Wolfgang Küssner

Das Rauschen des Meeres - Teil 06

Die folgenden gemeinsamen Stunden verliefen recht stürmisch. Einzelheiten werden an dieser Stelle verschwiegen. Die Fantasie wird reichen, wenn später bekannt wird, daß in dieser Nacht an Schlaf nicht zu denken war. Passanten drehten sich auf der Straße um, Nachbarn eilten zum Fenster, als am nächsten Morgen gegen 11 Uhr ein junger, schlanker, dunkelhaariger Mann laut fluchend, nein schreiend, den Bungalow verließ und die Tür mit einem lauten Knall ins Schloß fiel. Das werde er noch bereuen, er werde noch von ihm hoeren und ähnliche Aussagen, wohl besser Flüche, blieben den Urlaubern im Gedächtnis. Der junge Mann eilte Richtung Landstraße und verschwand. Im Haus blieb es ruhig.

Zwei Stunden später verließ Didier sein Domizil. Er hatte sich von der Auseinandersetzung mit Jean Bodin erholt und ihm war in Erinnerung gekommen, daß in der heutigen Tageszeitung ein Artikel über seinen neuen Roman erscheinen sollte. Das wollte er natürlich lesen, auch wenn er später vom Verlag eine detaillierte Presseauswertung erhalten würde. Also ging er zum nahen Kiosk und kaufte sich die aktuelle Samstags-Ausgabe mit dem großen Kulturteil zum Wochenende. Schon auf der Titelseite war der Bericht über seinen Roman angekündigt. Die Spannung wuchs mit jedem Schritt, den er zum Bungalow zurücklegte. Nun konnte er es kaum erwarten, die erste einschätzende Kritik zu lesen; der komplette Roman lag ja als gedrucktes Buch noch nicht vor.

Schnell eine Zigarette, ein Gläschen Bordeaux und er nahm auf der kleinen Terrasse seines Hauses Platz. Die ersten Seiten überschlug er hastig. Seite 19 folgende waren der Kultur gewidmet und gleich auf der ersten Seite die ihn besonders interessierende Kritik. „Tage in Paris“ – der neue Roman von Didier Moreau geht unter die Haut... in bester franzoesischer Tradition... eine Liebe zu dritt in äußerst kompliziertem Umfeld... eine ganz besondere Liebe in einem besetzten Frankreich... vielversprechend... offen... frei... mit vielen unerwarteten Überraschungen, Wendungen... die Resistance aus einem ganz anderen, bisher fast unbekanntem Blickwinkel... einzelne Begebenheiten sollen einen realen Hintergrund haben... Das Beste, was Didier Moreau bisher geschrieben hat... der Roman wird polarisieren und das soll und muß er auch... nur in der Kontroverse, in der Auseinandersetzung werden Einsicht, Verständigung, Versoehung, Liebe wachsen und gedeihen koennen. Die Diskussion war also eroeffnet.

Der Artikel war mit ein paar historischen Fotos aufgelockert, Bildern von Kämpfern der Resistance, der Deutschen Wehrmacht. Und der Autor Didier Moreau wurde abgebildet, einmal ihn bei einer Lesung zeigend, sowie eine Portrait-Aufnahme.

Didier hatte seine Zigarette im Aschenbecher vergessen. Sie war längst erkaltet, zu Asche geworden. Und für einen Schluck Wein hatte die Spannung auch nicht gereicht. Nun wollte er natürlich noch wissen, welchen Auszug der Verlag als Leseprobe den Zeitungen zur Verfügung gestellt hatte. Auf Seite 20 fand der Artikel mit einer Textprobe seine Forsetzung. Zuvor schnell ein Schluck Wein; ein Zug aus einer neu angesteckten Zigarette. Welche Episode hat der Verlag nun ausgewählt? Ach ja. Klar.

