Veit Stanley

Gestrandet

Als Schiffsmaat Wilson zu sich kam, wurde sein Körper von Meerwasser umspült. Sein Gesicht lag zur Hälfte im Sand und einige winzige Krabben und Krebse knabberten an seinen Füßen. Es zwickte ihn unangenehm, so dass er schnell versuchte sich von ihnen zu befreien. Er strich und schubste sie mit wischenden Handbewegungen von seinem Körper, „Ich bin noch nicht gestorben. Sucht euch gefälligst anderes totes Fleisch.“
Eine der Krabben verstand wohl seine Gestiken nicht ganz so recht und wehrte sich wehemend gegen die fremden Attacken. Sie wollte sich nicht von ihrem Platz vertreiben lassen und so beschloss sie, sich hartnäckig mit ihren Scheren an seinem kleinen Zeh zu heften. Ein lauter Schrei entfuhr seinem schmerzverzerrten Gesicht. Einen Moment lang wusste er nicht so wirklich wie er sich verhalten sollte und entschloss sich, ganz ruhig sitzen zu bleiben, was ihm nur mittelmäßig gelang. Deswegen entschied er sich für eine aggressivere Vorgehensweise. Er schaute nach etwas, was ihn von dem mickrigen Quälgeist befreien sollte, er fand einen Stein und die Krabbe kein glückliches Ende.

Nachdem er befreit war und das Stechen nachließ, begutachtete er die Hinterlassenschaften seiner glorreichen Schlacht und befand, dass der Schmerz größer war als der angerichtete Schaden.

Danach sondierte er erneut seine Lage und dieses Mal im weiterreichendem Sinn. Zuerst versuchte er sich an die letzten Stunden zu erinnern. Er war auf einem Schiff gewesen; einer dreimastigen Fregatte auf dem Weg von Spanien nach Asien. Sie sollten neues Land entdecken. Kurz vor ihrem Ziel, einer kleineren Inselgruppe in den Philippinen, gerieten sie in einen heftigen Sturm, der sich zu einem überdimensionalen Orkan aufbauschte. Die Wellenberge wuchsen immens an, bis sie über ihren höchsten Mast reichten. Ihr Boot wurde zum Spielball der Fluten; den Männern stand die Angst in ihre Gesichter geschrieben und sie ahnten, dass sie keine Chance hatten. Wer konnte, stieß ein letztes Gebet zu seinen Ahnen. Denn vor ihnen tat sich einer dieser Kaventsmänner auf, welchen bis dahin keiner von ihnen jemals zu Gesicht bekommen hatte; wie Wilson vermutete. Und falls doch, sicher nicht überlebt hatte. Dieser Wellenberg brach über ihrem Gefährt und riss sie mit sich in die Tiefe.

Seine letzte Erinnerung danach war, wie er unter Wasser, zu seiner Überraschung und Freude, eine Blanke zu greifen bekam, an welcher er sich festklammerte, als ob sein Leben davon abhing. Das Stück Holz gab ihm Auftrieb, während alles andere nach unten driftete. Ob es noch jemand schaffte, konnte er nicht mit Bestimmtheit sagen. Denn nachdem er die Oberfläche erreichte und auf das Brett geklettert war, verlor er das Bewusstsein. Danach war er hier. Nur wo konnte dies sein? Er blickte sich um, sah das Stückchen Rest vom Baum, das ihm das Leben gerettet hat und ansonsten nichts, außer Sand.

Er befand sich an einem Strand, einen schönen wie er fand, mit sehr viel von diesem weißen, weichen Sand. Die Wellen brachen sich in der Brandung und das marin-türkis blaue Wasser strahlte vor Reinheit. Wäre er nicht so besorgt über seinen Aufenthaltsort gewesen, wäre er sicher gern eine Runde Schwimmen gegangen. Er dachte angestrengt zurück. Die letzte ihm bekannte Position war einige hundert Meilen vor der Küste des nächsten Kontinents, inmitten der Philippinen. Er würde mit Sicherheit nicht die Landmasse Asiens erreicht haben. Das heißt, er wird auf irgendeiner -zu seinem Glück- noch nicht erforschten oder kartographierten Insel gestrandet sein, an welcher sicher nicht so schnell jemand vorbeikommen würde, da er fernab jeglicher ihm bekannten Handelsrouten Schiffsbruch erlitten haben musste. Es lief ihm kalt den Rücken runter. Er erhob sich und ihm wurde klar, dass wenn dem so ist, dies bedeuten konnte, dass es Jahre, Jahrzehnte oder sogar niemals sein kann, dass hier jemals wieder jemand vorbeikommen würde.

