Hans Fritz

Leben in Neuauflage?


VORGESCHICHTE

Vorausgesetzt, dass unsere gute alte Erde noch existiert, schreiben wir – falls wir dann überhaupt noch schreiben - ein Jahr um die Mitte des 22. Jahrhunderts.
Das Staunen über Wunder, auch über die moderner Architektur, hat die Menschheit noch nicht ganz verlernt. So bestaunen viele Aufgeweckte einen Gebäudekomplex von ungeheuren Ausmassen, in der Form einer gigantischen Gurkenmelonenhälfte errichtet, mit Unterkünften für vieltausend Menschen und mit vielfältigen Gewerbezonen. Unterirdisch verlaufen die Verkehrsadern, das Leitungssystem mit Zufuhr von Wasser und Strom und Ableiten von Abwasser und anderem Unrat.

Die Parwieks, nach sechs Jahren Wohnrecht in der «Melone» fast schon Alteingesessene, planen eine Reise, auf der sie der jüngere Sohn Niko begleiten soll. Das Ziel heisst Region New York.
Der ältere Sohn und die Tochter haben sich für die gleiche Zeit einem Verein, der sich schlicht und einfach Kulturklub nennt, angeschlossen und befinden sich schon auf dem Weg zur Nordafrikanischen Föderation. Sie möchten die Solaranlagen besichtigen, die Europa mit Strom versorgen. Was gibt es dort eigentlich zu sehen, nachdem die Anlagen gestochen scharf auf jedem x-beliebigen Bildschirm abrufbar sind?
Die Reise nach New York möchten die Parwieks mit einer geräumigen, selbststeuernden Leihlimousine zurücklegen. Nach Schema A mit dem Frachtflieger ab Flughafen Niederrhein, oder nach Schema B mit dem Frachtschiff ab dem neuen Hafen oberhalb Bordeaux. Die A-Reise ist teurer, was heisst, dass mehr Punkte vom Familienkonto abgebucht werden. Dafür dauert A nur Stunden, B Tage. Die Parwieks finden einen Kompromiss, nehmen für die Hinreise B, für die Rückreise A.
Der Tag der Abreise ist gekommen. Da die Nachfrage nach Leihfahrzeugen zur Zeit gross ist, duldet das Bestellen des Wagens keinen Aufschub. Also heisst es auf dem Modul zunächst einmal die heimatliche Adresse eingeben, später im Wagen den Code für Panamerika, Region New York, den Code für den Bungalow als Endziel. Die Kontrolle zeigt im unteren Teil der Schalttafel den genauen Lageplan der Destination an. Nun folgt der entscheidende Klick: Schema B.
Das Appartement in der «Melone» ist abgesperrt, das Sicherheitsschloss aktiviert, das Gepäck verladen und auf geht es. Nach einem alten, insgeheim noch gerne genutzten Kalender, ist es eine Woche nach Herbstbeginn.
Die Strasse mit dem unterlegten Magnetband führt schnurgerade durch unendlich scheinende Getreidefelder. Wogendes Gelb in sanfter Brise. Eine Weiterzüchtung des Winterweizens wird hier angebaut. In jedem Spätsommer bis Frühherbst sind achtachsige Camions mit Mehl beladen auf der Strasse unterwegs zur Grossbäckerei.
Eine riesige Krähenschar verdüstert für Momente den Himmel. Da kommt endlich die Zufahrtsschlaufe zum Fahrzeugförderband, das bis in die Gegend von Lyon verläuft.
Die hohe Aussenmauer eines militärtechnischen Versuchsgeländes bei Lyon ist grossflächig mit gelblichen Flecken überzogen. «Das ist kein Schimmel, auch keine Schmiererei Ultralinker», meint Herr Parwiek, «das ist eher so ein ausserirdisches Zeug, wie es in einem Bericht zum kürzlichen Niedergang eines Meteoriten zu lesen war.»
Die Stadt Bordeaux ist umfahren und der Hafen erreicht. Der Monitor zeigt an: Bitte jetzt das Fahrzeug verlassen und erst nach dem Anlegen im New Yorker Hafen wieder abrufen. Als eines unter gut hundert gleitet das Parwiek’sche Auto aufs Fahrzeugdeck der halbkilometerlangen Transatlantikfähre. Die Fahrt verläuft ruhig und die Passagiere geniessen die facettenreiche Bordunterhaltung. In einer auf Breitwand gezeigten Komödie sind an der Mauer eines Holsteinischen Seeamts grosse gelbliche Flecken zu erkennen. «Das sind untrügliche Anzeichen eines kurz bevorstehenden Weltuntergangs», verkündet lautstark ein Passagier. Niemand reagiert darauf. Frau Parwiek meint auf dem Weg zur Kabine, das sei schon der hundertste vorausgesagte Weltuntergang.
Ab dem New Yorker Aussenhafen gleitet der Wagen auf einem Magnetband dem Reiseziel entgegen, dem 40 Kilometer im Norden von NY-City errichteten Bungalow in Meeresnähe.

