Wolfgang Küssner

Das Rauschen des Meeres - Teil 05

Nachdem Didier sich erfrischt hatte, überlegte er bei einer Zigarette auf der kleinen Terrasse seines Bungalows sitzend, wo er heute zu Abend essen würde. Bis zur nahegelenen Brasserie waren es nur wenige Fußschritte, die Würfel somit gefallen. Er wählte als kleine Vorspeise Bayonner Schinken mit Baguette, als Hauptgericht eine Bouillabaisse und etwas Mousse au Chocolat zum Dessert. Dazu orderte er eine Flasche Mineralwasser und einen kräftigeren Merlot. Während des Essens mußte er fast ausschließlich an die heutige Begegnung mit Stephane denken und steigerte somit die Freude auf das geplante morgige Treffen. Doch er wußte sich zu bremsen, ließ die Fantasien nicht zu sehr in den Himmel wachsen. Je groeßer eine Erwartung, je groeßer der Frust, wenn sie nicht erfüllt wird.

Die vielen Kalorien konnten anschließend gut ein paar Schritte vertragen und so machte Didier noch einen kurzen Spaziergang durch die Bungalowanlage. Vielleicht -  würde er ja zufälllig auf Stephane treffen, eventuell in Erfahrung bringen, wo der kleine Lockenkopf mit seinen Eltern wohnt. Doch in beiden Fällen ging er leer aus, kehrte dennoch zufrieden zurück, setzte sich mit Buch und Wein in den bequemen Sessel neben der Stehlampe und las ein wenig. Eine Stunde vor Mitternacht begab er sich dann ins Bett und schlief auch gleich ein.

Auch diese Nacht verlief nicht traumlos, zumindest, soweit er sich erinnern konnte. Einmal schreckte er aus einem Albtraum auf. Vor sich hatte er einen Koerper mit einer knappen, roten Badehose bekleidet gesehen; er wollte die Hose berühren, doch der nackte Koerper zog sich zurück. Er versuchte es immer wieder, aber die Badehose konnte ihm immer wieder entweichen. Man näherte sich bei diesem Procedere beängstigend dem Meer. Er versuchte es mit einem kräftigeren Sprung, um endlich erfolgreich zu sein, doch das Rot verschwand und er stürzte in die Tiefe. Wachte auf. Es war zwei Uhr zehn. Didier ging kurz zur Toilette, legte sich danach wieder ins Bett und schlief erneut ein.

Irgendetwas war heute anders, sagte ihm sein Gefühl, als er am nächsten Morgen erwachte. Er mußte überlegen, was sich denn da verändert hatte. Ja, es herrschte eine eigenartige Stille, die nicht nur darauf zurückzuführen war, daß die kleine Straße vor seinem Haus fast leer war. Er sah aus dem Fenster, Hochnebel hatte das Licht der Sonne verdunkelt. Das Rauschen des Meeres war nicht zu vernehmen. Die Atmosphäre war leicht bedrückend. Er war Optimist, das wird nur temporär sein und gegen Mittag die Sonne wieder die Oberhand bekommen. Doch der Blick auf die Uhr sagte, die Sonne müsse sich nun aber verdammt beeilen, wenn sie gegen 12 Uhr wieder präsent sein wollte.

Er nahm in dem kleinen Bistro ein spätes Frühstück mit Café au Lait und einem Croissant; blätterte ein wenig in der Tageszeitung und entdeckte dabei rein zufällig die Ankündigung, daß in der morgigen Ausgabe über den neuen Roman von Didier Moreau berichtet werden sollte. Die Werbetrommel wurde also wie geplant  gerührt. Damit hätte eigentlich die Spannung auf die morgige Zeitung steigen müssen, doch Didier freute sich erst einmal auf die Begegnung mit Stephane. In einer guten Stunde wollten sie sich an dem Steg hinter dem Pinienwald treffen. Der Nebel hatte sich noch nicht verzogen; im Gegenteil, er schien intensiver und deutlich niedriger daher zu kommen. Die Luft war allerdings warm, ausgesprochen warm. Waschküche schoß ihm durch den Kopf.

