Steffen Herrmann

Die Flüchtlinge des dritten Krieges

„Da kommt wieder eine Ladung, schau doch.“

„Mein Gott, sind das viele.“

„Ja, unglaublich. Das müssen hunderte sein, tausende.“

„Die Weissen sehen alle gleich aus.“

„Finde ich nicht.“

„Doch, die ähneln sich. Schau dir doch die langen Nasen an, die stumpfen Augen, die traurigen Münder.“

„Hör auf! Weiss, schwarz, das ist egal. Gott ist für uns alle da.“

„Aber sie sind nicht wie wir. Niemand kann die Weissen verstehen.“

„Das ist wahr.“

„Sie sind selber Schuld an ihrem Elend. Dreimal haben sie die Welt in Schutt und Asche gelegt. Nicht einmal, nicht zweimal. Drei Mal. Und jedes Mal wird’s schlimmer. “

„Zweimal waren es die Deutschen.“

„Hit - ler.“

„Und jetzt?“

„Keine Ahnung, wer schuld ist. Da sagt jeder was anderes.“

„Beim nächsten Mal sind wir auch alle tot.“

„Bei denen ist doch alles kaputt. Alles verseucht und am Sterben. Es heisst Ra-dio-ak-ti-vi-tät.“

„Schau, die letzten gehen über die Rampe. Das Schiff ist nicht gross. Keine Ahnung, wie die da alle reingepasst haben.“

„Mariatta, Du liebst doch die Weissen. Geh doch hin und hol Dir einen!“

„Quatsch.“

„Sie tun mir schon leid. Aber es sind zu viele. Wir können sie nicht alle ernähren.“

„Ja, das Land reicht kaum für uns.“

„Und sie sind auch nicht zu gebrauchen. Sie sind die Hitze nicht gewöhnt.“

„Und sie können nicht arbeiten.“

„Ja, sie ermüden schnell. Und intelligent sind sie auch nicht. Ohne ihre Bücher und Computer können sie einfach gar nichts.“

„Ja, weil sie reich waren. Armut macht intelligent und Reichtum dumm. Wenn Du arm bist, dann musst Du Deine Probleme selber lösen. Wenn du reich bist, brauchst Du nur Geld in die Hand zu nehmen.“

„Das kann jedenfalls nicht so weiter gehen mit diesen Flüchtlingen. Wir müssen die Grenze

dichtmachen.“

„Sollen sie denn im Meer ertrinken?“

„Sollen wir etwa verhungern?“

 

 

 

 

Er war auf dem Nachhauseweg und hatte sich vorgenommen, die am Strassenrand lungernden Bleichgesichter zu ignorieren, doch unwillkürlich hatte er den Blick einer Frau erhascht. Sie war jung und hatte ein vielleicht dreijähriges Kind bei sich, das benommen im Staub stand. Wie die meisten von ihnen sah sie müde und verzweifelt aus. Der winzige Moment des Blickkontaktes hatte genügt, damit sie sich ermutigt fühlte. Sie kam auf ihn zu und streckte ihm ein paar Ohrringe entgegen.

„Bitte“ hauchte sie. „Sie können sie nehmen. Ich brauche etwas zu essen. Für das Kind.“

„Das sind nur Klunker.“ sagte er und wandte sich zum Gehen.

„Warten Sie.“ Hastig wühlte sie in ihrer Handtasche. Einer modischen, dunkelblauen Tasche. Sie kramte Geldscheine hervor, Euros.

„Dann nehmen Sie das. Geld.“

„Das ist nur Papier.“

„Bitte. Ich habe Hunger. Mein Kind hat Hunger.“

„Ich weiss.“ Abdoulai zögerte kurz. „Dann kommen Sie mit mir nach Hause. Es ist nicht weit. Dort können Sie essen und in Ruhe schlafen.“

„Vielen Dank.“

„Wie heissen Sie?“

„Petra.“

„Diesen Namen kenne ich noch nicht.“

Sie liefen schweigend nebeneinander her. Es war eine wenig befahrene, nicht asphaltierte Strasse. Ein paar Ziegen liefen umher und suchten in den Abfällen nach Essbarem, Kinder spielten mit einem ausgebeulte Gummiball. Bald kamen sie zu seinem Haus, ein Junge öffnete rasch die stählerne Tür. Es war ein grosszügiges Gebäude, das in hellem Gelb leuchtete und ein Ziegeldach besass. Beinahe eine Villa.

