Cathryn Holister

Demon's Diary - Freundschaftsdienst

„Schau mal, Mia, was ist denn mit dem hier?“
„Och nö.“
„Und der?“
Kopfschütteln. Genervt wischte ich über das Tablet. „Du stehst doch auf ausgeprägte Hörner.“
„Schon, aber er hat zwei Köpfe.“
Nach dem hundertfünfzigsten potenziellen Datingkandidaten bereute ich ernsthaft, Mia meine Unterstützung bei dem Unterfangen ‚kurzfristiger Beziehungspartner‘ zugesagt zu haben. Gequält rollte ich mit den Augen.
„Nun kuck nich‘ so!“, stieß sie mich beleidigt an. „Hättest du deinen Flammenwerfer-Blick im Griff gehabt, säßen wir jetzt nicht hier.“
„Ich sagte bereits, dass es mir leidtut.“
„Erzähl das Malequai!“
„Hieß er nicht Kalêhmar?“
„Äh …“
Im Grunde war es auch egal. Tatsache war, dass ich Mias letzte amouröse Errungenschaft seiner jenseitigen Existenz unwiederbringlich enthoben hatte. Aus Versehen, wohlgemerkt – wobei jener, wie auch immer nun sein Name gelautet hatte, selbst nicht ganz unschuldig an der Sache gewesen war.
So hatte er seine neue Flamme ganz unverbindlich in ihrem Büro aufsuchen wollen. Als er sie dort nicht sofort antraf, arrangierte er zur Begrüßung einige Akten herzförmig auf dem Fußboden und platzierte sich selbst in lasziver Pose auf ihrem Schreibtisch. Vermutlich nicht ahnend, dass außer Mia auch ich noch einen Schlüssel zu ihrer Wohn- und Arbeitsstätte besaß.
Der spontane Flammenangriff war somit gewissermaßen eine Kurzschlussreaktion gewesen, als ich – einen weiteren Aktenstapel unterm Arm – den nackten Dämon inmitten des augenscheinlichen Chaos dort vorfand. Noch dazu, als er mich mit den Worten „Oh, sind wir heute sogar zu dritt – wie schön!“ begrüßte. Contenance hin oder her, aber gegenüber dämlichen Anmachen war ich einfach empfindlich.
Mia, die wenig später dazustieß, nahm das verkohlte Häufchen auf ihrem Schreibtisch zunächst recht gelassen. Bis ihr das gemeinsame, heiß ersehnte und unter keinen Umständen stornierbare Hades-Romantikwochenende wieder einfiel, das sie einige Tage zuvor gebucht hatte.
Plötzlich war ich also Schuld an ihrer misslichen Beziehungssituation und der mutmaßlich fehlenden Romantik des näherrückenden Kurzurlaubs. Aber bei aller Freundschaft und schlechtem Gewissen – nach nun zwei Stunden hirnlosem virtuellen Gewische über den Großteil der männlichen, alleinstehenden und datingwilligen Höllenpopulation hatte ich die Schnauze voll.
„Wollen wir nicht lieber noch was trinken gehen? Im Kaffeekeller oder so?“, drängte ich.
„Na schön“, brummte sie und streckte die Flügel aus. „Vielleicht hab ich analog ja mehr Glück.“

Wie immer um diese Zeit war die Kneipe im Herzen der Weststadt gut besucht. Seit Neustem konnte man die anwesenden Besucher dort sogar visuell orten, nachdem Kaflachx, der Eigentümer, nach Dekaden auf die Idee gekommen war, die kaputten Glühlampen zu ersetzen.
Wir steuerten auf die nun in sattem Grün beleuchtete Bar zu. Bezüglich der Auswahl an rausch- und kopfschmerzfördernden Getränken musste Mia nicht lange überlegen.
„Hey Kaflachx, zwei Phenol-Mocca ohne Eis bitte!“
„Für mich auch ohne Feuer.“
Kaflachx zog seine buschigen Augenbrauen hoch und spuckte ein Stück Kautabak in einen Eimer am Boden. Bei ihm ein sicheres Anzeichen freudiger Überraschtheit und Begeisterung.
„Mia, auch mal wieder hier?!“, zischelte er. „Wo ist denn dein Freund, dieser Malehquar?“
Ich machte eine abwehrende Geste, um ihm zu bedeuten, dass dies gerade nicht das beste Thema war, mit dem er uns begrüßen konnte.
