Wolfgang Küssner

Wandeln und handeln

Wandel durch Handel ist zu einer Art Lehrsatz des Kapitalismus geworden. Anders formuliert, treiben die oekonomisch Mächtigen mit den unterentwickelt gehaltenen Ländern, mit Staaten mit einem anderen Verständnis von Demokratie, erst einmal Handel und lernen die dortigen Bürger die vermeintlichen Vorteile eines  Konsumsegens kennen und schätzen, so wird – mit ein wenig  Geduld –  dieser Staat mehr und mehr zu einem neuen Markt und sich folglich schrittweise den meist westlich Profitvorstellungen, sorry, natürlich muß es Wertvorstellungen heißen, oeffnen. Nun, darüber gäbe es sicher viel zu schreiben, das wäre dann aber eine Geschichte, die ein andermal erzählt werden müsste.

Heute geht es um die viel angenehmere Seite der beiden Worte, um wandeln und handeln, um lustwandeln und feilschen. Der Leser hat das vermutlich schon aus der Überschrift entsprechend geschlußfolgert. Wandeln mag für Menschen mit einem Handycap nicht immer einfach sein; handeln in Thailand ist auch kein leichtes Spiel; zumindest nicht für den Einsteiger. Diese kleine Geschichte koennte Hilfestellung geben, sozusagen ein Knigge zum Schachern, für Kohle sein.        

Das Aushandeln eines Preises ist in Thailand eine sehr beliebte Beschäftigung. Es gehoert zu dem, was der Thai mit „sanuk“ bezeichnet, also mit Spaßhaben verbindet. Bekanntlich ist nicht alles grenzenlos, hoert auch bei diesem Thema der Spaß mit dem Aushandeln der Preise auf. In Einrichtungen mit ausgezeichneten Preisen (oh, diese Mehrdeutigkeit), es geht weder um Grammy noch Emmy-Awards, weder um ein hervorragendes Preis-Leistungsverhältnis, sondern einfach um Produkte, die ein Preisetikett tragen, mit einem Preisschild versehen sind. Hier ist die Grenzlinie erreicht.  Dazu zählen Supermärkte und Juweliere, Kaufhäuser, Arzt-Praxen und Tankstellen, Werkstätten und Autohäuser. Ebenfalls auf dieser Seite der Grenze liegen die vielen Restaurants und Garküchen. Sie sind alle Teil einer  handelsfreien Zone. Der Reis wurde von Buddha gegeben, da handelt man nicht mit. Aber ansonsten darf der Einheimische, wie der Besucher, sein Glück beim Erzielen eines besseren Preises versuchen.

Fairerweise sollte erwähnt werden, der erste Preisvorschlag eines Verkäufers ist nicht überall gleich zu bewerten; in Hochburgen des Tourismus versucht ein jeder seinen Teil vom Geschäft abzube- kommen und setzt den eingangs geforderten Preis schon mal besonders hoch (daher Hochburg) an. Ist doch verständlich, wenn man sich ein paar Zahlen vor Augen führt: Ein einfacher Thai verdient im Monat 8.000 bis 12.000 Baht. Ein Tourist aus Europa zahlt allein für den Flug in den Urlaub stolze 30.000 bis 40.000 Baht für einen engen Sitz in der sogenannten Holzklasse, das Doppelte in der bequemeren Business-Klasse. In Thailand steigt er dann in einem Drei-/Vier-/Fünf-Sterne-Hotel für 2.000 – 3.000 Baht oder deutlich mehr pro Nacht ab. Kurz gesagt: Dieser Gast  muß ganz einfach reich sein. Mehr braucht hier zum besseren Verständnis wohl nicht angedeutet werden. Das würde ansonsten  den Rahmen sprengen, eine ganz andere Geschichte werden.

So ein Urlauber beginnt nun eines abends durch sein Domizil zu lustwandeln. Ein schoener Artikel erfreut sein Herz. Er bleibt davor stehen, denkt über einen Erwerb nach. Das registriert der Anbieter sofort, den ganzen Tag wartet er auf genau diese Momente. Im Nu bietet er dem Interessenten einen speziellen, für ihn ganz besonders günstigen Preis an. Das Procedere des Handelns ist damit  eroeffnet, nimmt jetzt seinen Lauf. Auf dem schnell griffbereiten Taschenrechner wird dem Urlauber die Zahl  1000 präsentiert – gemeint ist die Thai-Währung Baht (THB). Der Verkäufer freut sich schon auf das kommende Spiel. Und unser Urlauber denkt: Was tun? Hier lauert ein moeglicher erster Fehler. Der Gast rechnet den Wert in seine ihm vertraute Währung um, kommt eventuell zu dem Schluß, es sei nicht teuer und verliert das Interesse am Handel, akzeptiert gar den aufgerufenen Preis. Klar, kann er jetzt zahlen, der Händler wird sich hüten, dieses zu verhindern. Der Urlauber kann aber auch die Zahl 1000 als eine Art Auftakt verstehen, dem Spiel gemäß klagen, das sei viel zu teuer, er sei nicht Rockefeller oder Abramowitsch. Der Händler zeigt Verständnis und bittet um ein Gegenangebot. Und hier lauert der moegliche Fehler Nummer zwei.  

