Wolfgang Küssner

Variationen über ein Thema

Dem Kenner, Liebhaber klassischer Musik wird die Überschrift dieser kleinen Geschichte vermutlich sofort etwas sagen. Da werden ihm die Variationen über ein Thema von Haydn op. 56a von Johannes Brahms einfallen, die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach; Elgars Enigma-Variationen melden sich vermutlich ebenso im Kopf an, wie Ravels Bolero; die Rokoko-Variationen von Tschaikowsky, die Symphonischen Etuden eines Robert Schumanns werden wach; Max Reger komponierte Variationen und Fugen von Bach, Rachmaninow nahm sich ein Thema von Corelli vor und die Liste koennte lange fortgesetzt werden. Wikipedia bringt es in Sachen Musik auf den Punkt: „Variation wird ein Teil einer Komposition genannt, der ein Thema melodisch, harmonisch, rhythmisch oder dynamisch verändert.“ Variationen kennt neben der Musik auch die Statistik und die Mathematik und jenes Thema, das Wegbeschreibung heißen koennte. Davon soll hier zu lesen sein.

Da moechte jemand in der ihm noch unbekannten Stadt (nennen wir sie Z) von A (seinem Standort) nach B (seinem Ziel) gehen und bittet unterschiedliche Passanten um eine Wegbeschreibung.

Ein kleines Schulkind antwortet wie folgt: Onkel, das ist ganz einfach. Da drüben siehst Du den Kindergarten, da gehst Du einfach dran vorbei. Dann kommt die Bäckerei, wo Mama immer den leckeren Streuselkuchen kauft. An der nächsten Ecke mußt Du dann links gehen. Kurz darauf siehst Du die Schule. Ich gehe dort in die zweite Klasse. Meine Lehrerin ist Frau Moehrchen. Ist ein witziger Name. Wenn Du an der Schule vorbei bist, kommt kurz darauf ein Kiosk, da kaufen wir uns immer nach Schulschluß Süssigkeiten. Da kannst Du auch über die Straße gehen. Du mußt aber die Ampel drücken und warten, bis das grüne Männchen erscheint. Auf der anderen Straßenseite wohnt gleich meine beste Schulfreundin Melanie. Wir spielen immer zusammen. Achja, Onkel, wo wolltest Du noch hin? Gut. Das ist ganz einfach. Um die nächste Ecke und dann läufst Du gerade darauf zu.

Eine befragte ältere Frau weiß den Weg wie folgt zu beschreiben: Junger Mann, das ist kein Problem, wenn Sie gut zu Fuß sind. In 15 bis 20 Minuten haben Sie das Ziel erreicht. Da vorn sehen Sie die Arztpraxis unserer Hausarztes. Heute Nachmittag ist leider nicht geoeffnet. Ich treffe mich häufig dort mit Frau Merseburger und Frau Hartmann zum Plausch. Gehen Sie daran vorbei. Es kommt später die Post, da hole ich immer meine Rente ab. Mein Mann ist ja schon ein paar Jahre nicht mehr bei mir. An der Ecke ist der große Supermarkt mit den Sonderangeboten am Freitag. Da gehe ich immer mit meiner Schwiegertochter einkaufen. Die hat nämlich ein Auto und kann mich dann zurückfahren. Sie gehen daran vorbei junger Mann, links um die Ecke dann weiter bis zur Fußgängerampel mit speziellem Signalton für Senioren. Gehen Sie über die Straße. Auf der anderen Seite der Straße ist mein Zahnarzt Dr. Hallstein. Also wenn Sie mal einen Zahnarzt.... aber was erzähle ich Ihnen? An der kommenden Ecke halten Sie sich rechts, gehen an dem Discounter vorbei, da gibt es freitags immer gute frische Ware. Und dann sehen Sie auch schon gleich Ihr Ziel.