„Oh … ok.“ Er sah Mia, soweit das seine teuflische Physiognomie zuließ, mitleidig an. „Dann vielleicht nen Doppelten?“
Sie nickte. Mein schlechtes Gewissen hielt sich zugegebenerweise noch immer in Grenzen. Dennoch warf ich einen Blick in den Raum auf der Suche nach eventuellen Kandidaten für ein kurzfristiges Anbahnungsgespräch. Nach einem ausgiebigen Scan gab ich auf. Irgendwie hatte der Mangel an Beleuchtung zuvor auch seine Vorzüge gehabt.
„Die nächste Runde geht auf mich“, seufzte ich und schob mein leeres Glas über die Theke. Auch Mia hatte sich zwischenzeitlich einen Überblick über das Attraktivitätspotenzial unserer Mitdämonen verschafft und setzte Nase rümpfend ihren Cocktail an.
Zweieinhalb Runden später belebte unversehens ein durch den Raum waberndes Raunen die allgemeine Kneipenlethargie. Von hinten vernahm ich das Geräusch zurechtrückender Stühle und sich umwendender Körper.
„Sieht aus, als hätten wir hohen Besuch“, bemerkte Kaflachx gespielt beiläufig.
„Ich dachte, wir seien hoher Besuch“, feixte Mia, womit sie im Grunde recht hatte. Wirklich höher stand eigentlich nur …
„Der Chef?“ Ich drehte mich ebenfalls um. Am Eingangsportal scharte sich ein Grüppchen aus verhutzelten Verwaltungsdämonen um eine hochgewachsene Gestalt. Dunkle Haare, große befiederte Schwingen, ausladende Hörner, engelsgleiche Züge. Eine gewisse Ähnlichkeit war eindeutig vorhanden. Mich täuschte sie jedoch nicht.
„Nope“, wandte ich mich wieder meinem Drink zu. „Das ist er auf keinem Fall.“
„Sicher?“ Kaflachx sah mich kritisch an.
„Sie muss es wissen“, erwiderte Mia für mich. „Sie ist schließlich seine Assistentin.“ Die Betonung legte sie dabei explizit auf ‚Assistentin‘, um den Begriff mit aller nötigen Zweideutigkeit auszustatten.
Für den eigenen Gegencheck meiner Aussage wandte auch sie sich nun um. Im nächsten Moment versteinerte sie förmlich in der Position. Bis auf ein fasziniertes Lächeln, das langsam ihre Mundwinkel nach oben wanderte.
„Er … ist es wirklich nicht“, hauchte sie nach einer Weile völliger Verzückung.
„Mia?“ Ich stöhnte auf. „Hast du also einen Beziehungsersatz gefunden?!“
Sie antwortete nicht. Starrte weiter in den Raum. Ich schnippte mit den Fingern vor ihrem Gesicht. „Mia!“
„Was?“
„Na, worauf wartest du noch? Sprich ihn an!“
Sie druckste herum und nahm einen Schluck aus ihrem Glas.
„Sag bloß, du traust dich nicht?!“ Ich rollte mit den Augen. In diesem Zustand hatte ich sie schon ewig nicht mehr erlebt. Zumindest schien es ihr aber diesmal wirklich ernst zu sein. Kurzerhand entschloss ich mich, ihr einen Freundschaftsdienst zu leisten.
Sehr gelegen dabei kam mir, dass just einer der Verwaltungsdämonen zur Theke hinübergestiefelt kam, um die Bestellung für die ungleiche Runde aufzugeben.
„Häy Kaflachx, sächs Kaffää, ja!“
„Hallo Anmêlek“, begrüßte ich meinen Kollegen mit der dicken Brille und dem warzigen Kopf. „Was wird das hier – ein Minibetriebsausflug?“
„Oh, Cäy … ahem.“ Der kleine Dämon räusperte sich. Anscheinend hatte er nicht damit gerechnet, mich hier zu treffen. „Weißt du, wier dachtän wier feiärn Einstand von neuä Mietarbeitär.“
„Du meinst, den stattlichen jungen Teufel in eurer Mitte?“, tat ich unschuldig, als hätte ich ihn gerade erst bemerkt. Von der Seite ertönte derweil ein unterdrückter Seufzer.
