Wolfgang Küssner

Das Rauschen des Meeres - Teil 08

Das morgendliche Frühstück nahm Didier im nahegelegenen Bistro ein. Café au Lait, Croissant und die Le Monde. Am heutigen Montag interessierte ihn natürlich, ob der umfangreiche Bericht über seinen neuen Roman vom Samstag bereits Leserbriefe produziert hatte. Und richtig, sieben Briefe wurden in Auszügen abgedruckt. Die Diskussion war in der Tat eroeffnet. Wie zu erwarten, gingen die Meinungen ein wenig auseinander. Klar wurde überall begrüßt, daß das Thema Resistance aufgegriffen wurde, daß der Roman zur Versoehnung der Voelker einen Beitrag leisten koenne. Etwas kritischere Stimmen konnten nicht ganz nachvollziehen, warum das Thema Homosexualität mit in das Buch eingeflossen sei. Ist es nicht auch da an der Zeit, zu versoehnlicheren Einstellungen, Sichtweisen zu gelangen? Mit dem generellen Tenor der veroeffentlichten Stimmen war Didier voll einverstanden.

Es versprach wieder ein schoener Tag zu werden. Wie passend, hatte er sich doch nachmittags mit Stephane verabredet. Und als sein Lockenkopf die Klingel betätigte, lief Didier sofort zur Tür und nahm ihn in den Arm. Auf der Straße fuhr im gleichen  Moment ein Auto langsam am Haus vorbei. Das soll auf Straßen häufiger vorkommen. Sie küßten sich, wollten die schoenen Stunden von gestern noch einmal am Strand erleben. Schon im Pinienwald hoerten sie das Rauschen des Meeres, die Wellen trafen heute offensichtlich mit mehr Wucht auf den Strand. Dem war auch so, wie sie schnell sehen mußten und das hieß, baden war nur an den kleinen, bewachten Strandabschnitten ratsam. Doch die beiden wollten allein bleiben und so würden sie lieber später mit einem Bad in der Gischt vorlieb nehmen.

Hand in Hand gingen sie wieder noerdlicher Richtung. Stephane erzählte, er habe heute früh den Artikel über Didiers Roman und den kleinen Auszug gelesen. Dabei habe er das Gefühl gehabt, ganz nah dran zu sein. Wunder? Bei der Nähe zum Schriftsteller. Sein Wort habe er natürlich gehalten, nirgends die  Anwesenheit Didiers erwähnt. Als dann die anderen Urlauber ausser Sicht waren, nahm Stephane sein Handtuch von der Hüfte, breitete es im Sand aus. Von vielen Gischtwolken ummantelt, besprüht vom Meereswasser, saßen sie eng und enger beieinander, küßten und streichelten sich. Und als Stephane dann seine rote Badehose auszog, seinen jungen, erregten Koerper präsentierte, gab es kein Zurückhalten mehr. Liebe am Atlantik. Nur die Sonne und die Gischt waren Zeuge.

Didier bat um zeitigeren Aufbruch heute, da er noch einen wichtigen Anruf von seinem Verleger erwartete. Für Stephane war das kein Problem. Er konnte heute viele Stunden mit Didier verbringen. Seine Eltern hatten dem abendlichen Zusammensein zugestimmt. Somit lag viel gemeinsame Zeit vor ihnen. Wieder im Bungalow angekommen, gingen sie beide gemeinsam unter die Dusche, um sich vom Salzwasser zu befreien. Gegenseitige Hilfe beim Einseifen ließ das Duschen fast zur Nebensache werden.

Und dann klingelte zum vereinbarten Zeitpunkt das Telefon. Hugo Durand, sein Verleger, war am anderen Ende der Leitung. Nach kurzem Hallo und Wie geht`s? kam Durand gleich zur Sache. Um es auf den Punkt zu bringen, die Resonanz sei hervorragend. In Frankreich und im gesamten deutschsprachigen Raum sei die Berichterstattung am Samstag angelaufen; heute zeugten viele ungezählte Leserbriefe von der Eroeffnung der Diskussion. Das Thema sei absolut heiß, der Roman verspreche ein ganz großer Renner zu werden. Didier unterbrach kurz, legte seine Hand auf die Sprechmuschel und bat Stephane, ihnen beiden doch ein Glas Rotwein einzuschenken. Er deutete mit dem Finger zum Standort der Flasche. Dann bat er Durand um ein paar Einzelheiten. Die wollte dieser gern geben. Die franzoesische Presse war einhellig vom großen Wurf überzeugt, lobte das Anpacken des Themas in Verbindung mit einem anderen, zwischenmenschlichen Problem. Bei den Konservativen gab es ein paar zoegerliche Stimmen, aber dafür waren es die Konservativen, die bewahren, nicht verändern wollten. In punkto Homosexualität war man in Frankreich schon seit etlichen Jahren deutlich toleranter. Hier akzeptierte man die sexuelle Orientierung eines Menschen bereits, als beim oestlichen Nachbarn in dieser Frage noch finsterstes Mittelalter herrschte. In der deutschsprachigen Presse würde der Roman, wie zu erwarten war, polarisieren.

