Gertraud Widmann

Theater


Die Leidenschaft für`s Theater habe ich von meinem Vater
geerbt. Der war von früher Jugend an, bis zu seinem Tod,
beim Theater beschäftigt, beziehungsweise ihm verbunden.
   Deshalb habe ich auch ab meinem zehnten Lebensjahr
jahrelang jede freie Minute im Residenztheater - im "Resi",
wie es noch heute liebevoll von den Münchnern genannt
wird - verbracht. Na ja,  schauspielern wollte ich jetzt nicht
gerade, aber das Leben geht manchmal seltsame Wege ...

Im Sommer 1951 wurden mein Bruder und ich doch glatt
für das Stück "Die Pfingstorgel" engagiert. Denn zu jener
Zeit waren dem Bayerischen Staatsschauspiel erwachsene
Statisten zu teuer und deshalb verpflichtete man einfach
Kinder, die man dann auf  "alt" schminkte!
   »Von Weitem sieht das eh kein Mensch! « sagte der Herr
Regisseur. 
   Daraufhin steckte man meinen siebenjährigen  Bruder in
eine Dachauer Tracht und pappte ihm einen Vollbart ins
Gesicht, dass ihn die eigene Mutter nicht wiedererkannte.
Dann drückten sie ihm eine Bayerische Fahne in die Hand
und stellten ihn neben einen Schäferkarren.
   Mir zog man ein dunklel-kariertes Dirndl über,
"tackerte"
einen falschen, grauen Dutt  (Haarknoten) auf`s Haupt und
schminkte mir dann unzählige Falten in mein zehnjähriges
Gesicht. Derart "zuag`richt" (verunstaltet) musste ich als
"alte" Bäuerin über die Bühne - äh, über den "Jahrmarkt" -
schlendern.

Und so gehörten wir gut vier Monate lang zum"Ensemble"
des Bayerischen  Staatstheaters. Ja und "Gage" bekamen
wir sogar auch: pro Vorstellung fünf Mark! Das war damals
für uns Kinder eine Menge Geld.

Obwohl es mir sehr viel Spaß gemacht hatte, war ich doch
ganz froh, als es vorbei war. Denn jetzt konnte ich mich
endlich wieder auf das konzentrieren, was mich am Theater
noch viel mehr interessierte und faszinierte, nämlich das
ganze Drumherum hinter, unter- und oberhalb der Bühne.
   Der Aufzug zum Beispiel, mit dem beim "Faust" der Teufel
in die "Hölle"  fährt, oder hoch über der Bühne, auf dem so
genannten "Schnürboden", von wo aus die Dekorationen
hochgezogen und wieder hinunter gelassen werden. Und
überall hat es so gut gerochen, nach Leinwand, Holz, Leim
und Farbe.
   Ab und zu konnte ich auch dem Inspizienten, der für den
reibungslosen Ablauf einer Vorstellung zuständigen ist, am
Schaltpult über die Schulter schauen. Manchmal durfte ich
auch in der "Gasse" (der Seitenbereich einer Bühne, durch
den die Akteure auftreten und abgehen) stehen und bei den
Proben zusehen. Bei einer dieser Proben durfte ich sogar
einmal das Geräusch des "Regens" machen. Ich musste
lediglich ein großes Sieb mit getrockneten Erbsen hin und
her schwenken! Unvorstellbar in der heutigen Zeit ...

Die größte Freude machte man mir, wenn eine Vorstellung
nicht ausverkauft war! Denn dann durfte ich mir das Stück
anschauen. Wie das mein Vater immer wieder "gedeixelt"
(hinbekommen) hat, hätte ich gern gewusst. Na ja, auf alle
Fälle musste ich immer auf das Zeichen des "Saaldieners"
warten, bis ich in den bereits dunklen Zuschauerraum
"huschen" durfte. Es war mir auch egal, ob ich das Stück
schon mal gesehen hatte - Hauptsache ich war im Theater.
   Da saß ich dann in meinem dunkelgrünen Samtkleid, das
man eigens für`s Theater mit Goldknöpfen und Goldgürtel
"aufgemotzt" hatte, zwischen all den festlich gekleideten
Damen und Herren. Jawohl, "festlich" waren die Menschen
angezogen, denn damals war ein Theaterbesuch noch was
Besonderes!

Was Besonderes war für mich auch, wenn mich mein Vater
den verschiedenen Schauspielern vorstellte. Ich war dabei
immer ganz aufgeregt und bekam rote Ohren, vor allem bei
jenen, die mir damals gefielen.
   An ein Ereignis in diesem Zusammenhang kann ich mich
heute noch erinnern:   Ich war vielleicht siebzehn Jahre alt,
Winter war`s und überall war der Schnee zu hohen Haufen
zusammengeschoben.  Wie schon so oft, hatte ich bei einer
Probe zugesehen und war gerade im Begriff das Theater
durch den Bühneneingang zu verlassen.  Plötzlich  stand der
mir bekannte und besonders fesche (!) Schauspieler hinter
mir. Er griff über mich hinweg, drückte gegen die Tür und
half mir so diese zu öffnen - Theatertüren sind aber auch
verdammt schwer. Ja und was tat ich jetzt? Das "Fräulein
Ungeschickt" stolperte über weiß der Teufel was, fiel der
Länge nach aus der Tür und landete auf einem der großen
Schneehaufen …

Der Schauspieler half mir grinsend hoch, erkundigte sich
noch nach meinem Befinden und ging dann seines Wegs.
Mein Gott war mir das peinlich.

Jedenfalls, wenn ich diesen Schauspieler heute einmal im
Fernsehen sehe - gut,  wir sind alle älter geworden, aber
fesch ist er eigentlich immer noch -  dann denke ich heute
noch an diese Begebenheit ...

... und an die wunderschöne Zeit am Theater.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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