Petra Zeugner-Schünke

Mama hat gesagt

Och neee, nicht schon wieder! Dieser vermaledeite Kater, wenn ich den erwische.. da hat er

nun ein ganzes Dorf, wo er sein Unwesen treiben kann, doch wo macht er sein Geschäft? In

meinem liebevoll gehegten und gepflegten Rosenbeet. Diese edlen Blumen hatte noch meine

Großmutter gezogen, und vielleicht sollte ich einen Stacheldrahtzaun rund um das Beet ziehen.

Der Stamm meines Apfelbaumes, den ich selbst bei meinem Einzug gepflanzt hebe, und der

eine besonders wohlschmeckende Sorte sein soll, ist schon völlig zerfetzt und mein Hauseingang

stinkt nach Katzentoilette, mal abgesehen von den toten Mäusen und Vögeln, die ab und zu fein

säuberlich aufgereiht auf meiner Fußmatte liegen.

Ich habe schon ein beachtliches Sortiment an Duft –und Abwehrmittel durch probiert, doch

nichts hilft auf Dauer den kleinen Störenfried fernzuhalten. Ich glaube, er will mich ärgern oder auch

von hier vertreiben, was weiß ich? Manchmal sehe ich ihn, wie er mich aus einem Baum heraus

beobachtet.

Er ist ein hübsches Tier, rotes Fell, etwas zerzaust, mit weißem Lätzchen und 4 weißen

Pfoten. Er sieht nicht gerade wohlgenährt aus, ist aber auch nicht zu dünn. Seit ca. 4 Monaten strolcht

er hier durch die Gegend, immer mit gebührendem Abstand zu mir. Oft hebe ich drohend die Faust

und schimpfe mit ihm, doch er scheint nicht wirklich beeindruckt davon. Wenn ich nur wüsste wohin

dieser Kater gehört. Die Leute, die ich gefragt habe, kennen ihn auch nicht, und bei ihnen richtet er

auch keinen Schaden an. Völlig klar, der mag mich nicht.

Nachdem ich mal wieder das Rosenbeet gereinigt und 2 tote Mäuse entsorgt hatte, machte

ich mich zu einem ausgedehnten Spaziergang auf. Ich liebte es durch den Wald bis zum alten

Steinbruch zu gehen. Von dort hatte ich einen herrlichen Blick auf das weite Land.

Vor 1 1/2 Jahren habe ich dieses kleine Häuschen von meiner Großmutter geerbt.

Nach einigen kleineren Reparaturen und neuen Tapeten und Farben, fühlte ich mich so richtig

zu Hause. Der Garten war meine ganze Freude, und mein Job lies es zu, dass ich größtenteils

von zu Hause aus arbeiten konnte.

Ich saß unter einem Baum am Rand des Steinbruchs und genoss die himmlische Ruhe, fernab

vom Gewühl der Großstadt. Ich geriet ins Träumen und als der Wind auffrischte waren 2 Stunden

vergangen. Es wurde langsam Zeit mich auf den Heimweg zu machen, also stand ich auf, reckte und

streckte mich und trat einen Schritt zur Seite. Ein lautes Knacken durchbrach die Stille, ein Schrei, und

dann flog etwas Rotes so dicht an meinem Gesicht vorbei, dass ich den Kopf zurückriss, gegen den

Baum knallte und dann wurde es dunkel.

Als ich die Augen aufschlug war es immer noch dunkel, oder schon wieder?

Au, was tat mir der Kopf weh. Nun wollte ich mich hochrappeln, da merkte ich, dass etwas auf

meinem Gesicht lag, ein Stück Stoff – blau. Ich schaute genauer hin, das war doch meine Jacke,

komisch…

Als ich endlich stand – die Perspektive nahm sich eigenartig aus – lag meine Jacke immer noch

am Boden und ich auch, das heisst mein Körper, denn ich stand ja schon, und zwar auf 4 Beinen.

