Gertraud Widmann

Die Näherin

 

Ich war nun achtzehn Jahre alt, hatte vor zwei Jahren meine Gesellenprüfung
mit Bravour bestanden und war nun gelernte Näherin. Es war also an der Zeit,
meine Lehrwerkstatt zu verlassen und mich neu zu orientieren.

Inzwischen waren wir - Mutter, mein Bruder und ich - in die „Isarvor-stadt“, wie
dieses Münchner Stadtviertel heißt, umgezogen. Mein Vater, der sich nicht "um
viel Geld" von dem alten Zuhause und seiner so geliebten Werkstatt trennen
wollte, blieb noch ein gutes halbes Jahr in der Ruine wohnen. Solange, bis  die
Baukommission eines Tages  dieses Haus schlussendlich wegen Baufälligkeit
endgültig sperrte.

Schon bald hatte ich ganz in der Nähe eine neue Arbeitsstelle gefunden - eine
kleine Schneiderei, "Bella-Moden" hieß die sie. Mit den Kolleginnen hatte ich
bald ein sehr gutes Verhältnis und die Arbeit macht unheimlich Spaß..
Endlich durfte ich tolle Stoffe verarbeiten und „richtige“ Kleidungsstücke
nähen. Es stimmte also doch:  Man sollte sich nach der Lehrzeit einen neuen
Arbeitsplatz suchen, denn sonst bleibt man ewig ein Lehrling.

Eine schöne Zeit war das damals,  bis -  ja bis wir eines Morgens in die Arbeit
kamen und alles war anders ...
Buchstäblich über Nacht waren all die schönen Stoffe, die fertigen Kleider und
Blusen verschwunden! Und auf  den Tischen lagen lauter mausgraue Teile von
Herrenanzügen! Die Firma war an einen Herrenschneider verkauft worden und
und niemand hatte etwas mitgekriegt.
Himmel nochmal, wir würden alle komplett umlernen müssen - von seidenen
Damenblusen, auf die wollenen Herrenhosen.
Das gefiel mir nicht, das gefiel mir ganz und gar nicht.
Zwei Kolleginnen kamen schon am nächsten Tag nicht mehr wieder. Ich hielt
vorerst durch - noch.

Der neue Chef war ein Mann mittleren Alters, sehr blass und sehr "haarig",
zumindest an den Armen, auf dem Kopf allerdings weniger.  Er war ein extrem
hektischer Mensch und Ruhe schien für ihn ein Fremdwort zu sein. Außerdem,
wirklich „fröhlich“ sah er auch nicht drein, eher z`wider (mürrisch, grantig). Vor
allem dann, wenn er hinter seinem Schneidetisch stand, Stoffe zuschnitt und
uns über den Brillenrand hinweg beobachtete …
Jedenfalls, gleich zu Anfang hatte er darauf bestanden, dass wir alle gleiche
Kittel trugen, die er bereits in verschiedenen Größen hatte anfertigen lassen.
Den Stoff für diese hässlichen Teile - lila, mit hellgrünen Pünktchen - hatte er
bestimmt irgendwo recht günstig erstanden.
    Dann führte er den „Stückakkord“ ein. Das hieß, wir mussten zum Beispiel
eine Hose von Anfang bis Ende komplett fertig nähen, dann bekamen wir dafür
fünf Mark. Wenn wir im Laufe der Zeit schneller geworden waren, schafften wir
auch mehr Hosen und schon haben wir nur noch Viermarkfufzig bekommen.
   Mindestens einmal im Monat mussten wir mit ihm den Lohn neu aushandeln
und feilschten wie auf einem Basar. Irgendwann hatten wir die Nase voll und
beschlossen einstimmig am folgenden Freitag zu „streiken“ …

Am darauffolgenden Montag, ich war gerade im Begriff mich umzuziehen,
quäkte die Sprechanlage:
   »Gertraud, zum Chef!«.
Mei Liaba bekam ich einen Anschiss! Denn KEINER außer mir hatte gestreikt,
alle waren brav zur Arbeit gegangen!
   Die nächste Zeit hatte ich natürlich nichts zu Lachen. Aber als ich mich kurz
darauf bei einem Sch… Hosentürl-Reißverschluss mit der Nähmaschine durch
die Fingerspitze des Zeigefingers genäht hatte, schraubte der Chef dann doch
die Nadel aus der Maschine und fuhr mich (samt Nadel im Finger!) ins nächste
Krankenhaus. Bevor er ging, rief er mir doch allen Ernstes noch hinterher:
   »Dass`d mir aber die Nadel wieder bringst, die war sauteuer!«.

Jetzt g`langt`s (reicht es) aber! Andauernd diese grauen, braune, schwarzen
Herrenklamotten zusammen zu nähen und überhaupt, das ganze Drumherum,
es machte mir einfach keinen Spaß mehr. Ich kündigte!
    Ausgestanden war`s aber deshalb auch noch nicht, denn ich musste ja die
Kündigungsfrist einhalten. Und dann kam der Hammer:
Feierabend, alle Kolleginnen waren bereits gegangen, nur ich sollte noch ein
Sakko fertig machen. Ich saß also an der Nähmaschine, als mein Chef plötzlich
den Arm um mich legte und richtig „schmierig“ flüsterte:
   »Gertraud, hast Du Zeit für ein schwaches Stündchen?«
Jaaa freilich, sonst noch was! Auch wenn ich trotz meiner achtzehn Jahre noch
keinerlei Erfahrung in solchen Dingen hatte, wusste ich sofort was Sache war.
Treuherzig (und scheinheilig) sagte ich:
   »Tut mir Leid, ich kann heute keine Überstunden machen, meine Mutter wartet
mit dem Essen auf mich …«.

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