Es schauderte ihm; er wollte nach Hause in seine geliebte und gewohnte Heimat; er sackte zusammen auf seine Knie, er war gewiss froh, noch zu existieren. Doch wünschte er sich grade unter diesen Umständen, vielleicht doch lieber mit den anderen Seefahrern auf dem Grund des Meeres zu sein.

Er war so hoffnungslos und verweilte eine halbe Ewigkeit in dieser kauernden Stellung, bis er Hunger und Durst verspürte. Eine weitere winzige Krabbe kreuzte seinen Weg, dies jedoch zum letzten Mal. Er erschlug sie nicht, weil er hoffte sich von ihr ernähren zu können. Sie war nicht größer als ein Fingernagel, es war eher, weil sein verletzter Zeh ihm grad kurz zwackte und er an diese fiese, kleine Sau denken musste, welche ihm das angetan hatte. Dafür sollten auch seine Brüder büßen. Eigentlich schwappte da auch ein wenig Frustration über seine eigene aussichtslose Situation mit.

Er rappelte sich auf und begann sich umzuschauen. Nach ein paar Stunden fand er einen schmalen Fluss; auch Kokosnüsse hatte er gefunden. Jedoch nix, womit er die harte Schale hätte öffnen können. So begnügte er sich mit dem frischen, klaren Wasser und trank es hastig. Mit gestärktem Gefühl erkundete er weiter die Gegend und fand schnell heraus, dass das Eiland recht groß war und eine üppige Vegetation vorzuweisen hatte; auch einige Früchte an welchen er sich fürs Erste sättigen konnte. Allerdings gab es kaum andere Lebewesen, außer einigen Vögeln, Insekten und kleinen Nagern. Er vermutete, dass er in absehbarer Zeit kaum mehr Fleisch zu essen bekommen würde. Die Dunkelheit kletterte über die fernen, mittelgroßen Hügel; größere Berge gab es nicht.

In der Nähe des Strandes bereitete er sich aus einigen Pflanzen, Blättern und etwas Moos ein Nachtlager zu. Fürs Erste müsste es reichen.

Am nächsten Tag suchte er sich eine günstige Stelle auf einer der kleineren Anhöhen von welcher aus er eine gute Sicht über einen Großteil der Bucht und das weite Meer hatte. Mit nur wenigen Schritten war er am Gipfel, von welchem er gut über den Rest des Gebietes schauen konnte. Er fand eine Stelle, die durch ein Waldstück gut geschützt war. Ein kleiner Bach floss nicht weit entfernt. Es war der ideale Platz, an dem er sich eine feste Behausung aufbauen konnte. Aus scharfen Steinen und Ästen bastelte er sich profanes Werkzeug so gut es eben unter diesen Umständen ging. Damit schaffte er es, sich aus umliegenden Baumstämmen einen einfachen Unterstand zu bauen, welcher ihn für die nächste Zeit einen Unterschlupf bieten sollte. Es gelang ihm, mit diversen Utensilien sogar Feuer zu entfachen und ab und an konnte er mit einem kleinen, selbst gefertigten Speer Fische fangen. Diese waren jedoch sehr mager und nicht besonders groß; viel dran war dementsprechend auch nicht. Es hatte den Anschein als ob nicht sehr viele Fische hier in die Umgebung des vorgelagerten Riffes kamen. Es gab einige dieser miesen Krabben, mit denen er schon Bekanntschaft geschlossen hatte; den ein oder anderen marginalen Krebs und anderes krabbelndes Getier. Nichts was es die Mühe oder den Aufwand wert gewesen wäre es zu jagen.

So ernährte er sich nun hauptsächlich von den Früchten, die ihm die Fauna zur Verfügung stellte. Er hatte überlegt, sich ein Floß zu zimmern. Jedoch wusste er nicht, in welche Richtung er fahren müsste; wie lange er unterwegs wäre und was er an Nahrung mitnehmen sollte. Da er befürchtete, dass ihm das Obst während der Reise zu schnell verfaulen würden; und etwas zum Räuchern hatte er auch nicht. Er überlegte sehr lang. Er war ein einfacher Matrose, unterwegs zu seiner ersten großen Fahrt. Die hohe Kunst des Navigierens hatte er noch nicht erlernt. Somit entschied er sich vorerst hier zu bleiben und begnügte sich mit dem, was zum Überleben ausreichte.