Im Vorhof waren einige Frauen und schälten Erdnüsse. Ein Junge sass an einem Plastetisch und machte seine Hausaufgaben.

Sie betraten das Haus. Im Eingangsbereich stand eine Frau am Herd, wo Essen kochte. Der Duft von Reis und Fleisch stieg in Petras Nase und sie glaubte, ohnmächtig werden zu müssen vor Wonne. Seit fast zwei Tagen hatte sie nichts gegessen. Alles, was sie in dieser Zeit ergattern konnte, waren ein paar vertrocknete Fische gewesen und die hatte sie ihrer Tochter gegeben.

„Naka nga def?“

„Maa ngi fi rekk.“

„Mbaa kenn feebarul?“

„Deedeet, jam rekk.“

„Nu ngi sant yalla.“

„Kan lan laa?“

„Asylanti“

Sie setzten sich an einen grossen Holztisch am Rande des Wohnbereiches. Eine Frau kam und brachte wortlos eine Karaffe mit Wasser und drei Gläser. Ob es seine Frau, eine Dienerin oder noch jemand anders war, war ihr nicht klar. Die afrikanischen Beziehungsverhältnisse erschlossen sich ihr nicht.

„Das Essen wird bald fertig sein.“ sagte Abdoulai und goss Wasser ein. Das erste Glas reichte er der Kleinen, das nächste Petra und dann bediente er sich selbst.

„Sie sind noch nicht lange in Gambia?“ vermutete er.

„Ehrlich gesagt, erst drei Tage.“

„Und gefällt Ihnen unser Land?“

Sie zögerte. In seiner Stimme hatte kein Funke an Ironie gelegen.

„Ich bin dankbar dafür, hier zu sein.“ sagte sie dann.

„Das Leben kann sehr hart sein.“ murmelte er versonnen, als dachte er an sein eigenes.

Dann schwiegen sie eine Weile. Das Essen wurde gebracht. Gekochter Reis mit Erbsen und vielen Fleischstückchen. Sie ass zwei grosse Teller und schämte sich ein bisschen. Auch die kleine Nicole ass und ass und ass. Minutenlang hörte man nur das Klappern der Löffel.

„Sie haben es schön hier.“ sagte sie irgendwann.

Er antwortete nicht sofort. „Das täuscht“ meinte er schliesslich. „das wird alles verschwinden, bald schon. Nicht das Haus, das bleibt natürlich stehen. Aber all das andere, der Wohlstand, die Behaglichkeit, das kleine wunderbare Glück der Familie, das bleibt nicht mehr lang. Was da oben bei Euch kaputt ist, das gelangt auch zu mir.“

Sie schaute ihn an.

„Sehen Sie, ich bin Apotheker. Ich besitze eine der fünf grossen Apotheken von Serre Kunda. Ich kann das Geschäft nur noch führen, weil ich noch etwas im Lager habe. Aber ich kann keine Medikamente mehr kaufen. Nicht aus Amerika, nicht aus Europa, nicht mal aus China. Jede Infrastruktur, jede Produktion ist zerstört. Ich habe einen Kollegen gefragt, der in Lagos lebt, ob er mir helfen kann. Keine Chance.“

„Tut mir leid.“

„Ach, es gibt Schlimmeres und Gott weiss, was er tut. Wo kommen Sie her?“

„Aus Deutschland.“

„Tut mir leid. Es muss schlimm sein dort.“

„Ja.“ Die Gedanken rasten durch ihren Kopf. Plötzlich hatte sie den Drang zu erzählen. Die Last ihres Herzens, die sich nicht fortwälzen liess, die sie zermalmte, anklingen zu lassen, einem fast Fremden, der ihr zu essen gegeben hatte.

