Anja Pompowski

Über Geschmack lässt sich streiten

Der Möbelverkäufer verdrehte leicht genervt die Augen. Solche Kunden, die herkamen, ohne sich wenigstens einigermaßen über die Stilrichtung einig zu sein, waren ihm ein Graus. Das Einzige, worüber bei Petra und Bernd Einigkeit bestand, war die Tatsache, dass eine neue Wohnzimmereinrichtung her musste.


Sie wollte was Hochmodernes. Das grellrote Sofa in Lippenform mit dem verheißungsvollen Namen „Sweat Kiss“ sollte es sein, außerdem weiße, kantige Regale und der Couchtisch „Champ“, Hochglanz weiß mit Glasablage.

 

Bernd hingegen favorisierte die Wohnwand „Auenland“ in Eiche rustikal, den dazu passenden Couchtisch „Rotenburg“ und das Ecksofa „Baltikum“ mit strapazierfähigem, beigen Cordbezug und solider Unterfederung. Dieses Sofa war bei Möbelriese-3000 schon mindestens so lange im Programm, wie der Verkäufer dort beschäftigt war. Letztes Jahr hatte er zwanzigjähriges Firmenjubiläum.

 

„Immer muss alles nach deinen Wünschen gehen“, maulte Petra. „Aber damit ist jetzt Schluss! Ich will auch mal was zu sagen haben. Im Übrigen bin ich die meiste Zeit über zu Hause, dann kann ich ja wohl auch bestimmen, welche Einrichtung gekauft wird.“

 

„Das wüsste ich aber, dass immer alles nach meinen Wünschen geht“, konterte Bernd. „Soweit ich mich erinnere, hast du unsere alten Wohnzimmermöbel ausgesucht. Und die waren ja wohl der absolute Fehlkauf, sonst bräuchten wir nicht nach nur achtzehn Jahren schon wieder neue.“

 

„Nach achtzehn Jahren wird es ja wohl allerhöchste Zeit, dass neue Klamotten gekauft werden.“ Der Verkäufer nickte Petra zustimmend zu.

 

„Mag sein; deshalb sind wir ja auch hier“, erwiderte Bernd. „Jedenfalls habe ich keine Lust, meine wohlverdienten Feierabende auf einem Schickimicki-Munsofa zu verbringen. Ich bin doch keine Tunte.“

 

„Und ich will keine Echt-Gelsenkirchener-Barockmöbel.“ Petras Stimme wurde immer schriller. „Da hätten wir ja gleich die Sachen aus Tante Ernas Nachlass übernehmen können.“

 

„Jetzt übertreib mal nicht. Den schönen Eichenschrank kann man mit Tantchens Sperrmüll ja wohl kaum vergleichen. Und die beigefarbene Couch ist so riesig, dass wir bequem beide darauf liegen können“, versuchte Bernd seine Frau von den Vorzügen des Ecksofas „Baltikum“ zu überzeugen. „Auf dem roten Mundsofa könnten wir nur wie die Heringe zusammengepfercht sitzen.“

 

„Typisch!“ Petra stämmte ihre Hände in die Hüften. „Du willst ja auch gar nicht mehr eng mit mir zusammensitzen und kuscheln. Am besten, immer schön auf Abstand. Wie im Bett. Tote Hose, sage ich nur.“

 

„Jetzt mach aber mal einen Punkt.“ Bernd war die Sache sichtlich peinlich; er wurde puterrot. Allmählich wird`s interessant, dachte der Verkäufer.

 

„Außerdem bin ICH derjenige, der das Geld verdient, daher werde ICH ja wohl noch bestimmen dürfen, was davon gekauft wird“, stellte Bernd klar.

 

Damit hatte er das Fass zum Überlaufen gebracht, denn seiner Frau quollen förmlich die Augen aus den Höhlen. Sie schäumte vor Wut. „Wenn das so ist, dann kannst du dir ab morgen deine dreckigen Unterhosen selbst waschen und zusehen, aus welcher Pommesbude du dein Essen herkriegst“, zischte sie, drehte sich auf dem Absatz um und stapfte davon.

 

Er murmelte noch rasch eine Entschuldigung und eilte ebenfalls Richtung Ausgang.

 

Der Verkäufer war sauer. Über eine Stunde lang haben die mich genervt. Völlig umsonst, dachte er. Umso überraschter war er, als Petra und Bernd eine Woche später eng umschlungen abermals das Möbelhaus aufsuchten. Sie hätten sich jetzt geeinigt, ließen sie den Verkäufer wissen, und kauften den rustikalen Wohnzimmerschrank „Auenland“ nebst Eichentisch „Rotenburg“ sowie das Lippensofa „Sweat Kiss“.

 

Der Verkäufer stellte sich diese Konstellation in seinem Wohnzimmer vor und dachte: Naja, wenn das Eheglück davon abhängt…

 

Die Beiden schlenderten mit der Rechnung zur Kasse. Bernd zückte gerade seine Visa-Card, da ertönte eine Stimme aus dem Lautsprecher: „Herzlichen Glückwunsch! Sie sind der dreitausendste Kunde in diesem Jahr. Das heißt, Sie haben eine neue Schlafzimmereinrichtung gewonnen.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.09.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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