Während der kommenden Wochen magerte er sichtlich ab und sorgte sich, wie lange er es wohl so überstehen könnte. Als eines Tages Fremde auftauchten, freute er sich und erachtete sich so gut wie gerettet. Dennoch entschied er sich dafür, die Ankömmlinge und deren Treiben zuerst einmal aus der Ferne zu beobachten, was ihm mit Sicherheit seine eigene Existenz sicherte. Ihm war der Anblick jener, die da kamen, nicht ganz geheuer. Er kannte ihre Sprache nicht, was ihn nicht weiter störte; war er doch zuvor schon mit seinen Seeleuten in neu entdeckte und noch nicht gänzlich bis zuletzt erforschte Gebiete vorgestoßen, in denen sich die Bewohner auf vielen verschiedenen Arten von befremdlichen Dialekten unterhielten und ihnen trotz dessen recht freundlich entgegentraten. Gleichwohl deren Zivilisation sich auf einem sehr viel niedrigeren Niveau -als das seiner eigenen Gesellschaft- befand. Auch das Aussehen machte ihn nicht nervös. Er war darauf vorbereitet, sich den -in seinen Augen- primitiveren Völkern gegenüber zu stellen, da er es nun schon gewohnt war, in unbekannte Gefilde zu segeln, deren Einheimischen zu begegnen und mit ihnen neue Handelsbeziehungen zu knüpfen. Was ihn beunruhigte, war ihr Gebaren und, dass sie einen Gefangenen dabeihatten; einen ihnen ähnlich sehenden, dennoch etwas leicht anders wirkendenden Eingeborenen, welcher an den Händen strickartige Fesseln trug.

Aus diesem Grund hielt er sich bedeckt. Obwohl es ihn reizte sich zu erkennen zu geben und auf Rettung zu hoffen, begutachtete er das weitere Geschehen aus sicherer Entfernung. Sie gingen zu einem abgelegenen Platz, welchen er vorher noch nicht entdeckt hatte. Es war ein kreisförmig angelegtes Areal mit einer Feuerstelle in der Mitte; davor befand sich ein Tisch in Form eines Altars. Er dachte sich, dass es vielleicht eine Art Gebetsstätte oder -wie er nun vermutete- eine Gerichtskammer handle. Eben einfach und sporadisch eingerichtet, wie es für ein rückständiges Volk nicht anders zu erwarten wäre. Und doch erwiesen sie sich so fortschrittlich, dass ihnen Gerechtigkeit wichtig war. Der Angeklagte würde hier seine Verurteilung und seine Bestrafung erhalten, falls er für schuldig erachtet werden würde. Damit konnte er sich arrangieren. Er wollte sich ihnen nun zu erkennen geben, da er davon ausging, dass diese Menschen einen in ihrer Kultur innehabenden Gerechtigkeitssinn besaßen. Doch vorher wollte er sich noch das Ereignis und die Verhandlung anschauen, zu welcher es leider nicht kam. Der mitgebrachte wurde auf den Tisch gelegt und von seinen Gliedern und den Kopf befreit. Wilson erschrak derartig, dass er vor Schreck beinah ohnmächtig und vornüber aus seinem Versteck heraus gerollt wäre. Nur mit äußerster Kraft konnte er sich gegen eine nahe stehende Palme stützen.

Nachdem er sich von seinem ersten Schock erholt hatte und sich nicht mehr so sicher war, ob er auf ihre Gnade zählen konnte, verfolgte er mit gewissem Respekt das weitere Vorgehen der Männer. Denn das Spektakel war noch nicht beendet. Nicht nur, dass sie ihn töteten; die einen begannen nun, ihn weiter zu zerteilen, zu zerlegen und auszunehmen, während die anderen anfingen, das Feuer in Gang zu bringen. Dieser Anblick trug dazu bei, dass Wilson so übel wurde, dass er sich übergeben musste. Es kam jedoch nicht sonderlich viel, da sein Magen so gut wie leer war. Als er sein Speien beendet hatte, konnte er sehen, wie die Einzelteile nun entweder gekocht, gebraten oder anderweitig zubereitet wurden. Danach begann der Stamm dieses Urvolkes das arme Opfer zu vertilgen. Wäre noch etwas in Wilsons Magen gewesen hätte es ihn nun auch spätestens verlassen.

