Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, 20

Es kostete uns den restlichen Nachmittag und einen Großteil meiner ohnehin schon betagten Schuhsohlen, bevor wir das Ende des Waldes erreichten. Jenseits des Waldlandes erstreckte sich ein hügeliges Tal, in dessen Senke ein kleiner Fluß floß. Entlang des friedlich wirkenden Ufers führte eine Straße entlang. Fluß als auch Straße schlängelten sich durch goldgelbe Weizenfelder den trutzigen Mauern von Schrottingham entgegen. Hier und dar entdeckte ich ein paar einsame Gehöfte und ein paar Ansammlungen von windschiefen Gebäuden, die einen Weiler bildeten. Alles wäre ganz hübsch anzusehen gewesen, gäbe es da nicht die finstere Wehranlage, die über all dem wie ein urzeitliches Ungeheuer wachte. Und ausgerechnet dort wollten wir hin. Mit einem selbstmörderischen Plan. Während ich mit meinem Schicksal haderte und Mikesch beim Anblick der düsteren Burganlage zum ersten Mal die Worte fehlten, streifte Hilly ihren prallen Rucksack ab. Ich staunte nicht schlecht, als ich sah, was sie aus den Tiefen des Sackes zutage förderte. Den vielen bunten Bändern, Jonglierbällen, Tüchern und sonstigen bunten Schnickschnack nach zu urteilen, hatte irgendein Gaukler offenkundig sein gesamtes Inventar in einem Anfall von Großzügigkeit Hilly vermacht. Vielleicht hatte auch der eine oder andere Pfeil dabei eine nicht ganz unwesentliche Rolle gespielt, aber das würde wahrscheinlich Hillys Geheimnis bleiben. Möglicherweise war der Gaukler aber auch ganz froh gewesen, einen Teil loszuwerden, überlegte ich, als Hilly ein quietschgrünes Band ans Tageslicht beförderte, das an Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten war.

„Das ist für den Kater“, verkündete sie freudestrahlend, wobei sie mit dem Band fröhlich wedelte. „Das gibt eine hübsche Schleife.“

Mikesch war entsetzt.

„Nur über meine Leiche!“, protestierte er entrüstet.

„Das läßt sich einrichten.“

Funkelnd starrten sich die Kontrahenten an.

„Nun mal langsam“, versuchte ich die drohende Auseinandersetzung abzuwenden, wobei ich mir das Lachen kaum verkneifen konnte. Den ruppigen Kater mit einer quietschgrünen Schleife um den Hals zu sehen, wäre sicherlich ein einmaliger Anblick. „Was hast du denn gegen ein wenig Dekoration einzuwenden? Immerhin wollen wir als Gaukler auftreten“, versuchte ich ihm die Sache schmackhaft zu machen, worauf Mikesch mich ansah, als hätte ich ihm vorgeschlagen, Vegetarier zu werden.

„Meine Dosenöffnerin hat mal probiert, mir ‘n Flohhalsband anzulegen.....“, sagte er mit provozierend seidenweicher Stimme, als sei damit alles gesagt.

„Und was ist passiert?“

Mikesch hob die rechte Pfote und betrachtete demonstrativ seine ausgefahrenen Krallen.

„Nun, sagen wir mal so. Gut, daß wir Jod im Haus hatten.“

„Hmmm. Also keine Schleife.“ Hilly war enttäuscht.

„Njet“, bestätigte Mikesch. „Probier dein Glück bei Godzilla. Der kann ‘n wenig Farbe vertragen.“

Grün nicht paßt zu Augenfarbe“, wehrte Gorgus entsetzt ab. Ich war erstaunt. Es gab tatsächlich etwas, das diesem Klotz Angst einjagte, die Aussicht, mit einer hübschen grünen Schleife geradewegs in die verderbteste Stadt auf diesem Planeten zu latschen. Dann fiel mir allerdings siedendheiß etwas ein. Wenn weder Mikesch noch Gorgus bereit waren, das giftgrüne Accessoire zu tragen, blieb die Auswahl derjenigen, die noch in Frage kamen, beschränkt. Ich schluckte, als mir gewahr wurde, daß die drei Gefährten mich grinsend ansahen. Was nun kam, brauche ich wohl nicht zu erläutern.

„Du siehst prächtig aus“, lobte der Kater süffisant, nachdem ich mich ins Unvermeidliche gefügt und wütend das schreiend grüne Tuch wie einen Turban um meinen Kopf gewickelt hatte. Ich hätte schwören können, daß meine Haare protestierend aufstöhnten.

Auffällig“, bestätigte Gorgus.

