Wolfgang Küssner

Das Rauschen des Meeres - Teil 04

Didier hatte sich reflexartig vorgebeugt, um das heruntergerutsche Handtuch aufzuheben. Ich gleichen Moment wollte auch der junge Bursche sein Handtuch heben und so stießen beide leicht mit ihren Koepfen zusammen. Der kurze Schreck führte die beiden Gesichter zusammen, ihre Augen trafen sich, verharrten für einen Moment und dann mußten sie lachen. Spontane Umarmung. Wie heißt Du eigentlich? Ich bin Stephane, Stephane Martin aus Lyon. Entschuldige, ich hätte etwas achtsamer sein koennen. Ich hoffe, es schmerzt nicht und Du trägst keine Beule davon. Nicht der Rede wert. Mein Name ist übrigens Didier. Hättest Du Lust, mich noch ein wenig auf meinem Spaziergang am Strand zu begleiten. Pardon Monsieur, meine Eltern erwarten mich, wir wollten gemeinsam zu Mittag essen. Gern ein andermal. Stephane hob nun leider das Handtuch hoch und schlug es sich um die Hüfte. Ich muß mich beeilen. Salut. Das ist kein Problem. Vielleicht koennen wir uns morgen am Strand treffen. Wie wäre es mit 14 Uhr, wenn es Dir recht ist. Ja gern. Bis morgen. Salut. Salut. Und so trennten sich beide. Stephane ging Richtung Pinienwald, Bungalowanlage; Didier schaute dem Lockenkopf  zunächst hinterher. Als er ihn kaum noch sehen konnte, setzte auch er seinen Weg fort – zum Meer.

Die Wellen hier an der Atlantikküste darf niemand unterschätzen. Auch für noch so gute Schwimmer koennen sie schnell zum Risiko werden. Doch Didier wollte eh nicht im Meer baden, er wollte in der frischen Brise einen Spaziergang machen. Die Gischt der Wellen ließ es ratsam erscheinen, sich nur nahe der Dünen aufzuhalten. Er ging Richtung Norden und hoerte weder die Moewen noch den Wind, weder die sprühenden Wellen noch die spielenden Kinder. Nicht einmal das Rauschen des Meeres vernahm er. Die Begegnung mit Stephane ließ alles andere vergessen. Gestern hatte er ihn in Arcachon kurz gesehen, und Stephane offensichtlich auch ihn, in der Nacht hatte er von dem Lockenkopf geträumt und nun liefen sich beide über den Weg, stand er ploetzlich vor ihm, wohnte Stephane in der selben Anlage. Kann es soviele Zufälle auf einmal geben?

Didier ließ sich mit Blick aufs Meer auf einer kleinen Dünenkante nieder. In seinem Kopf turtelten turbulent die Synapsen, in seinem Bauch taumelten, tanzten erostrunkene Schmetterlinge. Und dann mußte er wieder an die Traumsequenzen denken. Seinen Roman hatte er längst abgeschlossen und doch ließen ihn Hans und Claude, seine Protagonisten, nicht los. Hans hatte die Waffe auf ihn gerichtet, ihn getreten. Es gibt im Buch eine ähnliche Szene, doch logischerweise ohne ihn als Akteur. Und ein nackter Claude wollte ihn in Sicherheit bringen. Ja, Claude war in dem Roman ein- oder zweimal unbekleidet gewesen. Der Kellner aus der Bar. Gut, das war eine ganz aktuelle Begegnung, offensichtlich noch nicht verarbeitet, daß sich der Traum damit beschäftigen mußte.

Viele Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Er griff in den Sand und hielt eine gefüllte Hand davon vor sich. Langsam, einer Sanduhr gleich, rieselte der feine Sand durch seine Finger. Mit jedem Koernchen verrinnt ein Quäntchen, ein kleines Stückchen Stein gewordene Zeit. In hunderten von Jahren wurde dieser Sand aus Stein und Muschel durch die Wellen gerieben, geformt. Jedes Koernchen ein kleines Stückchen Ewigkeit. Das einzelne Sandkorn ist fast nichts, doch die Addition von Millionen und Aber-Millionen Koernern ergibt diesen Strand, der mit dem Wind wandert, der die Sonne speichert, den Gräsern Halt bietet, dem Menschen Freude bereitet, Erholung spendet. Das Leben war einst im Meer geboren, Alles ist miteinander verknüpft.