„Ja, ja, iest ungäwöhliech“, entgegnete Anmêlek arglos. „Abär kommt wohl aus Diesseits, der Gutä. Hat langä auf Erdä gearbeität. Für Verträgä miet Menschän und so.“
„Ein Erdsdämon?“
„Genau. Heißt Abdâhír. Nun iest zurück, um zu arbeitän in Verwaltung.“
„So, so.“ Ich legte die Stirn in Falten. Von Erdsdämonen hatte ich gehört. Dass gerade für Seelenverträge eher ansehnliche Artgenossen entsandt wurden, erschien durchaus logisch. Ein kurzer Blick zu Mia, die versonnen zu der Gruppe hinüberschielte und ich wandte mich erneut dem Verwaltungsdämon zu. „Nun Anmêlek, wie wär’s, wenn du uns unseren Neuzugang dann mal vorstellen würdest?“
„Vorstellän? Wieso das dänn?“
„Naja, immerhin bin ich ja sowas wie eure Vorgesetzte, da finde ich es nur angemessen, wenn ich neue Mitarbeiter kennenlerne.“
„Okää …“ Zögernd griff er sich die Drinks von der Theke, die Kaflachx inzwischen fertiggestellt hatte.
„Schick ihn doch einfach mal zu uns rüber ja?!“ Bevor Anmêlek entfleuchen konnte, fasste ich ihn noch einmal an der knöcherigen Schulter. „Und dann möchte ich, dass ihr euch möglichst schnell verzieht!“
„Was?“
„Dafür übernehme ich auch eure kleine Runde hier.“
Er nickte verhalten und machte sich mit den Getränken in den kurzen Armen auf den Weg. Nahezu unbedingte Obrigkeitstreue und Bestechlichkeit waren zwei Eigenschaften, die ich an dem kleinen Dämon schon immer geschätzt hatte.
Von Weitem sah ich ihn behäbig auf den Rest der Gruppe zusteuern, die Gläser verteilen und bedeutungsvoll in unsere Richtung weisen. Abdâhírs Blick folgte zögernd seiner Geste. Er leerte die Hälfte seines Bechers in einem Zug, dann bewegte er sich vorsichtig auf die Bar zu.
„Cay, er kommt zu uns rüber!“, kam sogleich aufgeregt von Mia. Ich rutschte mit meinem Barhocker ein Stück zur Seite, sodass Abdâhír sich zwangsläufig in unserer Mitte einfinden musste.
„Ok Mia, jetzt versau’s nicht!“, raunte ich ihr noch zu bevor er im nächsten Moment vor uns stand. Er sah tatsächlich aus, als sei er einer dämonischen Modellagentur entsprungen (wenn es so etwas gegeben hätte). Ein ebenmäßiges Gesicht, volle Lippen, perfekt gestylte schwarze Locken, absolut symmetrische Hörner. Wie aus dem Katalog.
„Ahem, guten Abend“, erklang eine sanfte gedämpfte Stimme, die selbst mir einen kleinen Schauer über den Rücken laufen ließ. Verlegen musterte er unsere Erscheinung, die, ähnlich wie seine, wenig Monströses besaß. Zugleich war ihm eine gewisse Verunsicherung anzumerken, wer von uns beiden nun der für ihn richtige Ansprechpartner sein sollte. Verloren wanderte sein Blick zwischen der dauergrinsenden Mia und mir hin und her.
„Anmêlek sagte, Sie wollten mich sprechen.“
„Doch nicht so förmlich“, beschloss ich, die Situation für ihn aufzulösen. „Mein Name ist Cay, Assistenz und Vertretung der Geschäftsleitung und das da ist Mia, unsere Oberste Seelenzuteilerin.“
Außer einem überschwänglichen „Hi!“ vermochte Mia nichts zu ergänzen.
„Abdâhír, Abteilung drei. Ich, äh, bin erst seit ein paar Tagen hier, also zurück.“
„Wir hörten schon, dass du vorher als Erdsdämon eingesetzt warst.“ Mit auffordernder Mimik bedeutete ich Mia, die Unterhaltung weiterzuführen, sofern sie beabsichtigte, irgendeinen Eindruck auf unseren Neuzugang zu hinterlassen.
„Ja genau“, verstand sie schließlich die nonverbale Aufforderung. „Erzähl mal! War bestimmt ne spannende Zeit im Diesseits.“
„Nun ja, also …“
„Setz dich doch erst mal!“ Spontan ließ sie sich von ihrem Sitz gleiten und schob den Barhocker mit einem Ruck in seine Richtung, wobei sie diesen ungeplanterweise auf seinem Fuß abstellte.