Didier machte sich auf den Weg. Es regte sich kein Lüftchen, es bewegten sich keine Pinien-Nadeln an den Ästen und auch das Gras der Dünen, soweit er es überhaupt sehen konnte, verharrte still. Alles schien wie hinter einer Milchglasscheibe. Am Steg angekommen, wartete er auf Stephane. Von seinem Lockenkopf war weit und breit nichts zu sehen. Die vereinbarte Zeit mußte längst überschritten sein. Didier machte sich auf die Suche. Gab es vielleicht ein kleines Mißverständnis? War das Ende des Steges gemeint gewesen? Wollten sie sich am Strand treffen? Der Nebel wurde kräftiger und dichter, die Sicht betrug nur wenige Meter. Wie sollte er hier den Lockenkopf finden. Er rief mehrmals den Namen. Stephane. Stephane. Doch eine Antwort war nicht zu vernehmen. Der Nebel hatte Didiers Polohemd durchnässt. Er zog das Shirt aus. Sofort bildeten sich an den feinsten Härchen seiner Haut winzig kleine Wasserkristalle, glitzernde Nano-Perlen.

Doch wo war Stephane? Didier fehlte im Nebel nahezu jegliche Orientierung. Er hoerte nur auf der einen Seite das Rauschen des Meeres. Auf der anderen Seite mußten folglich die Dünen sein, dort war der Steg, um Stephane eventuell doch noch zu finden, bzw. um schweren Herzens den Rückweg antreten zu koennen. Vielleicht war der Junge wegen des Nebels nicht gekommen, aber dann hätte er doch eine kurze Nachricht an der Tür hinterlassen koennen. Er kannte doch Didiers Bungalow, oder nicht? Es kam etwas Verzweifelung auf, denn der Steg war nicht so leicht zu finden gewesen. Irgendwann hoerte er jemanden widerlich lachen, das gab Orientierung. Das Lachen wiederholte sich und Didier war auf dem richtigen Weg. Nur Stephane, der blieb unauffindbar, alle Bemühungen, ihn zu finden, waren vergebens. Didier kehrte enttäuscht und nebeltrunken heim. An seinem Haus fand er keinen Hinweis, kein Zeichen von Stephane. Der Traum, der nächtliche Albtraum kam ihm ins Gedächtnis. Die versuchte Berührung, der ausweichende Sprung, der Fall in die Tiefe. Tiefe! Illusion? Realität? Traum!

Der feuchte Nebel hatte Didier total durchnäßt. Die winzig kleinen Wassertroepfchen an den Härchen waren längst verflossen. Und so ploetzlich, wie der Nebel aufgezogen war, verschwand er auch wieder. Es hellte auf, die Sonne kam durch. Es war keine 16 Uhr. Didier entschied, schnell eine Dusche zu nehmen, dann ins Auto zu steigen und nach Arcachon zu fahren. Er war schon ein wenig enttäuscht, brauchte etwas Abwechslung.

Kurze Zeit später stieg er ins Auto und saß bereits wenige Minuten nach 18 Uhr in der „Bar du Soleil“. Der Kellner hatte wieder Dienst, begrüßte ihn freundlich; servierte den Claret und da nur wenig Gäste im Lokal waren, setzte er sich zu Didier an den Tisch. Aus dem anfänglichen Gespräch wurde ein Flirt und als der Ober verkündete, er habe morgen seinen freien Tag, waren es bis zur gemeinsamen Rückfahrt zum Cap Ferret nur noch wenige Worte.

Der Kellner stellte sich als Jean vor, als Jean Bodin um genau zu sein und hatte den Namen Didier Moreau noch nie zuvor gehoert. Er war 23 Jahre jung und angeblich erst seit drei Wochen in der „Bar du Soleil“ beschäftigt. Was er zuvor gemacht hatte? Schweigen. Nicht wenige Menschen haben ein kleines, manchmal allerdings auch ein dunkles Geheimnis.

Fortsetzung Teil 6

September 2016

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.09.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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