Die Schweizer berichteten sachlich, neutral, wie man es von den Eidgenossen auch nicht anders erwartet hatte. Es wurde auf die Hilfe und Unterstützung verwiesen, die das Land den Immigranten gewährt hatte. Die oesterreichischen Medien reagierten deutlich zurückhaltender. Ob es daran lag, daß der damals verantwortliche Oberbefehlshaber der Deutschen Wehrmacht - A.H. - gebürtiger Oesterreicher war, konnte nicht belegt werden. Vielleicht wollte man auch erst einmal die Reaktion des großen Nachbarn im Norden abwarten. Aber es wurde berichtet, was bekanntlich  Sinn und Zweck der Übung war. Stephane und Didier stießen mit den Rotweingläsern an. Durand hatte wohl etwas davon gehoert und wollte daraufhin wissen, ob Didier in Gesellschaft sei. Doch dieser ging nicht darauf ein und bat seinen Verleger, weiter zu berichten.

Die Presse der DDR zeigte einerseits ein klares JA zum Thema, JA zur Aufarbeitung der Naziherrschaft, der Greueltaten. Hätte es die DDR seinerzeit schon gegeben, ohne Wenn und Aber wäre sie aufseiten der Resistance gestanden. Doch das Thema Liebe, die raffinierte Dreiecksbeziehung, viel total unter den Tisch. Kein Wort. Vielleicht lag es daran, daß die DDR ein gespaltenes Verhältnis zum Thema Homosexualität hatte? Deutlich früher als die BRD hatte sie z. B. den Paragraphen 175 gestrichen,  durch einen deutlich schwächeren Artikel 151 ersetzt, doch das Thema galt unverändert als Laster der Bourgeoisie. An der Humboldt-Universität durfte seit Anfang der 60er Jahre mit vielen staatlichen Mitteln ein Mediziner namens Günter Doerner an Ratten forschen, experimentieren, um Homosexualität als Krankheit, als Mißbildung nachzuweisen und anschließend entsprechende Prophylaxe zu ermoeglichen. Oh, das war in dieser Deutlichkeit für Didier neu.

Die sozialistischen Stimmen in der Bundesrepublik schienen sich ein wenig an der DDR zu orientieren, hatten aber keine Probleme damit, Homosexualität zu thematisieren, in diesem Roman zu finden. Seit wenigen Jahren wagten immer mehr Männer und Frauen, sich als schwul zu outen. Die Sozialdemokraten sahen in „Tage in Paris“ das große Versoehnungsthema, begrüßten den Roman als ein richtiges Werk zur rechten Zeit. Eine konkrete Position war nicht auszumachen. War aber auch nicht Zweck der ersten Artikel. Die liberale Presse sprach von Frieden, vom Miteinander, von freiem Markt und Wettbewerb, von der Kraft der Liebe; sie  spekulierte bereits über die Vorteile, die sich für den Mittelstand bei fortschreitender Annäherung bieten würde. Die Konservativen waren ein wenig unter Druck, einerseits hatte ihr Kanzler gerade die Hand von Mitterand in Verdun ergriffen, Versoehnung über den Gräbern praktiziert. Sie freuten sich über den Roman als Beitrag zur Aufarbeitung und Verständigung. Andererseits hatten sie Probleme mit der deutlich beschriebenen Dreiecksbeziehung. Von der Liebe im Roman wurde allgemein noch berichtet, das spezielle Verhältnis der Protagonisten zueinander aber verschwiegen.

Die rechtsradikale Presse tobte. Der Roman sei ein typisches Machwerk der Geschichtsfälscher. Die heldenhaften Soldaten der Deutschen Wehrmacht würden in dem Schmierwerk verunglimpft, durch den Dreck gezogen. Das Traktat sei nichts anderes, als eine einzige Beleidigung. Die weiteren Entgleisungen wollte Durand sich und Didier ersparen. Zusammengefaßt: Der Roman polarisiert, es wird diskutiert. Der Verleger erwähnte noch, daß es diverse Anfragen für Interviews gegeben habe, diese seien aber mit dem Hinweis auf Didiers Urlaub verschoben worden. Es sei denn, er wolle sofort nach Paris kommen, in die Arbeit einsteigen.

Das wollte Didier nicht. Nein, noch nicht. Er wollte die kommende Woche genießen und sah dabei erwartungsvoll Stephane an. Der spielte verführerisch mit der Zunge an seinen Lippen. Durand war einverstanden. Morgen würde er nicht – wie ursprünglich geplant – anrufen, sondern dem Bestseller-Autoren in spe einen Besuch abstatten, um die geplanten Marketing-Aktivitäten abzustimmen. Salut, bis morgen also. Salut. Didier und Stephane nahmen einen kräftigen Schluck vom guten Bordeaux.

Fortsetzung Teil 9

September 2016

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