Anne Degen

Ein Tag in der Stadt

Wer denkt da nicht an:

        Dichten Straßenverkehr, Lärm, rote Ampeln, hupende Autos, schlechte Luft, überfüllte Busse und Straßenbahnen, vorüber eilende Fußgänger mit gestressten Gesichtern, bepackt mit vollen Einkaufstüten, Gedränge in den Läden, Kaufhäuser mit Wühltischen, um die sich Schnäppchenjäger scharen, die Menschenschlange vor der einzigen, offenen Kasse?

        Wer denkt nicht an genervte Mütter mit kleinen, quengelnden Kindern, unfreundliche Verkäufer, seriös dreinblickende Geschäftsleute im eleganten Anzug, die Aktentasche oder das Tablet lässig unter den Arm geklemmt, an die Fußgängerzone, Handwerker im "Blaumann", Lieferautos, an vor den Füßen trippelnde Tauben, an die alte Frau, die diese "fliegende Rattenplage" auch noch füttert...? 
I c h !
 
        Helles Kinderlachen ist zu hören. Es gibt dem Augenblick einen Frischekick.
        Ich sitze zusammen mit meiner erwachsenen Tochter in einer kleinen Gartenwirtschaft. Außer uns haben nur wenige Gäste auf den harten Biergartenstühlen Platz genommen, denn es ist mitten unter der Woche. Von der offenen Gaststättentür her wehen Musikfetzen zu uns heraus. Ich erkenne alte Schlager und Wiener Lieder. Ein schönes Plätzchen haben wir gefunden, mitten im Prater, mitten in Wien. Auch, wenn die Bäume im Prater bereits verblüht sind: Uns gefällt`s hier! Die Sonne gibt ihr Bestes an diesem Frühsommertag und ich genieße einfach nur die Wärme, die sanft meine Haut streichelt...

        Dienstbeflissen eilt der junge, fesche Ober herbei. Er empfiehlt heute Erdbeerbowle und geeiste Marillenknödel. Schnell wird die Bestellung ausgeführt. Er sagt noch ein paar Nettigkeiten und zwinkert meiner Tochter zu. Will er flirten, oder ist das nur Wiener Schmäh? Ich schaue zu meiner Tochter hin, die leicht errötet ist. Der Kellner ist wieder weg und wir widmen uns der Bowle und dem Knödel. Beides schmeckt wunderbar und meine Laune ist bestens. Niemand sagt ein Wort und ich hänge meinen Gedanken nach...

        Ein Tag in der Stadt, denke ich. Ich denke an Tage in der Stadt, die so ganz anders verlaufen sind wie es der heutige Tag tut. Erinnerungen tauchen auf...

        Ein Tag in der Stadt bedeutete vor vielen Jahren für ein kleines Mädchen ein Tag wie viele andere auch in einem alten Haus mit einem staubigen Hof. Auf die kurze Straße, in der das alte Haus stand, blickten weitere, alte Häuser mit den gleichen, seelenlosen Fenstern und den gleichen, eintönigen Fassaden hinab. In den alten Häusern wohnten überall Kinder, die spielen wollten. Nur wo? Die kleine Straße war ständig zugeparkt mit vielen Autos. Diese Autos gehörten zum größten Teil den Besuchern des nahen Kinderkrankenhauses. Für sie war auf den wenigen Parkplätzen, die das Hospital seinen Gästen anbot, kein Platz mehr. Die Kinder, die hier lebten, wären selig gewesen, hätten sie ein Stück freie Straße zum Spielen gefunden...

        Aus dem kleinen Mädchen war inzwischen ein Teenager geworden, der die graue Straße tagsüber mit der Schule und später mit der Arbeitsstelle in der Innenstadt tauschte...

        Wieder eine Weile später hieß ein Tag in der Stadt früh aufstehen, zum Bahnhof hetzen, um rechtzeitig den Zug zu erreichen, der die nun junge Frau zusammen mit anderen Pendlern von der Großstadt in die eine Stunde weit entfernte Millionenmetropole brachte...

        Nur wenige Jahre später war ein Tag in der Stadt leben in dieser Millionenstadt. Das hieß lernen, arbeiten, Schwabing, feiern, Geselligkeit und Freunde haben. Man traf sich. Sei es am Haus der Kunst, im Englischen Garten, zu Radler und Brotzeit im Hirschgarten, zu einem Spaziergang in der Fasanerie. Ein Tag in München konnte aber auch heißen: Sich einsam und verlassen fühlen trotz oder gerade wegen der vielen Menschen...

        Die Zeit schritt fort und so kehrte die junge Frau von einst zurück in ihre Vaterstadt. Ein Tag in der Stadt fühlte sich wieder nach Heimat an. Zurückkehren zu den Wurzeln war angesagt, auch wenn es das alte Haus und die graue Straße als Adresse nicht mehr für sie gab...

         Die Zeit war reif für einen weiteren Wechsel. Ein Tag in der Stadt hieß inzwischen Besorgungen machen, Freunde treffen, Termine wahrnehmen, Taxi Mama sein in oder zu er nahen Allgäumetropole. Das kleine Mädchen von einst lebt mit ihrer Familie inzwischen auf dem Land...

        Die Kinder sind erwachsen geworden und der Ehemann hat keine beruflichen Verpflichtungen mehr. So genießt es die inzwischen "reifere Frau" so wie heute ab und zu eine fremde Stadt zu besuchen. Sei es für einen oder gern auch für mehrere Tage, so wie heute. Der Stephansdom mit den Fiakern davor, ein Abstecher zum Meinl Kaffee-Geschäft und dem Geschäft mit den Mannerschnitten, das Nationaltheater, die Spanische Hofreitschule, die Kaisergruft mit dem Gedenken an Kaiserin Sisi und den Erzherzog Rudolf, Grinzing und der herrliche Ausblick vom Kahlenberg auf die Stadt da unten, der Zentralfriedhof und eben der Prater, das Riesenrad, das Wachsfigurenkabinett der Madame Tussaud, Kaberett, Robert Stolz und Georg Kreisler und andere Wiener Persönlichkeiten, gemütliche Lokale, feine Cafés, der Westbahnhof, unser Hotel...

        Die Eindrücke, die mit dem Reisegepäck zu Hause wieder ausgepackt werden, bleiben unvergesslich...

        Die Erdberbowle ist leer, der geeiste Marillenknödel verspeist und die Postkarten an die Lieben daheim längst geschrieben. Ich schaue auf. Die Tochter unterhält sich mit dem Kellner. Er sieht auch mich an und erst jetzt begreife ich, dass er nur wissen will, ob wir zufrieden waren. Jetzt ist es an mir, etwas verlegen zu sein. Nur langsam kehren meine Gedanken zum "Jetzt" zurück.

        Ich sehe meine Tochter an und hin zum Kellner, der gerade das gebrauchte Geschirr der Nachbartische zusammenstellt. Gleichzeitig spüre ich: Es ist kühler geworden. Ich greife nach meiner Jacke. "Wollen wir gehen, Mama?", fragt meine Tochter. Ich nicke, winke dem Ober, zahle.

        "Das war ein wirklich schöner Nachmittag", sage ich, nachdem wir längst aufgestanden sind. Wir verlassen den Biergarten. Meine Tochter hakt sich bei mir ein. "Ich glaube, du hast ein wenig vor dich hingeträumt, Mama", lacht sie. "Mag sein", gebe ich fröhlich zurück. -

        Und wir zwei machen uns übermütig wie Kinder auf den Weg zu unserem Hotel...
 
        Anne Degen

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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