die Bücher zur Hand und im bequemen Sessel neben der Stehlampe Platz. Die viele frische Luft heute, das etwas kräftigere Abendessen und der Rotwein ließen ihn an diesem Tag nicht alt werden; Müdigkeit machte sich schnell breit.

Im Bett wollte er noch ein paar Zeilen lesen, doch er schaffte es gerade rechtzeitig, die Lampe vor dem Einschlafen zu loeschen. In dieser Nacht schlief er allerdings ausgesprochen schlecht und wußte später nicht, hatte er überhaupt geschlafen, die vielen Träume waren so realitätsnah. Da wollte er die Hand des ihm Feuer gebenden Kellners ergreifen, doch der zog diese immer wieder weg und lachte spoettisch dabei. Da war der blonde Hans und zwang ihn, mit vorgehaltener Waffe, auf die Knie zu gehen, um ihm anschließend Fußtritte zu versetzen. Getarnt hinter einem Strauch gab Claude ihm per Zeichen zu verstehen, es sei jetzt sehr riskant, er moege sich schnell in Sicherheit bringen. Als Claude sich erhob, um ihm die sichere Richtung zu zeigen, sah Didier, daß der Widerstandskämpfer nackt war. Er folgte sofort Claudes Anweisung und lief drei Jungs in die Arme. Sie kamen ihm bekannt vor, doch er wußte nicht woher. Er hoerte erneut den Ober in der Bar laut lachen und wurde wach.

Im ersten Moment wußte Didier gar nicht, wo er war. Langsam kam die Erinnerung zurück. Ein kurzer Blick zur Zeit: Drei Uhr vierzig. Aufstehen? Nein. Er drehte sich auf die andere Seite und versuchte noch einmal einzuschlafen.

Als er erwachte und den Vorhang im Schlafzimmer zur Seite schob, war es längst heller Tag, hatte die Sonne bereits einen beachtlichen Teil ihres täglichen Weges zurückgelegt. Sicherlich würde er jetzt gegen 11 Uhr noch ein kleines Frühstück im Bistro einnehmen koennen. Und nachdem er sich frisch gemacht hatte begab er sich in das kleine Restaurant und orderte einen Café au Lait und Crepes mit Honig. Ein kurzer Blick auf die Tageszeitung: Es war unverändert Sommer und sicherlich wird in Kürze wieder ein Ungeheuer von Loch Ness gesichtet werden und durch den Blätterwald geistern, irgendwo ein Ufo landen, um die Spalten zu füllen. Auf der Straße vor dem Bistro herrschte bereits reges Treiben. Urlauber gingen mit ihren Kindern Richtung Strand, andere Gäste kamen bereits von dort zurück.

Didier hatte für heute einen Spaziergang am Strand geplant. Und so zog er sich nach dem Frühstück um, gab etwas Sonnencreme auf seine weiße Gesichtshaut, auf Arme und Beine, schnappte sich seine Basecap und die Sonnenbrille und begab sich in die Richtung, aus der er das Rauschen des Meeres hoerte. Über die zur Südspitze der Halbinsel führende Straße ging der schmale Weg zunächst durch den Pinienwald zu den vorgelagerten Dünen. Von hier aus führte ein Holzsteg durch den Sand Richtung Meer.

War der Jugendliche, der ihm jetzt auf dem Steg entgegenkam, nicht einer der drei Jungs, denen er gestern in Arcachon hinterher geschaut hatte? Lockig, braungebrannt, freier Oberkoerper, nur ein Handtuch um die Hüfte gewickelt. Ohne Zweifel. Natürlich. Klar. Das ist einer von ihnen. Didier blieb stehen, ließ den jungen Mann näherkommen, um ihn dann zu fragen, ob er gestern zufällig in Arcachon gewesen sei. Ja, dem war so. Er sei gestern mit zwei Freunden dort gewesen, um ihnen die Dune du Pilat zu zeigen. Und was mußte Didier hoeren? Der Junge habe ihn in der „Bar du Soleil“ sitzen sehen. In diesem Moment fiel das Handtuch des Jungen zu Boden und Didiers Blick auf eine leuchtendrote, sexy Badehose, welch reizende Verpackung.

Fortsetzung Teil 4

September 2016

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