Der Schreck fuhr mir durch eben Diese, und ich plumpste wieder hin. Ich muss ziemlich

verdaddert aus der Wäsche geschaut haben, ach nein – aus dem Fell. Das gibt’s doch nicht, da

steckte ich doch in diesem vermaledeiten Kater und der Kater in mir, hoffte ich jedenfalls,

denn wenn nicht – oh je, gut, jetzt nicht dran denken…

Ich schaute mich neugierig um und stellte fest, dass ich auf einmal selbst ohne Brille viel

besser sehen konnte, auch wenn alles riesengroß war. Auch hörte ich Geräusche, die eigentlich

zu weit weg sind um sie hören zu können, doch ich hörte sie. Dann fiel mein Blick wieder auf meinen

Körper und ich stupste ihn an.

„He du, aufwachen, wir müssen hier weg bevor es ganz dunkel ist, und dann bist du mir eine

Erklärung schuldig.“ Er rührte sich und setzte sich auf, es scheint, als hätte er mich verstanden,

jedenfalls stand er nach einer Weile umständlich auf und ging mit unsicheren Schritten vor mir her..

Oh je, gehe ich wirklich so unelegant? Da muss ich unbedingt dran arbeiten, na ja, sollte ich jemals

wieder in den Genuss meines eigenen Körpers kommen. „Sag was“ knurrte ich ihn an.

„Was soll ich denn jetzt sagen?“ kam die klägliche Antwort. Wir konnten uns verstehen, das war doch

schon mal ein Anfang. Alles andere würde sich hoffentlich finden. Ich hatte eine Menge Fragen. Der

Weg durch den Wald war schon recht dunkel, doch ich konnte alles prima sehen. Er aber schwankte

hin und her und stolperte ständig. Kein Wunder, fehlten ihm doch jetzt 2 Beine und meine Augen

können nun mal im Halbdunkel kaum was sehen. Na, wenn das mal gutging.

Zu Hause gingen wir durch die Hintertür, die ich zum Glück offen gelassen hatte. Mir stieg

der Geruch von Katzenklo in die Nase, und auch in seinem Körper konnte ich mich nicht damit

anfreunden. Im Haus dagegen roch es noch immer nach meinem leckeren Mittagessen und ich

merkte, dass ich einen Riesenhunger hatte. Er wahrscheinlich auch, denn es war schon recht spät.

Den Rest vom Mittagessen aßen wir kalt und direkt aus dem Topf, an den Herd wollte ich ihn nicht

lassen. Mit diesen Katzenpfoten konnte ich selbst nicht viel anfangen und zum Erklären hatte ich

keine Lust. Er aß auch mit den Fingern – mit meinen Fingern, igitt, die waren bestimmt nicht mehr

sauber. Später dirigierte ich ihn ins Wohnzimmer auf die Couch, sprang auf meinen Lieblingssessel

und sagte: “Schieß los, was soll das Ganze? Warum ärgerst du mich dauernd? Mein Rosenbeet und

der Hauseingang sind kein Katzenklo und das tote Getier brauche ich auch nicht. Warum machst

du das?“ Er schaute mich an und lächelte.

„Endlich“, sagte er mit einem erleichterten Seufzer. Dann schwieg er wieder selig lächelnd.

„He, nicht einschlafen, ich warte..“

„Endlich, sagte er wieder, endlich kann ich es dir sagen, das habe ich mir so sehr gewünscht.“

Er rutschte auf dem Sofa hin und her, bis er endlich richtig saß, holte tief Luft und sagte:

“Also, der Geruch den ich hinterlasse ist mein Namenschild, damit meine Artgenossen wissen,

dass das mein Revier ist, und das Getier, wie du dich ausdrückst, sind Geschenke.

Entschuldige, ich wusste nicht, dass du sie nicht magst.“

„Aber warum gerade ich? Hier wohnen so viele Leute, die hätten dich gerne aufgenommen.“

Er lächelte wieder und sprach dann weiter.

„Vor 18 Vollmonden wurde ich in einer Tierarztpraxis geboren. Meine Mutter war sehr schwach

und die Menschen dort haben mich mit der Flasche aufgezogen. Ich hatte noch eine Schwester, aber

sie hat es leider nicht geschafft. Als ich 6 Wochen alt war, erzählte mir meine Mutter wie sie dort

hinkam.“ „Weist du wo das war?“ fragte ich, ohne jedoch eine Antwort zu erwarten.