„Da-hanke-seh-her“, unterdrückte Abdâhír einen Schmerzensschrei und zog die Fußspitze behutsam unter dem metallenen Stuhlbein hervor.
„Du musst ihr das nachsehen“, verteidigte ich reflexartig die kleine Unaufmerksamkeit, „Folter und Qualen sind eigentlich ihr Job.“
„Als Seelenzuteilerin, nicht wahr?!“, presste er angestrengt heraus. Besonders viel Humor schien er schon mal nicht zu besitzen.
„Wie lange warst du im Diesseits?“, hob ich erneut zur Wiederbelebung der jungfräulichen Konversation an. „Kann mich nicht erinnern, dich zuvor mal gesehen zu haben.“
„Ja, das waren einige Jahre, also schon Dekaden nach jenseitiger Zeitrechnung.“
Schweigen.
„Und wie war das so?“ Meine Güte, der Kerl ließ sich auch alles aus der Nase ziehen!
„Ach, ehrlich gesagt bin ich froh, wieder hier zu sein. Die Menschen sind ja schon ziemlich anstrengend.“
Abermals Schweigen. Nun reichte es mir. Schließlich hatte ich es nicht auf ihn abgesehen. Sollte Mia doch das krampfige Gespräch weiterführen.
„Entschuldigt mich mal kurz“, zischte ich und machte mich zu den Toiletten hinter der Bar auf. Mit Genugtuung stellte ich fest, dass Anmêlek und co. inzwischen tatsächlich verschwunden waren.

Entschlossen, den beiden Turteldämonen in spe ein wenig Zeit zu verschaffen, holte ich mein Handy hervor. Ich rief einige Mails ab, scrollte mich durch aktuelle Nachrichten und daddelte ein paar Runden Demon Crush. Ein Spiel, von dem es hieß, es sei von seinem gerissenen Erfinder unter einem ähnlichen Namen auch im Diesseits auf den Markt gebracht worden. Dort quälte es seither hilflose Seelen mit unlösbaren Levels und Zusatzkäufen.
‚Ach ja, das Diesseits‘, ging es mir durch den Kopf, was mich gedanklich wieder zu unserem formschönen Kollegen brachte. Ob es irgendwo ein Profil über ihn gab?
Ich tippte seinen Namen in die Suchmaschine.
Nichts.
Dabei fand sich normalerweise von jedem Höllenbewohner etwas in einem verstaubten Newsfeed. Dies brachte eine weitgehende Unsterblichkeit eben mit sich: Irgendwann landete jedes Mitglied der begrenzten Höllenpopulation mal in den Nachrichten. Entweder unser Freund war einfach totlangweilig oder er war der Hölle länger fern geblieben, als er zugab.
Ich verstaute das Handy wieder in meiner Tasche und trat hinter der Bar hervor. Mia stützte sich dort mit niedergeschlagenem Gesichtsausdruck auf die Theke, während Kaflachx ihr den wasweißichwievielten doppelten Phenol-Mocca rüberschob.
„Dsis nich fair“, hörte ich sie lallen. „Weissu Kflx, ich willoch nur jemanen für dies verflchte Rommanikwochenenne!“
„Ich würd ja mitfahren“, gab er halb im Scherz zurück, was Mias Stimmung jedoch nicht aufzuhellen vermochte. Verwundert schritt ich auf die beiden zu. „Was ist los?Wo ist Abdâhír?“
„Dis weg.“
„Das sehe ich. Und wohin?“
„Nchhause. Schadnsbseitigung.“
Ich warf Kaflachx einen Blick mit der Bitte um eine verständlich artikulierte Erläuterung zu.
„Naja, eigentlich haben sie sich ganz gut unterhalten, bis sie ihm diesen Kaffee übergeschüttet hat.“
„Warum hast du ihm einen Kaffee übergeschüttet?“, wandte ich mich erneut Mia zu, die gerade ihren Drink leerte.
„Umas Feuer su löschn, natürlch!“
„Ach ja, richtig, nachdem sie ihn in Brand gesteckt hat, hat sie ihm den Kaffee übergekippt“, führte unser Barkeeper weiter aus.
„Wollte ihm nurie Zigrette anzndn …“
„Das typische Mia-Chaos-Syndrom eben.“
„Ok Kaflachx, ich würde sagen, für heute reicht es erst mal mit den Drinks.“ Ich griff Mia unter die Flügel und zog sie sacht von ihrem Barhocker. Sie wehrte sich nicht und folgte mir ohne großen Widerstand durch die Bar nach draußen.