„In Deutschland wohnte ich, bei München. Wir hatten erst vor sechs Monaten ein Haus gekauft, auf dem Land. Sonst wären wir nicht mehr da jetzt, die Nicole und ich, wenn wir es noch nicht gekauft hätten, wie wir auch erst überlegt hatten, wegen dem Geld. Zwei Bomben haben sie abgeworfen auf München. Nicht eine. Zwei Bomben. So etwas Krankes.“

Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Aber sie hatte schon so viel geweint in der letzten Zeit, dass sie damit aufhören wollte und so lange kämpfte, bis sie ihren Schmerz zurückgekämpft hatte.

„Mein Mann hat in München gearbeitet, als es passiert ist. Er ist nicht mehr da. Meine Eltern, meine Schwester, alle waren dort. Alle nicht mehr da. Wir sind die einzigen.“

Niemand vermochte mehr etwas zu sagen. Sie hüllten sich in ein langes Schweigen. Eines der Kinder kam zu ihnen und stellte sich wortlos hin. Auch Nicole stand stumm da. Das Kind streichelte ihre Hand und betastete sie. So blioeben sie lange. Irgendwann liess das Kind sie los und lief fort.

 

 

 

 

Wie jeden Morgen war sie früh aufgestanden. Es war noch kühl, aber schon die ersten Strahlen der Morgensonne hatten Kraft. Sie erhitzte Wasser auf dem Gaskocher, dann suchte sie Nicoles Schulkleider und weckte die Kleine.

„Nicole, du musst aufstehen.“

Das Mädchen öffnete die Augen und stand sofort, wenn auch schläfrig, auf.

Ja, es war ein gutes Jahr.

Aissatou, ihre Chefin und Freundin, hatte ihr ein Atelier überlassen. Es war eine grosse Hütte, etwa zwölf Quadratmeter gross. Hier stand eine Nähmaschine, die ihr den Lebensunterhalt sicherte. Auf einem kleinen Tisch waren Stoffe aufgeschichtet, an der Wand hingen einige fertige Kleidungsstücke. Sie hatte den hinteren Teil des Raumes mit einem Vorhang abgetrennt, so dass sie diesen zusammen als Wohnraum benutzen konnten. Sie besassen eine Matratze und eine Truhe, in der sie ihre Kleidung aufbewahrten. Das wenige Geschirr war in einer Blechschüssel. Auch einen Campingtisch hatten sie.

Eigentlich hatte Petra in einem Büro arbeiten wollen. Sie hatte alles abgeklappert, aber nichts gefunden. Ein paar Toubabs (Weisse) hatten sich solche Jobs ergattern können und die hatte sie damals sehr beneidet. Aber es war nicht einfach. Bei Gamtel, der nationalen Telefongesellschaft war sie schon vom Pförtner abgewiesen worden, bei der Polizei hatte man sie nur ironisch behandelt. Sogar bei der Feuerwehr war sie gewesen. Die Männer sassen auf der Veranda und spielten Karten. Sie waren nett gewesen, hatten aber natürlich auch keine Arbeit für sie.

Dann änderte sie ihre Pläne und beschloss, Schneiderin zu werden. Sie war handwerklich begabt und konnte sich so eine Tätigkeit besser vorstellen als eine Arbeit auf den Erdnussfeldern oder den Orangenplantagen. Sie fand auch eine Frau, die als Lehrling annahm. Geld bekam sie am Anfang gar nicht, aber etwas zu Essen für sich und ihre Tochter. Später erhielt sie dann einen Lohn, fünfhundert Dalasi die Woche, was auch nicht viel war.

Von Zeit zu Zeit kam die Chefin. Sie hiess Aissatou und war eine kräftige, temperamentvolle Frau. Sie lachte viel und konnte auch hingebungsvoll schimpfen.

„Woher kommst du?“ fragte sie einmal.

