Peter Kröger

Hastedt


 

Ich hatte damals regelmäßig in Hastedt zu tun, vor allem nachts, wobei Hastedt mit seinen ungefähr einhundert Seelen nun wirklich nichts hergibt für wilde Streifzüge, aber Ann-Susanns profunde Neigungen waren ein fairer Ausgleich für ein unauffällig-träges Dorfleben ohne Gaststätte und den zeitweisen Verzicht auf Duisburg, eine Stadt, an der ich sehr hing.

Dabei habe ich Ann-Susann im Nordfränkischen auf einer Autobahnraststätte beim Tanken kennengelernt, weit entfernt von Hastedt also. Ohne schuldhaften Verzug, wenn ich so sagen darf, war von jenen profunden Neigungen und von den verborgenen Reizen dörflichen Lebens die Rede gewesen, während um uns herum der Güterlastverkehr seinen unerträglichen Lärm absonderte.

Wir verließen den Zapfsäulenbereich, parkten unsere Autos, gingen vergnügt ins Raststättenrestaurant und verdrückten, wenn ich so sagen darf, in aller Gemütsruhe, eine Forelle ''Müllerin'' mit Salzkartoffeln (ich), und eine große Folienkartoffel mit Quark (sie) und kamen uns näher. Ich musste erst noch nach Duisburg fahren, um Geschäftliches zu erledigen und ein paar Herrengedecke mit alten Freunden abzuräumen, aber Ann-Susann versprach, oder vielmehr kündigte sie an, den Acker ihrer Neigungen zu bestellen und mit mir die Ernte einzufahren, wie sie sich ausdrückte. Ich sagte schon, glaube ich, ich liebte Duisburg heiß und innig, aber die Aussicht auf, philosophisch ausgedrückt, Hastedter Imperative, fuhrwerkte in meinen Eingeweiden. Außerdem lockte mich neben der Neigungs-Attitüde der Name Ann-Susann, der mir irgendwie (ich hasse dieses Wort) Glückseligkeit (dieses Wort liebe ich) und ein gerüttelt Maß Verspieltheit (dieses nicht minder) im persönlichen Umgang und Vollzug zu versprechen schien. Den letzten Ausschlag zur Hastedtisierung meines Lebens lieferten die wilden Anfeuerungsrufe der befreundeten Duisburger. Ich solle, so ihr Herrengedeck-Geschreie, mir ja nichts durch die Lappen gehen lassen, ich möge Ann-Susann, oder wie sie heiße (sie hieß so) beim Wort nehmen, so eine Gelegenheit komme nie wieder und dergleichen sehr viel mehr, Unaussprechliches inbegriffen. Der Duisburger, das wurde mir damals klar, kam als Freund auf die Welt, und als Freund wird er abtreten, der Hastedter hingegen ist ein ernster Bekenner, die Hastedterin darüberhinaus eine Missionarin aus Leidenschaft.

Alle Hastedter Mägde und Knechte, alle Pendler und Zugereisten, die sogenannten Dorfoberen und -unteren, ich schloss sie im Laufe der Zeit ins Herz, und es gab Tage, da vergaß ich Duisburg, die Freunde, die Herrengedecke, ganz. Ann-Susann und ihre Neigungen nahmen mich völlig in Beschlag, für eine Weile wurde mir Hastedt Zuflucht und heißgeliebte Wahlheimat zugleich, und ich übertreibe nicht, wenn ich sage: Es hätte immer so weitergehen können.

 

Ann-Susann und ich, wir waren füreinander bestimmt, schon begannen wir, Pläne zu schmieden, ein Urlaub im Nordfränkischen schwebte uns vor, und wenn der Wind lustig mit unseren frisch gewaschenen Strümpfen und Hemden, mit Hosen und Jacken, mit Blazern, Schlüpfern und Schals an der Hastedter Wäscheleine spielte, waren wir glücklich.

 

Doch es kam, wie es kommen musste. Ann-Susann sprach aus, was mutig auszusprechen war. ''It has to end, Alter'', waren ihre Worte, unverkennbar vorgetragen mit Hastedter Akzent, ''we are living in a world of plenty''. Das war es wohl, wenn ich es richtig deutete, und ich schwang meinen Arsch Richtung A1 und suchte das Weite. Die Duisburger Jungs begrüßten den Heimkehrer überschwänglich, und Herrengedeck folgte auf Herrengedeck. Und doch war ich traurig und hatte noch tagelang den Blues. Hastedt fehlte mir, ganz zu schweigen von Ann-Susann. Es mag vermessen klingen, aber ich spüre die heimliche Wucht Hastedts noch heut.

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