Jürgen Malodisdach

Kalle und Kalle / die Vierte

Es ist Sonntag. Vormittag, so kurz vorm Sonntagsbraten. Was nicht heißt, daß Tobi nicht noch mal raus muß um seine kleinen , vielleicht auch größeren Geschäfte zu erledigen.

Ich packe also wie üblich alle notwendigen Dinge für diesen Spaziergang ein. Neben einer Flasche Wasser sind das noch diverse Knabbereien für zwei Hunde.

Ach ja, hatte wohl gerade vergessen zu sagen, daß wir heute eine Verabredung mit Kalle und Kalle haben. Wir wollten uns treffen, weil Karlheinz mir etwas mehr über sein und Claudias Leben erzählen wollte.

Ich mußte mich nun darauf verlassen, daß er unseren Treff nicht vergessen würde. Er hat ja kein Handy, nicht das Einfachste. Kann sich so ein Ding bei seinen mickrigen Einkünften nicht leisten. Sagt er.

Ich habe aus meinem Fundus ein noch brauchbares Gerät ausgesucht, ordentlich in Gang gebracht und dazu natürlich mit einem Betrag und einer Nummer geladen.

Wollte es ihm schenken, damit wir uns bei Notwendigkeit verständigen konnten. Ich war schon interessiert daran zu erfahren, wie und warum er aus einem gesicherten und vernünftigen Leben in seinen jetzigen Zustand sinken konnte.

Tobi bekam sein Geschirr umgelegt, freute sich sofort über die Unterbrechung, seinen Schlafplatz gegen ein Stück Natur umtauschen zu können.

So steuerten wir im Spaziergängertempo auf den Punkt unseres verabredeten Treffs zu. Eine Bank, umgeben von viel Grün und sonstigen Naturgegebenheiten war das Ziel. Die Hunde sollten ja auch ein Platz und etwas mehr vorfinden, wo sie sich betätigen konnten.

Es war nicht sehr weit. Nach zwanzig Minuten waren wir am Ziel, sahen unsere Treffpunktbank aber noch keinen Kalle.

Naja, so pünktlich ist auch kein Maurer oder anderer Handwerker.

Wir liefen noch ein Stück im Kreis. Immer die Bank im Blickfeld. Ich wollte ja nicht verpassen, wenn die beiden Kalles auf der Bildfläche erscheinen sollten.Aber sie kamen nicht. Nicht nach unserer ersten, nicht nach der Zweiten und auch nicht nach der dritten zusätzlichen Runde. Schade sagte ich mir. Nun müssen wir uns wieder auf einen erneuten Zufall verlassen, bis es zu einer Zusammenkunft kommen würde.

Was machen wir nun. Es ist ja noch ein bißchen Zeit. Nicht ganz entschlossen von meinem Vorhaben, stand ich von der Bank auf. Tobi kroch unter ihr hervor, sah mich etwas fragend an. Wir liefen einfach los, immer der Nase nach, wie man so sagt.

Dann fiel mir ein, daß ganz in der Nähe Erichs Imbissgaststätte zu finden war. Das gab mir ein neues Ziel und den nötigen Ruck zum Weitergehen.

Es dauerte nur ein paar Minuten, bis wir zuerst die Grundstückstür und danach die Tür zu den Gasträumen öffnen konnten. Es war nicht viel Betrieb für einen Sonntag um die Mittagszeit. Wer geht auch zu dieser Zeit in einen Imbiß.

Hinterm Tresen stand eine freundlich blickende hübsche , rothaarige Dame mittlerin Alters. Hallo junge Frau und einen geruhsamen Sonntag, sagte ich.

Den haben wir heute sagte die nette Frau, was kann ich dir bringen ?. Eine rote Schorle für mich , eine Schüssel frischen Wasser für meinen Hund Tobi und dann würde ich gerne mal Erich sprechen , wenn`s geht.

Es geht fast alles außer Erich sprechen zu wollen. Der macht nämlich ein paar Tage Urlaub am Ballermann, was ich nicht verstehen kann. Er hat ja hier schon eine Kneipe, was will er denn da noch da unten. Ich vertrete ihn hier solange, bin die Jutta mit den schönen großen Titten und du bist der .....

Ja sagte ich, bin ich. Deine schönen Titten sind wirklich phänomenal meinte ich lachend. kann man wirklich nicht übersehen.

O.k. meinte Jutta, deine Schorle kriegst du gleich. Wenn du noch mehr willst, mußt du noch bis heute Abend warten, jetzt habe ich hier noch einiges zu tun. Dazu lächelte sie richtig nett, scheinbar ohne irgend welche Hintergedanken.

Ich sehe, du verstehst auch ein bißchen Spaß. Bekommst auch ein gutes Getränk. Zum Wohl.

Übrigens , bemerkte ich, als ich den ersten Schluck der Schorle gekostet hatte, kannte ich schon einmal eine Jutta. Willst du die kurze Geschichte hören, fragte ich sie ?