Jene Stelle, an der ... ein kleiner Stoßtrupp... der Deutschen Wehrmacht unter dem Kommando ihres blonden Hans... der Meinung ist, ein Versteck der Resistance umstellt zu haben.... Doch es ist umgekehrt, wie sich schnell zeigt; ..... der kleine Soldatentrupp ist in eine Falle getappt. Zwei Soldaten werden in einem Gefecht erschossen, fünf koennen fliehen und Hans mimt den treuen, den karrieregeilen Nazi, der..... es den Franzosen zeigen will.... bis er ploetzlich eine Waffe an seinem Hinterkopf spürt und vorsorglich die Hände hebt. Es ist Claude, der ihn in seiner Gewalt hat, ihn auffordert, sich auf die Knie zu begeben, mit einem Fußtritt den zoegerlichen Bewegungen nachhilft und gerade die Pistole erheben will, als ..... Nathalie „Arréte!“ ruft. Nun, es sollte ja nur eine kleine Kostprobe sein, die ein wenig Spannung erzeugt, ein wenig neugierig macht, eine Antwort offen läßt. Didier war mit der Berichterstattung, mit der getroffenen Auswahl zufrieden. Nun, es hätte sich natürlich auch jene Stelle angeboten, als Nathalie etwas früher als vereinbart an der Tür zu Claudes Versteck das verabredete Klopfzeichen gibt und zu ihrer großen Überraschung Hans und Claude im dunklen Raum antrifft.  Die Szenen bereiteten Didier Albträume. Der blonde Hans wollte ihn, Didier, erschießen. Eine Fotomontage vom Buchumschlag rundete den Bericht ab.

In dem Kulturmagazin von „France2“ wurde am Abend ein kurzer Beitrag zu Didiers neuem Roman gebracht. Hier wurde „Tage in Paris“ als das große Thema auf der internationalen Buchmesse in Frankfurt angekündigt, auf den gerade laufenden Prozeß der Versoehung beider Nationen erinnert. Die Werke von George Orwell waren mit seinem „1984“ das Schwerpunktthema dieses Jahr in Frankfurt, aber die Nazi-Diktatur war ja nichts anderes, als ein totaler Überwachungsstaat gewesen mit den Auswirkungen, die heute ein jeder kennen sollte und die der Roman von Didier Moreau mit seiner Liebesgeschichte in Zeiten der Besetzung mit einem kleinen Szenario aufgreift, lebendig werden läßt. Der Moderator von „France2“ legte den Zuschauern das Werk ans Herz und hielt die Covermontage in die Kamera. Das konnte Didier nur recht sein.

Wie stürmisch und voller Agressionen hatte dieser Samstag doch begonnen und jetzt kehrte so etwas wie ein innerer Friede ein. Die vielen Monate harter Arbeit würden sich nun am Ende des Tages gelohnt haben. Ruhe breitete sich aus. Didier goss noch ein Glas Bordeaux ein, um sich danach – auch ohne ein Abendessen - zur Ruhe zu begeben.

Die letzte Nacht mit Jean Bodin hatte im Schlafzimmer Spuren hinterlassen, doch das tangierte Didier jetzt nicht im Geringsten. Die Begegnung war erledigt, aus und vorbei. Sollte er sich jetzt, nach all dem Positiven des Tages, da noch Gedanken für verschwenden? Sich den Tag verderben? Nein. Er schüttelte Bett und Kissen auf, begab sich ins Badezimmer und legte sich dann mit einem Lyrikbändchen ins Bett. Zwei kleine Gedichte und er schlief ein.

Wie es sich für einen solchen Tag gehoert, begrüßte ihn der Sonntag mit Sonnenschein und blauem Himmel. Das Frühstück nahm er wieder im Bistro ein und anschließend wollte er einen Spaziergang am Strand unternehmen. Auf dem Weg über den Holzsteg stand ploetzlich eine andere Sonne vor ihm – Stephane. Mit freiem Oberkoerper und dem bekannten Handtuch um die Hüfte kam er ihm entgegen. Stephane entschuldigte sich sofort, nicht zum vereinbarten Termin gekommen zu sein. Er war der Meinung, bei dem Nebel...... und ausserdem habe er ihm eine Nachricht übermitteln wollen, sich dann aber nicht recht getraut, an der Tür zu klingeln... Schwamm drüber. Vergiss es. C´est la vie. Vielleicht moechte er jetzt mit Didier einen Spaziergang machen? Doch Stephane war wieder auf dem Weg zum Essen in den elterlichen Ferienwohnung.

Aber, beide verabredeten sich für den Nachmittag. Stephane würde zu Didier kommen und dann würde man sehen, was man gemeinsam unternehmen koennte.

Fortsetzung Teil 7

September 2016

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