Iris Klinge

Auf Leben und Tod

Heute vor fünfzig Jahren hatte ich mit meinem Leben abgeschlossen. Am Vorabend des 5. Oktober 1967 war endlich meine Fruchtblase geplatzt, und mein Mann fuhr mich ins Krankenhaus, nachdem mich mein Gynäkologe vorher wieder nach Hause geschickt hatte, weil „ die Niederkunft angeblich noch auf sich warten ließ“, obwohl der errechnete Termin für die Geburt längst überschritten war.

Eine dramatische, endlose Nacht lag vor mir. Ich fühlte mich einsam und verlassen, niemand kümmerte sich um die hochschwangere Frau, deren Wehen noch nicht ausreichend fortgeschritten zum Eingreifen erschienen. Sohn oder Tochter? Ich wußte es nicht, denn damals war es noch nicht üblich, eine Ultraschall Untersuchung machen zu lassen.

Erst am nächsten Morgen nahm das Krankenhaus wieder seinen gewohnten Betrieb auf. Eine Hebamme schaute nach mir und stellte fest, dass die Herztöne des Ungeborenen nur noch sehr schwach zu hören waren. Dann brach Panik aus. Sie alamierte die einzige Ärztin, die gerade auf der Geburtsstation Notdienst machte, und diese ordnete sofort einen Not-Kaiserschnitt an.

Ich wurde auf meinem Bett holterdipolter durch viele Gänge gejagt in Richtung OP Saal. In diesen Momenten des völligen Ausgeliefertseins verabschiedete ich mich von der Welt da draußen. Es war eine Art Resignation und Fatalismus, das Leben und die Welt hörten einfach auf zu existieren.

In dem großen Saal lagen mehrere Patienten für einen chirurgischen Eingriff bereit. Neben mir ein Mann an viele Schläuche angeschlossen, mitten in einer Operation. Er wurde kurzerhand zur Seite geschoben, um Platz zu machen für einen Kaiserschnitt in letzter Minute.

Der Narkosearzt zitterte, als er mir die Infusion in die Vene spritzte. Die Hälfte der Flüssigkeit lief daneben. Ich wollte schreien, als mein Bauch von oben nach unten aufgeschlitzt wurde, denn noch war ich bei Bewußtsein, aber es drang kein Ton mehr aus meiner Kehle. Dann verlor ich die Besinnung.

Später, als ich tatsächlich wieder ins Leben zurück kehrte, hatte unser Sohn das Licht der Welt erblickt. Dann erfuhr ich, was wirklich passiert war. Die junge Ärztin erklärte mir den Grund für den langsamen Erstickungstod, dem mein Sohn ausgesetzt gewesen war: seine Nabelschnur hatte sich dreimal um den Hals gewickelt und zog sich beim Versuch, in den Geburtskanal einzutreten, immer fester zusammen. Er litt unter großem Sauerstoff Mangel und sei bei seiner Rettung bereits ganz blau gewesen. Sie meinte,  es sei zu damit zu rechnen, dass sein Gehirn  einen bleibenden Schaden davon trage.

Freuen konnte ich mich nicht über unser beider Überleben. Der Schock der vergangenen Stunden saß zu tief, und die Aussicht auf ein behindertes Kind trübte meine Erleichterung, noch einmal davon gekommen zu sein.

Erst allmählich kamen meine Lebensgeister wieder zurück. Es folgten vier endlose Wochen im Krankenhaus, in denen mir mein Sohn nur zum Stillen an die Brust gelegt und dann wieder in die Baby-Station gebracht wurde. Damals gab es noch kein Verständnis dafür, wie wichtig die Nähe zwischen Mutter und Kind für das Neugeborene ist.

Sein Start ins Leben war alles andere als gelungen. Doch er schaffte es und entwickelte sich zu einem normalen, fröhlichen Kind ohne Geburtsschäden. Jedenfalls konnten wir nichts dergleichen feststellen, obwohl ja viele sagen, dass das Trauma der Geburt im Unterbewußtsein weiter schlummert und Einfluß auf das ganze Leben nehmen kann. Das einzige Indiz, das bis heute auf die Erinnerung seines Körpers an das Drama der Geburt hindeutet: er verträgt keinen engen Kragen um seinen Hals und hat Schwierigkeiten mit Krawatten, die er leider ständig in seinem Beruf als Pilot tragen muss.

Rückwirkend bin ich unendlich dankbar, dass die junge Ärztin, die damals als Vertretung in der Gynäkologie anwesend war, die richtige Entscheidung fällte, und zwar gerade noch rechtzeitig und sozusagen in letzter Minute. Heute, am Geburtstag meines Sohnes feiere ich erneut unsere Auferstehung und das grenzenlose Glück: fünfzig Jahre durfte ich ihn auf seinem Weg begleiten, und ich freue mich jetzt an den Enkeln, die er mir geschenkt hat.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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