Wilson war letztendlich davon überzeugt, sich lieber versteckt zu halten. Nach Beendigung der Mahlzeit beobachtete Wilson, wie die Reste beseitigt wurden. Man vergrub sie direkt in der Nähe der Stelle. Als die Einheimischen verschwunden waren, wünschte sich Wilson umso mehr, dass er von hier fortkommen könnte. Er war zutiefst verunsichert, hatte Angst und machte sich große Sorgen, dass sie wiederkommen könnten. Deswegen beschloss er sich bedeckt zu halten, verwischte seine Spuren und achtete penibel darauf, dass nichts auf seine Anwesenheit hindeuten würde. Täglich beobachtet er die Stelle, an der sie an Land gekommen waren. Und tatsächlich, nach einem gefühlten Monat tauchten sie wieder auf.
Nun tat er alles dafür unentdeckt zu bleiben und observierte mit viel Abstand, was passierte. Immer wieder folgte die gleiche Prozedur und so stellte er eine gewisse Regelmäßigkeit fest. Er hielt sich im Hintergrund weit entfernt von ihrem Zeremonienort und beobachtete still und heimlich ihr Kommen und Gehen. Manchmal stellte er sich vor, eines ihrer Boote zu nehmen und abzuhauen. Doch wo sollte er hin? Am Ende waren sie schneller als er und würden ihn einholen. Auch befürchtete er, dass die Gefährte zu groß und schwer waren, um sie alleine zu bewegen und zu steuern. Vermutlich würde er eh nicht über die Brandung des Riffes hinauskommen, an der die hohen Wellen immer zerschlugen. Wenn er auf Land stoßen sollte, wer sagte ihm, dass er dann dort nicht gerade den Lebensraum dieser Barbaren vorfand, ohne es zu wissen.
So oder so, jedes Szenario endete damit, dass er dort unten auf dem Opfertisch landen würde. Sie hätten sicher kein Erbarmen oder Mitleid mit ihm, nur weil er ein wenig andersartig aussah als sie. Garantiert nicht. Vorzugsweise würde er in ihren Augen eine Delikatesse darstellen, etwas Besonderes was sich sehr gut als Hauptgericht entpuppen würde. So hielt er sich zurück, vegetierte weiter vor sich hin, zerfloss in Selbsthass und verlor die Hoffnung, jemals von hier lebend wieder weg zu kommen. Zumal sich die Vegetation mit der Zeit zu verändern begann. Neben dem schon miserablen Fisch- und Fleischaufkommen, ließ nun auch die Möglichkeit stark nach, sich von Früchten zu ernähren. Diese Engpässe trugen dazu bei, dass er letztendlich wirklich anfing, Hunger zu leiden; so stark und so sehr, dass die Schmerzen unerträglich wurden. Er verlor zusehends an Kräften und begann, manchmal zu halluzinieren. Er hatte Schwierigkeiten dabei, die Orientierung zu behalten und stromerte öfter wild umher.

 

Eines Tages fand er sich dabei an ihrem Gourmet Vertilgungsareal wieder. Er erschrak, als ihm bewusst wurde, wo er sich befand und dass er keine Ahnung hatte, wie er hier landen konnte. Doch nun stieg ihm ein intensiver Geruch in die Nase, der einen verlockenden Beigeschmack hatte. Er war innerlich zerrissen. Einerseits widerte ihn an, was hier geschah und andererseits war er von entsetzlichem Hunger getrieben. Eine ihm noch nie untergekommene Form animalischen Triebes, die er so weder näher beschreiben noch verstehen konnte, führte dazu, dass er nach den Überbleibseln des letzten Mahls buddelte. Bevor er überhaupt begreifen konnte, zu welchem Schritt er unweigerlich getrieben war, gruben seine Hände bereits nach der ersehnten Nahrung.

Kaum realisierte er was er da tat, spuckte er es aus und rannte davon. In seinem Lager angekommen, bemerkte er, dass er noch ein paar Stücke des Fleisches bei sich trug. Er machte ein Feuer und grillte sie. Er hatte nicht vor es zu verspeisen. Doch das köstliche Aroma stieg ihm erneut in die Nase. Er nahm sich vor, es nur anzusehen und daran zu riechen. Es roch so einzigartig, wundervoll wie gebratenes Hähnchen. Er leckte unterbewusst daran. Seine Synapsen spielten verrückt und er verlor jegliche Kontrolle über sämtliche Funktionen seines Körpers. Es gab kein Halten mehr. In einem Zug verleibte er sich die gesamte Hälfte des mitgeführten Armes ein. Danach leckte er sich die Finger. Wie ein Tier kam er sich vor und fühlte sich elend. Er bekam ein äußert schlechtes Gewissen, würgte ein wenig und behielt es dennoch bei sich. Plötzlich stand er wieder im Kreis und war kurz darauf mit Nachschlag zurück am Feuer. Diesmal fiel es ihm schon viel leichter. Seine Rechtfertigung dafür war, dass sein Überleben weitaus wichtiger sei als ein paar Überreste eines längst Verstorbenen. Außerdem hatte er ihn ja auch nicht getötet.

