Wolfgang Küssner

Das Rauschen des Meeres - Teil 07

Zur verabredeten Zeit klingelte es an Didiers Bungalowtür. Er oeffenet erwartungsvoll und vor ihm stand – Stephane. Leichte Badesandalen, kurze, gelbe Hose, schwarzes T-Shirt mit dem Portrait von Albert Einstein bedruckt, wie dieser frech und provozierend die Zunge heraustreckt. Ein verschmitzes Lächeln, leuchtende Augen, Lockenkopf, über die Schulter ein kleiner blauer Rucksack. So stand er vor ihm. Bienvenue mon chéri. Stephane trat ein. Zur Begrüßung Küßchen links, rechts und links. Beide beschlossen, an diesem Sonntag einen Spaziergang am sonnigen Strand zu unternehmen. Vielleicht koennte man ein Bad im Atlantik nehmen. Didier zog sich schnell um. Stephane entledigte sich seiner kurzen Hose, seines T-Shirts. Mit der roten Badehose war er bereits bekleidet. Aus dem kleinen Rucksack entnahm er ein Handtuch und schlug es sich wie gewohnt um die Hüfte. Sie starteten ihren sommerlicher Ausflug.

Durch den Pinienhain und über den Steg gingen sie noch relativ wortlos, doch das änderte sich, als sie dann Richtung Norden wanderten und allein am Strand waren. Schnell fanden ihre Hände zueinander. Stephane entschuldigte sich noch einmal für sein Verhalten am Nebeltag, daß er immer das Essen mit seinen Eltern einhalten müsse. Er sei 16 Jahre alt und gemeinsam mit seinen Eltern und einer jüngeren Schwester hier. Der wohl vorerst letzte Urlaub, den sie gemeinsam machen würden. Papa zahlt natürlich alles, er habe nur zusichern müssen, am gemeinsamen Essen teilzunehmen. Papa legt Wert auf Familie. Ansonsten habe er freie Hand. Und dass er schwul sei, stelle für seine Eltern kein Problem dar. Das Wichtigste für sie sei, einen glücklichen, gesunden und zufriedenen Sohn zu haben und seine sexuelle Orientierung habe sich bekanntlich niemand auswählen koennen. Sie kämen aus Lyon und seien in den letzten Jahren immer hier am Cap Ferret gewesen. Früher hätten sie nicht weit von hier Camping gemacht. Das war immer Urlaub von der ersten Minute an. Didier genoss den jungen Begleiter an seiner Seite, hoerte ihm gern zu. Mon „sweet little sixteen“.

Die ansonsten so rauhe See, die hohen Wellen, schienen heute einen Ruhetag eingelegt zu haben. Und so fühlten sich beide ermutigt, ein Bad zu nehmen. Stephane hatte schnell das große Handtuch abgelegt und stürmte voller jugendlichem Drang ins Wasser. Didier musste erst seine Shorts, sein Hemd ausziehen, bevor er dem Lockenkopf in die sanften Wellen folgen konnte. Sie bespritzten sich gegenseitig mit Wasser, sie tauchten sich unten, schwammen kurz um die Wette und fanden immer wieder zu einer engen Umarmung zusammen. Die Küsse schmeckten nach Salz, die nackte Haut des anderen erregte sie, weckte die Sehnsucht nach mehr Nähe. Momenten der Zärtlichkeit, folgten Augenblicke sportlichen Drangs. Und als sie aus dem Wasser kamen und ihre Blicke auf die Badehose des anderen fielen, da mußten beide lachen. Sie breiteten das Handtuch im Sand aus, legten sich, eng aneinander geschmiegt, in die Sonne und ließen ihre Koerper von Wind und Wärme trocknen.

Da sie die Intensität der Sonne nicht unterschätzten und auch keinen Sonnenbrand riskieren wollte, machten sie sich nach vielen Minuten genussvollen Nebeneinanders wieder auf den Weg zurück. Je näher sie dem Steg kamen, um so mehr Badegäste waren in ihrem Blickfeld. Doch dort, wo sie das Bad, die Nähe genossen hatten, da waren sie ganz allein gewesen. Ja, das war richtig schoen.

