Peter Kröger

Springen

 

 

Später schlug Nora vor, endlich zu springen, und zwar augenblicklich, aber das war später, lange nach Allerheiligen, vielleicht Totensonntag, mit ziemlicher Sicherheit sogar war es Totensonntag, wie auch immer, wir sprangen nicht, nicht zusammen, Nora nicht, mit ihrem langen, schwarzen Haar, den grünlich funkelnden Augen, den makellos blitzenden Zähnen, ich nicht, ein aus der Zeit gefallener Graupapagei, wie Nora mich manchmal nannte. Der Sprung stand sozusagen im Raum, immer dachten wir daran und immer fanden wir Gründe, die einen Aufschub rechtfertigten, einmal war es das Wetter, der Mangel an Gelegenheit, dann wieder ein schreckliches Summen in der Luft, das Mutlosigkeit bewirkte, ab und an das blanke Entsetzen vor jeder, auch der kleinsten, Bewegung, das uns abhielt, den sogenannten entscheidenden Sprung zu wagen. Die Tatsachen, sagte mein Freund Wagner schelmisch, nehmen dem Menschen jede Freude, warum nur musste er nach solchen Sätzen regelmäßig losprusten vor Lachen, Wagner, das war klar, würden niemals springen, der dicke, wendige Wagner bevorzugte es, die Dinge anzudenken, ohne ihnen, wie Nora und ich es taten, auf den Grund zu gehen. Wagner, sagte Nora, als wir uns im Winter Gedichte unter der Bettdecke vorlasen, ist ein unernster Mensch, nie im Leben könnte ich Wagner ein Geheimnis anvertrauen, aus Angst, von diesem durch und durch unernsten Menschen nicht ernst genommen und damit vernichtet zu werden. In tausend Jahren wird Wagner in allem Recht haben, ich weiß es, heute jedoch kann ich in Wagner nur einen Menschen sehen, der nicht springen will. Damals waren Nora und ich eng umschlungen unter der Decke eingeschlafen, und die Gedichte mussten warten.

Ich war auf Noras Seite, aber ich habe das überstürzte Handeln mein Leben lang für eine Sünde gehalten, aus diesem Grunde sind Nora, leidenschaftlich und genau in ihrem Wollen, und ich, der Träge und Zaudernde, schließlich getrennte Wege gegangen. Nora ist gesprungen und lebt heute mit ihrer Familie in Leutschach oder Bozen, so genau weiß ich es nicht, und Wagner ist verschollen, von einer Reise nach Rosenheim oder Rastatt nicht heimgekehrt und einfach verschollen, wahrscheinlich tot, aber bei Wagner weiß man nie, ihm ist auch ein übler Scherz zuzutrauen, eine Freundin in Rosenheim, in Rastatt, ein plötzliches Aufbegehren gegen die Tatsachen, irgendwas. Ich jedenfalls bin nicht unzufrieden. Unter der Decke lese ich und springe.

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Die Autorin, geboren 1960, wohnt im Dreiländereck Nordrhein-Westfalen/Hessen/Rheinland-Pfalz. Erst spät hat sie ihr Talent zum Dichten entdeckt und ihre Gedanken und Erfahrungen zusammengetragen. So entstand eine Gedichtsammlung, an der die Autorin gerne andere Menschen teilhaben lassen möchte, und daher wurde der vorliegende Band zusammengestellt.

Das Leben ist zu kurz, um es mit Nichtigkeiten zu vergeuden oder um sich über die Schlechtigkeit der Welt allzu viele Gedanken zu machen. Wichtig ist, dass man sich selbst nicht vergiften lässt und so lebt, dass man jederzeit in den Spiegel schauen kann.

In diesem Sinn denkt die Autorin über Natur, Naturereignisse und ihre Lebenserfahrungen nach. Dem Leser wünscht sie eine positive Lebens-einstellung, viele gute Gedanken und Freude an der Lektüre.

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