Es dauerte nicht lange und er war äußerst oft, nach dem Verschwinden der Kannibalen, an deren Befestigung und bediente sich durchaus dankbar an den verbliebenen Gebeinen; derweilen auch ohne Scham. Selbst als die Früchte wieder üppiger zu wachsen begannen, holte er sich, wie er fand, seinen Anteil. Er spürte, wie seine Stärke zurückkam, was ihm logisch erschien nach dieser langen und fleischlosen Phase. Doch da war noch etwas Anderes. Er fühlte sich nicht nur fitter, sondern auch gesünder, vitaler, erfrischter und jünger. Es war unfassbar. Teilweise wie ein Rausch.

Jahre vergingen und er verließ sich auf seine immer wiederkehrende Ration Proteine.

Jahrzehnte vergingen und er verlor jegliches Zeitgefühl. Kaum hoffte er noch seine wahre Heimat wiederzusehen. Er wartete nur darauf, selbst einmal aufgespürt und verspeist zu werden. Doch eines Tages erschien in der Tat ein Schiff wie aus dem Nichts. Er erkannte es nicht gleich als solches, denn es hatte keine Segel. Es schwamm. Also was sonst sollte es sein? Die Seefahrer darauf waren wie er, nur sehr merkwürdig gekleidet; ihre Sprache klang anders und trotzdem verstand er sie nach kurzem Lauschen. Er folgte ihnen eine Weile, um sicher zu gehen, dass sie nicht hier waren, um Ihresgleichen zu verschlingen. Sie schienen Forscher zu sein; so wie er einst. Sie machten Aufzeichnungen mit interessanten Gerätschaften, wie er sie niemals zuvor gesehen hatte. Nachdem er sich sicher war, dass diese Leute harmlos waren, entschied er sich dazu, den Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Sie waren überrascht und erfreut. Sie stellten ihm viele Fragen und er ihnen.
Wilson erzählte ihnen, er sei in Seenot geraten und hier gelandet. Als ihm nach einer Weile klar wurde, dass er hier nicht nur Jahrzehnte gefangen war, sondern wohl mehr als zwei Jahrhunderte fuhr er innerlich zutiefst zusammen; versuchte jedoch sich nichts anmerken zu lassen, da er sicher war dies würde unangenehmen und schwer zu beantwortenden Gesprächsstoff mit sich führen.  In den Augen der fremden Männer redete er ein wenig wirr und vieles erklärte sich ihnen nicht. Doch ließen sie es dabei beruhen und führten es darauf zurück, dass er hier mehrere Jahre allein verbracht haben musste. Sie nahmen ihn mit in die heimatlichen Gefilde.

Nach dem anfänglichen Schock, dem Verarbeiten der ganzen neuen Einflüsse und Veränderungen, gelang es ihm recht schnell sich anzupassen. Er lebte sich gut ein und konnte sich mit seiner neuen Umgebung ohne Probleme arrangieren. Es fehlte ihm nach einer Weile an nichts; kaum gab es etwas, das er vermisst hätte. Doch gab es in seinem Inneren einen unbändigen, nie ganz zu ignorierenden, immer größer werdenden, ungezügelten Heißhunger. Eine gewisse Zeitspanne gelang es ihm diesen im Zaum zu halten, doch er wurde gewaltiger als jede andere Begierde, die er je ertragen musste. Und es verselbständigte sich wie beim ersten Mal als er beinahe verhungerte.

Unvorhergesehen stand er in einem Waldstück mit einer toten Person zu seinen Füßen. Er würde nie erfahren, wie er dahin kam; woher dieser Köper kam oder wer diese Leiche war. Einzig konnte er sich später ins Gedächtnis rufen, wie er dort ein Feuer entfachte und sich einige Teile schmecken lies.

So lebt er auch heute noch unter uns; in Furcht, dass sein Geheimnis entdeckt werden könnte. Daher wandert er unruhig umher. Immer hungrig, weiterhin getrieben, sich seiner Gier nach Menschenfleisch hinzugeben. Er tötet mittlerweile ohne Skrupel. Niemand weiß bei all den Menschen, die spurlos verschwinden, wie viele davon in seinem Magen gelandet sind und es zukünftig noch werden. Er könnte jederzeit hinter dir auftauchen und du würdest seine nächste Mahlzeit darstellen. Es ist nicht abzusehen, wie lang ihn diese Kraft noch am Leben halten kann und wie hoch die Zahl seiner Opfer bis dahin noch steigen wird.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.09.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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