Stephane überraschte Didier ploetzlich mit der Frage, ob er der Schriftsteller Didier Moreau sei. Sein Vater hätte gestern den Artikel in der Le Monde gelesen und danach gemeint, es würde ihn nicht wundern, wenn der Autor des Romans hier in Cap Ferret ein Ferienhaus gemietet habe. Er meine, da habe jemand in der Nachbarschaft verdammt viel Ähnlichkeit mit Didier Moreau. Das war nach dem Zeitungsartikel natürlich zu erwarten gewesen, daß er von nun an kein ganz so Unbekannter mehr sein würde. Ja, die Vermutung seines Vaters sei richtig, er habe die „Tage in Paris“ geschrieben und wolle sich jetzt, nach der anstrengenden Arbeit, etwas erholen. Zunächst mochte Stephane gar nicht glauben, daß er mit einer so berühmten Person händchenhaltend am Strand spazieren ging. Ob er ihm etwas von dem neuen Roman erzählen moechte? Sein Vater habe gesagt, daß das, was er in der Zeitung gelesen habe, recht interessant klinge und sehr neugierig mache.

Zunächst bat Didier seinen Lockenkopf, die Entdeckung bitte für sich zu behalten, es solle schließlich Urlaub sein. Es wäre ihm sehr unangenehm, wenn er sich nicht mehr ganz so frei bewegen koenne, vielleicht sogar abreisen müßte. Gerade jetzt, wo sie beide zueinander gefunden hätten. Stephane verstand, gelobte großes Indiander-Ehrenwort, sich bei entsprechenden Fragen in Schweigen zu hüllen, es nirgendwo zu erzählen. Das war das Stichwort. Nun mußte Didier natürlich über seinen Roman sprechen, von der Besetzung durch die Deutsche Wehrmacht, vom Widerstand der Resistance, von seinen Protagonisten, vom blonden Hans, dem lockigen Claude, der schoenen Nathalie, der komplizierten Dreiecksbeziehung, der Liebe in Kriegszeiten. Er berichtete von den Ideen, von seinen Recherchen, vom realen Geschehen, das er hier in den Roman habe einfließen lassen. Seine drei Hauptfiguren seien keine Fiktion, sie hätten gelebt und gehandelt. Allerdings wisse er nicht, was nach dem Krieg aus ihnen geworden sei.

Stephane hatte die ganze Zeit hochinteressiert und konzentriert zugehoert und beide wunderten sich, als sie ploetzlich wieder vor Didiers Bungalow standen. Sie gingen hinein, tranken ein wenig Wasser. Stephane zog sich Hose und Shirt an, verstaute sein Handtuch im Rucksack. Es war Zeit für ihn, zum abendlichen Diner ins elterlicher Haus zu gehen. Beide umarmten sich erst zärtlich, dann stürmisch. Sie küßten und bedankten sich für den schoenen Tag und verabredeten sich für den morgigen Montag. Stephane sicherte zum Abschied zwei Dinge zu: Ersten würde er sein gegebenes Ehrenwort halten und zweitens würde er alles daransetzen, daß sie morgen beide gemeinsam auch den Adend verbringen koennten. Didier bedankte sich mit einem weiteren Kuß und wünschte seinem Lockenkopf, einen schoenen Abend, schoene Träume und daß er sich riesig auf morgen freue.

Didier schwebte an diesem Abend auf Wolke sieben. Dass er zum Dinner etwas später allein im Bistro saß, stoerte ihn nicht. Er war gedanklich mit Stephane am Strand, im Wasser, in den Dünen. Was ihn allerdings ein wenig stoerte, das waren die Blicke, das Getuschel einiger anderer Gäste. Hatten sie ihn erkannt, oder bildete er sich das nur ein? Er verließ das Bistro schneller als sonst und genoß in Ruhe den Rest des Tages bei einem Glas Bordeaux in seinem Bungalow.

Fortsetzung Teil 8

September 2016

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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