„Aus Deutschland.“

„Schön. Die Deutschen arbeiten gut. Ich liebe Deutschland.“

So etwas hörte sie manchmal und es gefiel ihr. Ich liebe Deutschland. Ich liebe die Deutschen. Manchmal kam, insbesondere bei Senegalesen, der Nachsatz: Ich liebe nicht die Franzosen!, weil diese viel redeten und wenig taten. Im Gegensatz zu den Deutschen, die ruhig waren und effektiv. Die gross waren und stark. Ein bisschen spröde vielleicht und

auch etwas seltsam. Ja, die nationalen Klisches. Die Nazis schienen hier keine Rolle zu spielen. 'Hitler' war nur ein Wort.

Aissatou kam am frühen Nachmittag. Auf einem blauen Fahrrad, das sie noch nie bei ihr gesehen hatte und vielleicht neu war.

„Naka nga def?“

„Maa ngi fii“

„Ana xale yi?“

„Nu ngi fi rek.“

„Ich will Ataya.“

„Ja. Ich hol den Tee.“

„Hast Du Zucker?“

„Noch ein wenig.“

Petra ging in den Wohnbereich der Hütte, suchte die Utensilien und stellte den Tisch vor die Tür. Als Stühle benutzen sie Betonblöcke, wie sie zum Bauen der Häuser benutzt werden.

Nun begann die langwierige Prozedur des Teekochens. Petra begann damit, doch bald übernahm Aissatou.

„Und wie läuft es?“ fragte Petra.

„Sehr gut. Das Business läuft. Ich habe Photos mit von neuen Modellen, die jetzt gut gehen. Ich zeig sie dir nachher. Es gibt viel Arbeit. Die Chinesen schicken nicht mehr ihre billigen Sachen. Vom Roten Kreuz kommt nichts mehr für die Armen. Alle wollen Kleidung kaufen. Man muss es nur nicht so teuer machen.“

„Wo warst du überall?“

„Zuerst in der Casamance, dann in Dakar. Dakar ist sehr entwickelt jetzt. Siehst Du mein Fahrrad? Das habe ich dort gekauft. Es ist super.“

„Ja, es ist schön.“

„Sie haben eine neue Factory, wo die Fahrräder gebaut werden. Alles neu, super. Und viele Deutsche sind da, viele. Sie arbeiten gut, die Deutschen, sie entwickeln das Land.“

Eine Weile später, die beiden Frauen tranken noch Tee, kam Petra aus der Schule. Sie lief mit anderen Kindern zusammen. Das Mädchen war jetzt sieben Jahre alt. Sie war lebhafter

als ihre Mutter, die still und oft traurig war.

„Na nga def, tanti.“

„Maa ngi fi rekk.“

„Naka waa kër gi?“

„Nu ngi fi rekk.“ Aissatou freute sich, das Kind zu sehen.

„Du bist gross jetzt, Petra“, sagte sie

„Ein bisschen.“

„Ja. Du bist so intelligent. Du gehst in die Schule. Du sprichst Wolof. Du bist jetzt eine Afrikanerin, Petra.“

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Steffen Herrmann).
Der Beitrag wurde von Steffen Herrmann auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.09.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Fabelhaft Tierisch: Gedichte und Zeichnungen von Gerhild Decker



Auch in diesem Buch erkennt man die ausgezeichnete Beobachtungsgabe der Autorin und Tierfreundin. In erfrischend heiterer Sprache lässt sie Tiere zu Wort kommen, stattet sie mit menschlichen Eigenschaften, Gedanken und Empfindungen aus und hält Menschen auf humorvolle, unterhaltsame Weise oftmals einen moralischen Spiegel vor. Dabei erkennt man, dass der Ursprung manch einer Weisheit durchaus bei den Tieren zu finden ist. Die Botschaften dieser Fabelgedichte sind durch Federzeichnungen geschmückt und sprechen Jung und Alt gleichermaßen an.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Science-Fiction" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Steffen Herrmann

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Gentlemen von Steffen Herrmann (Science-Fiction)
RC1. Zerstörer der Erde. Fortsetzung der Trilogie von Werner Gschwandtner (Science-Fiction)
Stumme Kälte von Rainer Tiemann (Trauriges / Verzweiflung)