Rudolf Kowalleck

Callwalls - Die neue Geißel der Menschheit

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Seminarteilnehmer,

wir sprechen heute über Rosa-Elefanten, eine Nervenentzündung in der Großhirnrinde, ausgelöst durch permanent in sich hineingefressenen Ärger.

Dabei sprechen wir nicht mal über die großen Ärgernisse unserer Zeit wie unfähige Politiker, korrupte Manager oder geregelte Arbeit. Nein, es sind vielmehr die vielen, vielen kleinen Ärgernisse des Alltags, die uns in ihrer Summe das Leben zur Hölle machen.

Callwalls zum Beispiel. Nein, ich meine nicht Cornwall, liebe Rosamunde Pilcher Fans, sondern Callwalls. Unsere Computer schützen wir heute durch Firewalls, aber die großen Unternehmen benutzen eben das, was ich Callwalls nenne. Zum Beispiel die Deutsche Telekom. Ruf die doch mal an, wenn dein Telefon, dein Internet oder dein Entertain mal wieder Mucken macht.

Hier meine Geschichte:

Nach fünf Minuten Ansagen schaffte ich es endlich, die richtige Ziffer zu drücken, um da zu landen, wo ich hin wollte, aber dann ertönte folgende Ansage: Aus Qualitätsgründen zeichnen wir manche Gespräche auf. Wenn Sie nicht damit einverstanden sind, sagen Sie Nein.

Ich rief: Is mir doch scheiß egal. Ich brauche Hilfe!

Ich habe Sie nicht verstanden.

Hilfe, verdammt!

Sagten Sie Strand?

Nein!

Also nein. Das Gespräch wird nicht aufgezeichnet Wir verbinden.

Plötzlich ertönte eine schreckliche Musik und der Automat quakte in gewissen Abständen: Zurzeit sind alle Mitarbeiter im Gespräch. Der nächste freie Mitarbeiter ist aber bald für Sie da. Wir bitten um etwas Geduld.  Es folgte eine Werbebotschaft und dieses widerliche Jingle, dass inzwischen bei mir den Pawlowschen Reflex auslöst, töten zu wollen!

Das ging so gefühlte fünf Stunden. Ich stellte den Lautsprecher an und nachdem ich die Fenster geputzt, die Betten gemacht, ein 5-Gänge-Menü gekocht und die ganze Wohnung gesaugt hatte, hörte ich: Wir bitten um etwas Geduld. Sie können aber gerne zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal anrufen und dieses Mal schreist du auch ohne Aufforderung: NEIN!

Tatsächlich, eine menschliche Stimme meldete sich, eine freundliche richtige Stimme. Ein Mitarbeiter, der sogar seinen Namen wusste. Ich schilderte mein Problem. Er versprach, einen Techniker kommen zu lassen, fügte jedoch hinzu, falls die Reklamation nicht auf einen Fehler der Telekom zurückzuführen sei, müsste ich den Einsatz bezahlen.

Inzwischen war ich so genervt, dass ich allem zugestimmt hätte.

Der Techniker sollte am nächsten Tag erscheinen, zwischen 16 und 18 Uhr. Ich war glücklich und bedankte mich für die schnelle Reaktion. Ich war noch neuer Kunde. Total naiv. Ich glaubte ihm und dachte an Nina Ruge: Alles wird gut.

Denkste. Am nächsten Tag rief ich um 17:30 Uhr an und kam schon nach sagenhaften zehn Minuten durch. Offenbar mein Glückstag. Ja, der Auftrag stehe noch im Netz.  Zwischen 16 und 19 Uhr.

Nein, ein Irrtum. Zwischen 16 und 18 Uhr, verbesserte ich. Nicht neunzehn Uhr.

Um 18:15 rief ich wieder an. Wann bitte kommt der Techniker? Dieses Mal war eine andere Mitarbeiterin dieses Service-Riesen am Rohr.

„Wie vereinbart“, flötete sie. „Morgen zwischen 16 und 18 Uhr.“

Plötzlich hatte ich so ein seltsames Pochen im Gehörgang. So ein Pfeifen. War mein Telefon jetzt auch kaputt?

Nein, es war okay. Die Beschwerden verursachte mein lebensbedrohlich erhöhter Blutdruck.

Morgen?, fragte ich und konnte die Lautstärke meiner Frage gerade noch drosseln.

Ja, morgen.

Kann nicht sein. Heute! Heute war klar vereinbart.