Ich grunzte irgend etwas Unfreundliches zurück, während ich mir meine Gefährten ansah. Hilly hatte einen fast durchsichtigen Fummel aus dem Rucksack gegraben, der ihre Figur nun umschmeichelte und mein Blut in Wallung brachte. Sollten wir irgendwo auftreten, wäre ihr die Aufmerksamkeit des Publikums gewiß, selbst dann, wenn sie über ein so spannendes Thema, wie über die Schwierigkeiten der Zwiebelzucht bei Dauerregen berichten würde. Zur Abkühlung meiner auflodernden Begeisterung warf ich einen Blick auf Gorgus, der sich ein riesigen Tuch geschnappt hatte, das mit allerlei seltsamen Zeichen bemalt war. Der Troll hatte kurzerhand ein Loch in die Mitte gebissen und sich das Ganze dann über den Kopf gezogen. Nun sah er aus wie ein wandelndes Zelt. Ich machte mir eine gedankliche Notiz, nicht im trunkenen Zustand auf die Idee zu verfallen, die Nacht unter einer Zeltplane zu verbringen. Ich fragte mich, wie die Wachen von Schrottingham bei unserem Anblick wohl reagieren würden und hoffte, daß sie nicht das Naheliegende tun und vor Schreck den Auslöser ihrer Armbrust betätigen würden. Verstehen würde ich es.

Dann fiel mein Blick auf den Kater.

Wie nicht anders zu erwarten, hatte es Mikesch am besten getroffen. Ein silberner, hübsch verzierter Armreif schmückte seinen rechten Vorderlauf. Ansonsten sah er aus wie immer.

„Angemessen“, schnurrte er, als er meinen verärgerten Blick auffing.

„Wieso darf er den Schmuck tragen?“, beklagte ich mich bei Hilly, die meine Beschwerde ignorierte.

„Erinnerst du dich? Ägypten, Anbetung, Gottheit“, zählte der Kater auf, wobei er grinste, als hätte er gerade unerkannt die Bewohner eines ganzen Hühnerstalls gefressen. Ich stöhnte geplagt auf und wandte mich resigniert Hilly zu, die mit in die Hüften gestützten Fäusten ihre Truppe inspizierte.

„Glaubst du wirklich, wir kommen mit dieser Maskerade durch?“, fragte ich entmutigt. Nüchtern betrachtet erschien mir mein Plan alles andere als brillant. Er hatte mehr Ecken und Kanten als Finsterburg und war weniger Erfolg versprechend, als eine Hasenjagd in tiefer, finsterer Nacht.

Hilly schwieg, während sie mich mit einem durchdringendem Blick musterte, der mich beinahe stramm stehen ließ. Offenbar gefiel ihr nicht, was sie sah, denn sie seufzte nach Abschluß ihrer Inspektion, als habe man ihr gerade die Aufgabe übertragen, über Nacht die notorisch leere Kasse von Finsterburg wieder aufzufüllen. Mit den Händen strich sie sich in einer ein wenig verzweifelt anmutenden Geste die Haare zurück, bevor sie sich zu einer Antwort durchrang.

„Nun, wie heißt es so schön, man zieht in den Krieg mit den Soldaten, die man zur Verfügung hat, und das seid im Moment ihr“, stellte sie mit bewundernswerter Logik fest. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, schien sie das allerdings nicht gerade glücklich zu machen. Genauer gesagt sah sie aus, wie jemand, der gerade einen Monat Kuscheln mit Gorgus gewonnen hatte. Etwas weniger entschlossen fuhr sie fort: „Ab sofort sind wir Gaukler auf der Durchreise. Du..“, mit dem Finger zielte sie wie mit einem Degen auf den selbst verliebten Kater, „bist ab sofort ein magisches Tier.“

„Erzähl mir was Neues, Baby“, schnurrte Mikesch gelassen, aber Hillys Degen hatte schon den nächsten unseres traurigen Haufens ins Visier genommen.

„Du, mein treuer Gorgus, spielt den stärksten Mann der Welt..“

Hö, hö, höh.

„....und du bist der Zauberer aus dem fernen Südgestaden, den es hierher verschlagen hat.“

„Wurde ich wegen meiner geschmacklosen Kopfbedeckung von dort vertrieben oder hat mich was anderes hierher geführt?“

„Du bist auf Tournee, um eine grandiose Karriere zu starten.“

„Als Werbeträger für Neonfarben?“, warf Mikesch ein, wobei er geschmeidig meinem angedeuteten Tritt auswich.

„Und was soll ich als grandioser Zauberer tun?“

„Verwandele das magische Tier“, sagte Hilly mit einem breiten Grinsen.

„Dein Wunsch sei mir Befehl“, sagte ich und wandte mich mit unschuldigem Gesichtsausdruck dem Kater zu. „Wolltest du nicht schon immer mal wie eine sabbernde Bulldogge aussehen?“

Wird fortgesetzt.....

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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