„Nein, wo das war weiß ich nicht, aber die Menschen sprachen etwas anders als hier.“

Ich konnte mir keinen Reim darauf machen was er meinte und sagte nur kurz: “Weiter!“

„Also, meine Mutter war auf dem Weg sich einen guten Platz zu suchen, denn unsere Geburt

stand bevor. Sie lief am Rand einer Landstraße, und irgendwie hat sie wohl nicht aufgepasst,

jedenfalls hat ein Auto sie erwischt und an den Straßenrand geschleudert, wo sie schwer verletzt

liegen blieb. Viele Autos fuhren vorbei, doch niemand achtete auf ihre ausgestreckte Pfote. Es wurde

dunkel, sie hatte Schmerzen und als sie die Hoffnung schon aufgegeben wollte hielt doch ein Wagen

an.“ In meinem Kopf gingen sämtliche Schubladen auf, und in einer ganz tief unten leuchtete das

schwache Licht einer fernen Erinnerung auf.

„ Der Fahrer sprach meine Mutter an, tastete sie vorsichtig ab, hob sie auf seine Arme und legte sie

neben sich in sein Auto. Die ganze Fahrt über sprach er liebevoll zu ihr, dann brachte er sie zu einem

Tierarzt, gab diesem Geld und bat ihn: „ Bitte helfen sie ihr.“

Und das tat er. Als es meiner Mutter besser ging, ihr Name war übrigens Lilly und sie war

wunderschön, hat sie mir von diesem Menschen erzählt und gesagt, ich solle zu ihm gehen. Sie hat ihn

ganz genau beschrieben, sogar seinen Geruch. Sie hat mir den Weg erklärt, die Landschaft

beschrieben, die Himmelsrichtung und den Stand von Sonne und Mond, einige

markante Punkte, Geräusche und Gerüche genannt. Sie hat mir alle Gefahren aufgezählt und

Orte die ich meiden sollte. Als ich 5 Monate alt war rief sie mich zu sich und sagte: Rasmus, es ist Zeit,

du musst gehen. Dann starb sie und ich machte mich auf einen langen und ungewissen Weg – zu dir.“

„Aber“ stotterte ich, „es sind über 600 km und du warst noch nicht mal geboren. Wie konntest du

mich nur finden und warum hast Du mich überhaupt gesucht?“

„Ich soll dir von meiner Mutter Danke sagen, und ich wollte den Menschen kennenlernen, dem

ich mein Leben verdanke.“

Wir redeten noch eine Weile und gingen dann schlafen. Als ich am Morgen wach wurde, lag

neben mir ein rotes schnurrendes Fellbündel und schaute mich aus großen gelben Augen an.

Ich lächelte, kraulte ihm den Kopf und meinte: “Willkommen zu Hause, Rasmus.“

 

© Petra Zeugner-Schünke  2014

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Petra Zeugner-Schünke).
Der Beitrag wurde von Petra Zeugner-Schünke auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Schmunzeln und Nachdenken erlaubt von Ernst Dr. Woll



Erlebte Kuriositäten sind häufig reparierbare Missgeschicke und wir können darüber schmunzeln. Wir sollten deshalb diese Geschichten nicht für uns behalten. Die Tiere unsere Mitgeschöpfe können uns in diesem Zusammenhang viel Freude bereiten und viele Erlebnisse mit ihnen bereichern unser Leben. In Gedichten und Kurzgeschichten wird darüber erzählt, wie wir außergewöhnliche Situationen mit Schmunzeln meistern können und ernsthaft über vieles nachdenken sollten. Wenn z. B. unser Hund eine Zahnprothese verschlingt und wir sie wieder finden, dann darf sie durchaus wieder an die richtige Stelle.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Tiergeschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Petra Zeugner-Schünke

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Trennung von Petra Zeugner-Schünke (Fragen)
Katerfrühstück mit Katzenjammer von Siegfried Fischer (Tiergeschichten)
Freunde auf Umwegen von Uli Garschagen (Fabeln)