Tut mir leid. Auf meinem Bildschirm sehe ich, verschoben auf morgen. Der Techniker hat Sie doch angerufen.

Mich hat niemand angerufen!

Steht hier aber auf meinem Bildschirm.

Das ist mir scheiß egal, was da auf Ihren verkackten Bildschirm steht. Noch einmal. Mich-hat-niemand-angerufen!, brüllte ich in den Hörer, aber meine Ansprechpartnerin blieb vollkommen gelassen. Entweder, sie pumpen ihre Callcenter-Agenten mit Beruhigungsmitteln voll, vermutete ich, oder sie stellen nur noch halb Taube ein, die einfach ihr Hörgerät ausschalten, wenn die Kunden ausflippen.

Ich würde ja nachfragen, meinte die Lady in stoischer Ruhe, aber das geht leider nicht.

Warum? Hallo? Sie sind eine Telekommunikationsgesellschaft!

Das ist richtig. Aber die Disposition für die Techniker arbeitet nur bis achtzehn Uhr und jetzt ist schon nach sechs. Da ist wohl was schiefgelaufen. Da kann ich mir noch entschuldigen.

Wo kann ich mich beschweren?

Sie gab mir schnell die Adresse, froh, mich endlich los zu sein.

Ich wurde durch hundert Menüpunkte geführt und schon eine halbe Stunde später, bekam ich tatsächlich eine Antwort, dass man sich kümmert wird, aber tagelang passierte nichts und ich nahm noch einen Tag Urlaub und wartete auf den Techniker. Es hieß, unsere Leitungen seien leider zu lahm und deshalb gehe HD nicht, sondern nur der normale Empfang.

Aber genau deshalb habe ich den Vertrag geschlossen, um auf zwei Fernsehern gleichzeitig in HD-Qualität gucken zu können. Dass man schnelles Internet braucht und dass da, wo ich wohne, kein schnelles Internet existiert, hatte der smarte Verkäufer im T-Punkt leider vergessen, mir mitzuteiln.. Am Ende gab ich entnervt auf und begnügte mich mit dem Vorhandenen, denn Vertrag ist Vertrag, sagte man mir. Das alles stehe im Kleingedruckten.

Die Politiker wundern sich, warum so viele zum Wutbürger mutieren, zu einem rosa Elefanten eben, der irgendwann wild trompetend alles niedertrampelt, was sich ihm in den Weg stellt und genau in diesem Moment kommt einer daher und sagt: Aber, warum denn gleich an die Decke gehen? Wähle lieber AFD.

Ich schwöre Euch, jeder wählt die irgendwann, weil du dich hilflos und ohnmächtig fühlst und ihnen zeigen willst, wo der Hammer hängt! Und weil du nicht weißt, wie du ins Darknet kommst, um einen Granatwerfer zu bestellen.

Du denkst, ja der Service der Telekom. Das geht gar nicht, aber die sind nur ein bedauerlicher Einzelfall. Von Wegen. Callwalls haben sie neuerdings alle: Versuch mal Deine Versicherung  anzurufen oder bei der Agentur für Arbeit.

Aporpos AFD. Ich habe gehört, Frauke Petry soll jetzt Ihrem Mann über Ihren Anwalt einen Brief zugestellt haben. Sie will dieser Fraktion nicht länger angehören und sich scheiden lassen. Es heißt, sie habe bereits eine neue Domäne einrichten lassen: Die Singles – ex und hopp. Na, ja. Wahrscheinlich Fake-News, wie es neuerdings heißt.

Je nach Charakter, kannst du aber auch vollkommen depressiv werden. Meine Nachbarin zum Beispiel wurde das, weil ihr Ex auf Facebook gepostet hat, beim Sex mit ihr habe er sich wie auf einem Wasserbett gefühlt. Weil sie aber kein weiteres Jahr auf einen Therapeutenplatz warten wollte, war sie entschlossen, sich vor einen Zug zu werfen. Verwirrt wie sie bereits war, vor einem Zug der Deutschen Bahn AG. Wie witzig. Der kam natürlich nicht, weil sich wegen Tunnelarbeiten die Gleise verbogen hatten und die Strecke längst gesperrt war. Am Ende hat man dann doch ihr Skelett auf den Schienen gefunden. Sie war aber nicht überrollt worden, sondern verhungert.

Wo kommt nur diese Wut her? Ja, woher wohl. Ich kann mir das einfach nicht erklären, sagt Frau Merkel. Offenbar hat sie einen anderen Telefonanbieter.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.09.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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