Oh, da kommt gerade ein nicht mehr ganz junger Pfarrer des Wegs. Wie wird seine Auskunft lauten? Mein Sohn, ich werde Ihnen mit Gottes Hilfe den richtigen Weg weisen. Rechter Hand sehen Sie die Dreifaltigkeits-Kirche. Auf der gegenüberliegenden Seite den christlichen Kindergarten. Doch wandeln Sie auf dieser Seite der Straße. Dann sehen Sie kurz  vor der Kreuzung den Gemeindesaal der evangelischen Johannes-Gemeinde. Das dazugehoerige Haus Gottes, befindet sich gut 300 Meter weiter. Wir pflegen eine intensive Oekumene. Sie sollten hier die Straße überqueren. Linker Hand finden Sie die Schule der Karmeliter und eine Fußgängerampel, die auf Initiative unserer Gemeinde hin dort installiert wurde. Sie sollten sich gleich wieder rechts halten, vorbei am Hospiz und der katholischen Altentagesstätte gehen. Am Ende dieser prächtigen Straße des Herrn hätten Sie einen sensationellen Blick auf die im Tal liegenden Gärten des Krankenhauses St. Katharinen, daneben der wunderschoene Acker des Herrn mit ungezählten Engelsputten. Doch Ihr Ziel ist bereits auf halber Strecke erreicht. Mein Sohn, ich wünsche Ihnen einen sicheren Weg. Gottes Segen sei mit Ihnen.

Ein etwas ungepflegt wirkender, schmerbäuchiger Mann mit einem Dreitagebart kreuzt gerade die Straße. Wie wird seine Wegbeschreibung ausfallen? Was willst´ denn da, Kumpel? Hick. Is auch egal. Also pass auf. Hick. Da vorne ist die Kneipe Bei Lisa und Hermann. Haben gutes, kühles Bier im Ausschank. Nur ein Stückchen weiter kommen die Krombacher Stuben, wenn de mal so gepflegt was trinken willst. Mußt´ aber auch bezahlen. Und dann kommt dieser komische Gemeindesaal, da kann man im Gebüsch immer gut pinkeln. Hick. So, jetzt mußt Du über die Straße Kumpel, aber de weißt ja, Kinder und Betrunkene haben Schutzengel. Also rüber. Im Supermarkt gibs billigen Schnaps. Kann ich nur empfehlen. Büschen weiter kommt der Kiosk von Erna, da trinkt ich gern mal im Stehen mein Bier. Morgens ist nicht so gut, da komm´ immer so viele Kinner und kaufen Lutscher. Jetzt musse noch mal rüber. Da ist auch gleich ein Taxistand. Mußt mal kucken, ob Hassan da ist, der fährt mich auch immer. Echter Kumpel. Kennt die Stadt wie seine Heimat. Nun nimmst de entweder ein Taxi oder läufst die nächste Straße rechts, oder war das links? Nee, nee, das war rechts, oder? Klar rechts, dahinter kommt noch Dieters Imbiß mit ner prima Currywurst und dann bist de schon fast da. Das kannst de gar nicht verfehlen. Hick. Also, machs gut Kumpel.

Von einem etwas zerstreut wirkenden Herrn kommt folgende kurze Anwort: Bezeichnen wir Ihren Standort als A, Ihr Ziel als B. Die Strecke zwischen diesen beiden Punkten beträgt 1.500 Meter, bei einer geschätzten Schrittlänge von 63 cm, müßten Sie das Ziel also nach – nah, haben Sie mitgerechnet? – 3.120 Schritten erreicht haben. Ihre Schuhgroeße habe ich berücksichtigt. Sie werden 20 Minuten benoetigen. Es ist leider keine Gerade, Sie werden zwei 90 Grad Winkel erleben. Nach 300 Metern gehen Sie in die Straße links. Vorbei an der Schule. Ich bin dort Lehrer für Mathematik und Informatik. Jetzt 90 Grad rechts, 500 Meter, also 1.040 Schritte – richtig? – und Sie haben Ihr Ziel B erreicht. Auf Google-Maps koennten Sie sehen, daß die Straße so etwas wie eine Ost-West-Tangente bildet. Noch Fragen? – Nein Danke.

Wer nach Wegen fragt, kann viel erfahren. Wichtig ist dabei fast immer, wer befragt wird. Und werden mehrere Auskünfte von unterschiedlichen Personen eingeholt, verdichtet sich das Bild. Manchmal werden sogar Übereinstimmungen sichtbar. Variationen über ein Thema.

 

Januar 2017

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