Kurz ließ ich sie los. „Kannst du noch fliegen?“
Einige unbeholfene Flügelschläge reichten mir als Antwort.
„Na schön, ich trag dich. Aber das ist dann wirklich mein letzter Freundschaftsdienst für heute.“

Mit schmerzenden Muskeln setzte ich Mia vor ihrer Haustür ab. Froh, dass ich es selbst nur drei Stockwerke weiter hatte.
„Wirham uns noch sogut unnerhalten“, begann sie einmal mehr ihr Lamento des Abends.
„Ja, wer hätte das gedacht“, bemerkte ich beiläufig und kramte nach dem Schlüssel.
„Eignlich hab ich auch mehr gredet, abaer hat ssotoll sugehört.“
„Ach?“
„Jaja, war total interessisiert von meiner Arbeit, Sseelnverteiln unso.“
„Und was arbeitet er so?“
„Ähh … sagtewas von Seelnvertragsprüfung…irgndwas.“
Etwas machte Klick. Und es war nicht Mias Wohnungstür.
„Cay, meinssu, da lässich nochwas rettn? Bissu der Sache mitm Kaffee hattich echtas Gfühl, er mag mich.“
„Ich weiß nicht. Werde morgen mal mit dem Guten sprechen.“
Mit einem versöhnlichen „Echt? Dsissuper“ verschwand sie endlich in ihrer Wohnung. Ich nickte nur. „Ja. Super.“

Ungewöhnlich früh für meine Verhältnisse – besonders nach einem Kneipenabend wie diesem – fand ich mich am nächsten morgen an meinem Schreibtisch ein und scrollte durch die Telefonlisten: Kundenmanagement – Beschwörungsdienst – Dokumentation – Vertragsabteilung! Ich gab die Nummer ein.
„Mal sehen, ob unser Neuzugang schon wieder fit ist.“
„Vertragsabteilung, ja bitte?“, dröhnte eine weibliche Stimme durch die Leitung.
„Die Chefetage. Hat sich zufällig euer neuer Kollege heute schon eingefunden?“
„Abdâhír? Ja, ist gerade reingekommen.“
„Schick ihn doch mal hoch!“
„Okay …“
Während ich auf das Surren an der Bürotür wartete, holte ich noch einige kosmetische Überarbeitungen nach, die ich bei meiner Morgentoilette im Schnelldurchlauf zunächst ausgelassen hatte. Den Handspiegel hatte ich ohnehin immer in der Schreibtischschublade. Den Lippenstift auch. Das Vibrieren des Türöffners war ich mittlerweile so sehr gewohnt, dass ich mich nicht mal mehr vermalte.
Mit tiefrotem Mund lächelte ich Abdâhír an, der sich bedächtig auf meinen Schreibtisch zubewegte.
„Nimm Platz“, wies ich auf die beiden Ledersessel davor.
„Was, also, ich meine, wegen gestern Abend …“ Er setzte sich. „Ich meine, ich wollte nicht unhöflich sein.“
„Natürlich nicht.“ Ich sah ihn durchdringend an. Ein bisschen verkatert wirkte er tatsächlich. „Konntest du wenigstens alle Brandschäden beseitigen?“
„Ich glaube schon.“
„Du glaubst?“
„Ich denke, ja.“
„Ich denke, du solltest noch mal nachschauen.“ Ich hob den Handspiegel, den ich zu meiner Rechten platziert hatte, auf und hielt ihn Abdâhír entgegen. Sein hübsches Gesicht verzog sich zu einer leidvollen Miene.
„Oh, sch…“
„Kein Problem Abdâhír, du darfst hier getrost fluchen. Schließlich sind wir in der Hölle, nicht wahr?!“
Mit zusammengekniffenen Augen wandte er sich ab. Ruhig blickte ich auf die Reflexion im Glas. Auf die schneeweißen Flügel, die leuchtende Aura, die makellose, unbehörnte Stirn. Alles, was die morphologische Illusion bisher verborgen hatte.
„Was hast du dem Himmel bis jetzt übersandt?“ Behutsam packte ich den Spiegel zurück in die Schublade.
„Nur ein paar Namen“, schluckte er. „Aus den Verträgen.“
„Du weißt, was das heißt?“
Er schwieg. Auf Spionage stand für Angehörige beider Sphären die endgültige Eliminierung. Der Himmel würde ferner keine Partei für ihn ergreifen. Laut ihren Akten war er nie hier gewesen. Handelte also auf eigene Verantwortung. Und natürlich wusste er dies.