Na klar meinte Jutta, habe ja gerade Zeit dafür.

Also, ich war acht Jahre und Jutta schon sechzehn. Ein bildhübsches Mädchen.

Na du hast ja beizeiten angefangen sagte Jutta. Ich mußte lachen. Warte mal ab, ist nicht so lustig wie du denkst.

Erzähl weiter. Das Mädchen war ein toller Typ. So hübsch sie vom Äußeren war , so war sie auch von ihrem ganzen Auftreten, von ihrem ganzen Benehmen . Sie war der Schwarm wohl nicht nur der Jugend in der Strasse und die größte sympathische und angesehenste junge Frau in dieser Gegend .

Aber , sie hatte Eltern, die das ganze Gegenteil von ihr waren. Jutta durfte fast gar nichts allein machen. Die Eltern verboten ihr jede Art Kontakt. Jutta mußte jede Minute ihrer Tätigkeiten nachweisen, die sie außerhalb ihrer Wohnung verbrachte. Bekam mehr Verbote als Freiraum. Wenn sie schon einmal raus durfte, mußte sie sich immer im Blickfeld der Eltern aufhalten. Wir anderen Kinder spielten sehr gerne zusammen mit ihr weil sie ein richtig tolles Mädchen war. Jutta war Sechzehn. Und wie es ganz natürlich ist, lernte sie einen jungen Mann, Bernd war achtzehn, kennen. Das Normalste der Welt. Die Beiden liebten sich mit der ganzen Kraft und Hingabe in diesem Alter. Wir anderen Kinder taten alles um den Beiden ihr Zusammenkommen und Zusammensein zu ermöglichen und vor den Eltern geheim zu halten. Aber wie es kommen mußte, kam es . Die Eltern bekamen das Verhältnis ihrer Tochter mit. Es gab einen Heidenspektakel. Juttas Bewegungsmöglichkeiten wurden noch mehr eingeschränkt. Die ganze Straße bekam die Sache mit und konnte das Handeln der Eltern nicht gutheißen. So ging es monatelang. Jutta und Bernd konnten sich nur noch im Zeitrahmen ihrer Schulstunden treffen und miteinander verbringen. Sie wollten ihre Geheimniskrämerei beenden und mit Juttas Eltern sprechen.Das Gespräch war sehr kurz. Bernd stand noch auf der Treppe, die er rückwärts hinab ging, gefolgt von Juttas Vater. Der hantierte mit Armen und Beinen vor Bernd, als wollte er Ungezieferschwärme vertreiben. Jutta schrie und weinte und mußte von ihren Eltern hören, daß sie zu jung ist für die Liebe. Außerdem gab es bereits einen Mann für sie, der von den Eltern ausgesucht wurde. Den Beiden wurde jeder Kontakt verboten. Ein paar Tage später, die Eltern gingen wie üblich frühmorgens zur Arbeit. Jutta sollte zur Schule gehen. Sie empfing ihren Freund Bernd.Als Mittags Polizei und Feuerwehr eintrafen, die von anderen Hausbewohnern gerufen wurden, weil starker Gasgeruch im Hause zu bemerken waren, war alles zu spät. Man fand Jutta und Bernd nackt in innigster Umarmung in der Küche vor dem Gasherd und einen Zettel auf dem stand , daß sie sich jetzt für immer lieben. Die Bewohner der Straße, besonders die Kinder und Jugendlichen trauerten um die beiden jungen Menschen, die sich nicht lieben durften, weil sehr altertümlich denkende Eltern das verhinderten. Das ist ja ein Ding. Stimmt das wirklich? Ja, so war es, sagte ich. War lange Zeit das erste Gesprächsthema in der Gegend. Na gut, und jetzt wieder zu uns. Was wolltest du so Wichtiges von Erich? Einfach wieder einmal mit ihm quatschen? Ich wollte mich heute mit Karlheinz treffen. Wir hatten uns verabredet, er ist nicht gekommen. Weiß nicht warum und ob Erich etwas von Kalle gehört hat. Ach du bist das, sagte Jutta. Klar hat er etwas gesagt. Warte mal einen Moment, ich komme gleich wieder. Sie ging hinter den Tresen, kam mit stürmischen Schritten zurück. Hier sagte sie , ein Zettel für dich. Kalle ist krank, liegt seit voriger Woche im Krankenhaus. Sein Hund Kalle ist solange bei seiner Ex Claudia. Er Kommt morgen wieder raus. Dann meldet er sich hier bei mir in der Kneipe. Könnt einen neuen Termin machen, wenn du mir deine Nummer gibst. Mach ich, hier ist sie auf dem Bierdeckel. Danke sagte Jutta, muß mich jetzt um neue Gäste kümmern. Komm mal wieder vorbei und denke an meine schönen T.., ja,ja sagte ich Tag und Nacht denke ich nur noch daran, du schlimmes Mädchen. Und dabei mußten wir Beide lächeln.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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