Beate Hennig

Das andere Ich

Wie an jedem Morgen seit einiger Zeit sieht Birgit in ihrem Spiegelbild ein trauriges Gesicht, lustlos, erschöpft und ohne Tatendrang. „Wie sehr die Trauer einen Menschen doch verändern kann. Wo ist die Lebenslust, das Sprühen der Energie in den Augen geblieben? Ob es wohl jemals wieder anders wird?“ geht es ihr durch den Kopf. Früher war es Verzweiflung, das hatte sich inzwischen aber gelegt, jetzt betrachtet sie sich nur noch resigniert im Spiegel. Irgendwie fehlt ihr die Hoffnung darauf, jemals wieder ein zufriedener und lebenslustiger Mensch werden zu können.

Eines Tages nimmt sie neben ihrem Spiegelbild ein vages, freundliches Gesicht in der oberen Ecke des Spiegels wahr. Es ist nicht deutlich zu erkennen, nur der Nebel eines Gesichtes. „Bin ich jetzt völlig verrückt? Habe ich Halluzinationen?“  Sie beachtet das Phänomen nicht weiter, macht sich aber Gedanken um ihren gesundheitlichen Zustand.

Da – schon wieder erscheint das Phänomen, kaum deutlicher als zuvor aber erkennbar ähnlich ihrem früheren Spiegelbild. Es lächelt, wirkt entspannt und nett. „Ja, das könnte ich sein, ach wenn ich doch nur wieder so sein könnte, bestimmt spielt mir mein Wunschdenken hier einen Streich.“

Birgit beginnt ihren Tagesablauf. Sie macht das Bett – ja früher machte sie zwei Betten. Danach kocht sie sich ihre Tasse Kaffee - ja, früher waren es zwei Tassen. Sie frühstückt alleine - ja früher waren sie zu zweit. Sie geht zum Briefkasten um die Zeitung zu holen. „Hier wenigstens bin ich noch nicht alleine, hier stehen noch zwei Namen angeschrieben“, denkt sie „irgendwie ist er dadurch noch ein wenig hier“.

So vergeht ein Tag wie schon viele vergangen sind.

Am kommenden Morgen, das Erlebnis mit dem Spiegel hatte sie längst vergessen, wird sie erneut von einem Gesicht im Spiegel überrascht. Es ist wieder ein wenig deutlicher geworden und es spricht diesmal sogar: „Guten Morgen, ich bin Dein anderes Ich, erkennst du mich nicht? Ich bin dein früheres Ich, so wie ich noch immer in dir stecke. Leider kann ich so gar nicht aus Deiner Haut und warte geduldig, bis ich auch wieder ein wenig leben darf. Ich weiß, dir geht es schlecht, du trauerst um den großen Verlust, den du erlitten hast, bist ganz davon eingenommen, und ich muss mich weiter geduldig zurückhalten. Aber so ein ganz klein wenig wünsche ich mir doch, wieder rauskommen zu können, nur ganz kurz, nur um mal wieder die andere Welt zu sehen - die andere Welt deines anderen Ichs.“ -

Birgit nimmt auch diese Begegnung mit in ihren Tag, vergisst sie aber im Gegensatz zum Vortag nicht, sondern muss immer wieder daran denken.

Im Supermarkt sitzt Frau Wölling wie immer an der Kasse. Die beiden kennen sich schon lange und natürlich weiß Frau Wölling um Birgits Trauer. Jedes Mal wenn Birgit Richtung Kasse kommt, denkt sie daran, wie sehr sie sich verändert hat und wie leid ihr das tut. Heute allerdings ist sie überrascht, bahnt sich da eine erste Veränderung an? Birgit wirkt entspannter, fast ein wenig zufrieden, wie kann das sein? Frau Wölling spricht sie darauf an und Birgit antwortet nur mit einem Lächeln.

Am Abend im Bad erwartet sie bereits ihr anderes Ich und diesmal ist sie davon nicht überrascht. Es ist jetzt schon deutlich zu erkennen, wenn auch noch immer leicht verschwommen, und es sagt nur: „Danke!“, dann verschwindet es und auch Birgit antwortet: „Danke!“

Beate Hennig 9/2017

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.09.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Langsam gehe ich auf das sechzigste Lebensjahr zu. Da hinter mir nahezu jede emotionale Erinnerung »verschwindet«, besitze ich keinerlei sichtbare Erinnerung! Vieles von dem, was ich Ihnen aus meinem Leben berichte, beruht auf alten Notizen, Erinnerungen meiner Frau und meiner Mutter oder vielleicht auch auf sogenannten »falschen Erinnerungen«. Ich selbst erinnere mich nicht an meine Kindheit, Jugend, nicht an meine Heirat und auch nicht an andere hochemotionale Ereignisse, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin.

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