„In Ordnung Abdâhír, du hast jetzt zwei Möglichkeiten:“ Ich lehnte mich ihm mit nach vorne gestreckten Hörnern entgegen.
„Abdâìl. Eigentlich.“ Gequält sah er zu mir auf.
„Okay, Abdâìl, das eine wäre kurz, wenn auch nicht ganz schmerzlos – weißt du, ich besitze diese unschöne Fähigkeit, mein Gegenüber jäh in Flammen aufgehen zu lassen. Dagegen hilft dann übrigens auch kein Kaffee mehr.“
Nun blickte er zu Boden. „Und die andere Möglichkeit?“
Mit einem Grinsen ließ ich mich zurück in meinen Sitz fallen. „Die andere Möglichkeit ist ein Romantikwochenende für zwei Personen mit allem was dazu gehört.“
Eine Weile verblieb er noch in der gesenkten Haltung. Vermutlich in der Annahme jeden Moment in eine Feuersäule gehüllt zu werden. Verwundert ob seines noch immer unversehrten Zustands, traute er sich irgendwann doch noch, sich wieder aufzurichten.
„W-war das gerade ernst gemeint?“
„Aber natürlich. Anders, als eure himmlischen Klischees besagen, können Dämonen erstaunlich ehrlich sein.“
Sein Blick verriet, dass er mir dennoch noch nicht ganz traute. „Und wer ist die andere Person? Sie? Ich meine, du, ich meine, Ihr?“
„Wir können gerne beim ‚Du‘ bleiben. Obgleich ich nicht die Glückliche bin. Aber du kennst sie bereits. Quasi hautnah …“
Nun begriff er sofort. „Was war noch mal Option Nummer eins?“

Insbesondere zu Mias großer Freude entschied sich unser englischer Spion dann doch für Möglichkeit Nummer zwei. Allerdings in der Gewissheit, dass, sollte er sich dieser vorzeitig entziehen sollen, Möglichkeit Nummer eins in Kraft treten würde. So oder so würden wir ihn im Anschluss (bzw. was von ihm übrig wäre) wieder himmlischen Gefilden überstellen.
Ich traf Mia das nächste Mal kurz nach dem erfolgreich verlebten Wochenende in der Mittagspause. Mit abwesendem Blick wischte sie über ihr Tablet.
„Na, was ist?“, stieß ich sie an. „Doch traurig, dass wir Abdâhíl wieder nach Hause schicken mussten?“
„Naja, er war schon niedlich.“ Ein tiefer Seufzer entfuhr ihr, dem man die zugehörigen Erinnerungen geradezu ansah.
„Und euer Romantikwochenende?“
„War sehr romantisch … ja.“
„Wer weiß, vielleicht konntest du ihn ja bekehren und er kommt zurück“, versuchte ich, sie aufzumuntern, doch sie winkte ab.
„Ist schon okay. Hab in nächster Zeit sowieso ein paar Dates.“
„Ach?“ Ich blickte auf das Tablet, auf dem aktuell das Bild eines muskulösen Transportteufels mit behaartem Körper und ausgeprägten Hörnern prangte.
„Weißt du Cay, für einen Engel konnte er ziemlich gut küssen.“
„Aha, und sonst?“, horchte ich auf.
„Ansonsten sind Engel leider geschlechtslos“, seufzte sie erneut und wischte nach rechts.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Cathryn Holister).
Der Beitrag wurde von Cathryn Holister auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.09.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Licht und Schatten von Sigrid Fischer



Licht und Schatten - Wege die Schizophrenie zu besiegen

Persönlichkeit und Gedanken von Schizophrenen wirken oft undurchschaubar und verworren auf die Umwelt. Als betroffene möchte ich dem interessierten Leser einblick in meine Seelenwelt und in das ständige auf und ab der Krankheit geben. So lassen mich Stimmungen und Gedanken ständig ins Wanken kommen. Dieses versuchte ich in diesem Buch durch Tagebuchaufzeichnungen und Gedichte wiederzuspiegeln.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Satire" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Cathryn Holister

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Paulas Zwerge von Cathryn Holister (Skurriles)
Mein Dank an mich selbst von Norbert Wittke (Satire)
FremdGehen von Evelyn Krampitz (Leidenschaft)