Wie tief soll der Tourist seinen Preis nun ansetzen? Er sollte auf jeden Fall genügend Spielraum für weitere Entgegenkommen berücksichtigen. 25 Prozent des geforderten Preises koennte so eine Marke sein. Er gibt 250 in den Taschenrechner ein. Nun wird der Verkäufer dem Spiel entsprechend die Hände über den Kopf schlagen. Er habe Frau und Kind und müsse Miete zahlen und der Holzwauwau brauche eine neue Prothese. Doch, er sei kein Unmensch, zeige guten Willen bei einem Entgegenkommen. Er tippt 850 in den Rechner. Das Procedere setzt sich mit weiteren Offerten ( 300 – 800 – 350 – 700 – 400 – 600 – 450 - 550) fort und man wird sich bei 500 Baht handelseinig. Zufriedenheit.

Beide Seiten hatten ihren Spaß, waren immer freundlich im Umgang miteinander. Das Spiel ist zu Ende. Hier schon lauert die nächste Moeglichkeit, einen Fehler zu begehen. Das Spiel hat nämlich die Konsequenz, daß auch gekauft und bezahlt werden muß. Alles andere wäre eine tiefe Beleidigung für den Händler. Handeln ist zwar ein Spass, sollte aber nicht nur aus lauter Jux und Tollerei betrieben werden. Einen Trick gibt es noch für den Fall, daß das Procedere für den Interessenten nicht zum Erfolg führt: Desinteresse signalisieren und langsam weiterwandeln. Das gibt dem Händler die Moeglichkeit, das Geschäft schnell noch einmal zu überdenken, die bisherige Tageskasse zu checken und eventuell dem Urlauber die Preisakzeptanz hinterherzurufen. Kaum ist die Hand des Urlaubers zum Portemonnaie gewandert, hat der Kunde den Artikel bezahlt, berührt der Händler mit dem eingenommenen Geld seine anderen Artikel in der Hoffnung, auch sie moegen sich moeglichst schnell in Monetäres verwandeln.

Der Leser wird richtig vermuten, die obigen Zeilen waren nur ein Beispiel und keine Gesetzmäßigkeit. Denn wie schon angedeutet, solche Preisschwankungen wird der Besucher nur in den reinen Touristengebieten erleben. Während man hier einen Preis schon einmal halbieren, vielleicht sogar noch weiter reduzieren kann, ist man auf dem Lande hervorragend bedient, wenn ein Nachlass von 10 % gewährt wird, natürlich nach deutlich zäherem Handel.

Immer wieder wissen Thais von Urlaubern zu berichten, die teilweise unverschämte Preise fordern. Beispiel: Am Strand sollen sechzig Minuten Massage 300 Baht kosten. Der Gast läßt sich behandeln und bietet dann 20 Baht an. Das geht gar nicht. Man sollte also nicht überrascht sein, nach den Griffen der Masseurin auch noch den Griff der Polizei zu spüren. Letztgenannter Service wäre übrigens im Preis nicht enthalten. Und der Besucher sollte auch wissen, die Massage-Damen und –Herren in den Salons bekommen vom geforderten Preis für die Leistung (z.B. 300 THB) 100 bis 150 ausgezahlt, den Rest kassiert der Besitzer. Fordert der Besucher einen besseren Preis, geht der zu Lasten des Massierenden, denn der Besitzer wird keinen Rabatt einräumen.

Nach diesen einführenden Worten kann es nun losgehen, nee, kann der geneigte Urlauber über die Wochen- und Nachtmärkte, die vielen Shops an den Straßen wandeln und überall dort, wo keine Preisschilder zu sehen sind, feilschen, sein Glück mit dem Handel, dem Aushandeln der Preise versuchen. Shopping mit „sanuk“ - ein wenig anders als daheim: Wandeln und handeln.

 

September 2016

Copyright by Wolfgang Küssner. All Rights Reserved.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Küssner).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Küssner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.09.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Bis in alle Ewigkeit von Ina Zantow



Ina Zantow beschreibt die Leidensgeschichte ihres Sohnes, der nach einem Unfall schwerstbehindert überlebt. In ihrem Buch verarbeitet sie ihre Ängste und Hoffnungen ohne jemals rührselig zu sein. Sie beschreibt offen ihre Kämpfe um Therapien und um den Erhalt ihrer eigenen Kraft als Mutter. Ein berührendes Buch um ein nicht alltägliches Schicksal.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie Reiseberichte Thailand

Weitere Beiträge von Wolfgang Küssner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die weisse Herausforderung von Wolfgang Küssner (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
pilgerweg VII. von Rüdiger Nazar (Reiseberichte)
Er war BEIRUT von Dieter Christian Ochs (Skurriles)