Didier lehnte sich zurück, legte sich in den Sand, ließ die Sonnenstrahlen Gesicht, Oberkoerper und Beine bestrahlen. War er eben gedanklich noch ein wenig abgedriftet, so hatte er schnell wieder Stephane vor Augen, wie ihm das Handtuch herunterfiel. Didier mußte lachen. Er freute sich auf das Wiedersehen am morgigen Tag. Ein gemeinsamer Spaziergang über den Strand, durch die Dünen. Ach, wäre es doch schon morgen. Die Sonne tat gut, doch er mußte vorsichtig sein. Für heute sollte es reichen. Er trat den Heimweg an.

In seinem Bungalow wieder angekommen, wollte Didier gerade eine Dusche nehmen, als das Telefon klingelte. Es konnte nur der Verlag sein, denn niemand sonst kannte diese Telefonnummer. Und richtig, sein Verleger Hugo Durand war am anderen Ende der Leitung. Ein wenig Smalltalk und der Verleger wunderte sich ein wenig, über die geloeste, die locker-leichte Stimmung, die er Didiers Worten zu entnehmen glaubte. Also der richtige Moment, um über das heikle Thema des Buchtitels zu reden. Didier, wir haben den Titel. „Tage in Paris“. Lass ihn auf Dich wirken. Das ist recht allgemein, richtig - aber dafür ausgesprochen griffig. Der Umschlag wird aus einer Fotomontage bestehen, die Besetzung, Resistance und Liebe zum Ausdruck bringt und somit visuell den Titel „Tage in Paris“ mit Inhalt füllt. Wir haben den Titel getestet und juristisch geprüft, kommt gut an. Wenn Du uns jetzt grünes Licht gibst, geht es in die Produktion. Didier zoegerte einen Moment, überlegte, ob er damit d´accord gehen koennte. Der Verleger merkte offensichtlich das Zoegern und wollte wissen, ob Didier eventuell ein Fax habe, dann würden sie ihm schnell die Fotomontage rüberfaxen. Doch so gut war die Ferienwohnung nun doch nicht ausgestattet. Nein, nein, das ging schon so in Ordnung, Didier hatte in vielen Jahren vertrauensvoll mit seinem Verleger gearbeitet.

Damit war eine wichtige, entscheidende Hürde für seinen Roman auf dem Weg zur Veroeffentlichung genommen. Alles war im Zeitplan. Didier wollte schon auflegen, als der Verleger ihn noch bat, am kommenden Montag gegen 16 Uhr zu einem weitere Telefonat erreichbar zu sein. Dann würde man gerne die bis dahin erarbeiteten Details für die Aktivitäten – Pressekonferenz, Lesung, Interviews, Empfänge, Fernsehen, Signierstunden etc. - rund um die Buchmesse mit ihm absprechen, koordinieren wollen. Okay?

Und während Didier endlich unter die Dusche steigen konnte, begannen bei seinem Verlag in Paris die Marketing- und Promotion-Aktivitäten zur Buchveroeffentlichung. Namhaften franzoesischen und deutschen Zeitungen würde man vorab unverzüglich erste Textproben zur Verfügung stellen. Aber das mußte und sollte Didier im Detail nicht weiter interessieren.Da machte er sich keine Gedanken; dafür gab es die Experten im Verlag.

Fortsetzung Teil 5

September 2016

Copyright by Wolfgang Küssner. All Rights Reserved.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Küssner).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Küssner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.09.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Kein Leben hinter mir: Trauma oder Irrsinn von Klaus-D. Heid



Langsam gehe ich auf das sechzigste Lebensjahr zu. Da hinter mir nahezu jede emotionale Erinnerung »verschwindet«, besitze ich keinerlei sichtbare Erinnerung! Vieles von dem, was ich Ihnen aus meinem Leben berichte, beruht auf alten Notizen, Erinnerungen meiner Frau und meiner Mutter oder vielleicht auch auf sogenannten »falschen Erinnerungen«. Ich selbst erinnere mich nicht an meine Kindheit, Jugend, nicht an meine Heirat und auch nicht an andere hochemotionale Ereignisse, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Krimi" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Wolfgang Küssner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Amelinghausen von Wolfgang Küssner (Reiseberichte)
Der Türsteher von Goren Albahari (Krimi)
SIE und ER von Julia Russau (Alltag)