 

DIE ENTDECKUNG

An vier aufeinanderfolgenden Tagen findet in einer zweckentfremdeten Wandelhalle am Rande der Bungalowsiedlung ein meereskundlicher Kurs statt. Niko hat sich angemeldet und wird mit seinen dreizehn Jahren als jüngster Teilnehmer willkommen geheissen. Nach einer kurzen Einführung des Kursleiters Marriner darf jeder Teilnehmer eine mitgebrachte Probe untersuchen und eventuell begutachten lassen. Niko wartet mit einer aufgeschlämmten Probe vom Spülsaum des Strands beim Jachthafen auf. Der mit einem Hochleistungsmikroskop verbundene Bildschirm zeigt bei tausendfacher Vergrösserung ausser Algen, Detritus und feinstverteiltem Plastikmüll gelbliche Kristalle in der Form von Zwölfflächnern [mineralogisch: regelmässige Pentagondodekaeder]. Marriner hat dafür keine Erklärung. Könnte ein bislang unbekanntes Abfallprodukt sein, meint er schliesslich. «Das ist doch zerbröselter Bernstein», meint ein älterer Herr. «Den gibt und gab es hier nie», erklärt Marriner. «Ausserdem lägen wenn auch noch so winzige Bernsteinfragmente mit Sicherheit nicht als schöne Kristalle vor».
Enttäuscht schlendert Niko zurück zum Bungalow. Am folgenden Tag macht er die gleiche Entdeckung, wie auch zwei weitere Kursteilnehmer. Die Sache wird vorerst nicht weiter beachtet. Die Menschen, egal wo, haben andere Sorgen. Niko gibt sich damit nicht zufrieden. Er bewahrt eine Probe für das heimatliche Institut für Umweltschutz auf.

Nach dem Transportflug «Schema A» wieder zu Hause angekommen, fällt den Parwieks an der Fassade der «Melone» ein gelblichweisser Belag auf. Wie die Stadtverwaltung in einer Rundmail mitteilt, tragen die meisten Fassaden, die aus vulkanischem Tuff bestehen, jenen mysteriösen Überzug. Gemäss Stellungnahme eines überregionalen biomedizinischen Labors handelt es sich um virusähnliche Gebilde in Kristallform, wie sie Niko beim Kurs entdeckt hatte. Die Partikel bestehen aus einem DNA-Kern, ummantelt mit einer noch nie beobachteten, seltsamen Silikat-Schwefelverbindung mit eingeschlossener Gasblase. Sollte es sich um «echte» Viren handeln, wären sie allein nicht lebensfähig, könnten aber, um zu überleben, andere Organismen befallen. Dank ihrer geringen Masse dürften die Partikel von Meeresküsten ins Binnenland als ein Bestandteil des Aeroplankton transportiert worden sein. Die lokale Wetterwarte bestätigt tägliche Messungen der Atmosphäre auf flüchtige Schadstoffe. Aber nur einmal pro Woche wird auf Schwebstoffe überprüft. Bis jetzt seien die «Viren» noch nicht nachgewiesen worden, heisst es.
An einem Tuffsteinbruch wird kein einziges «Virus» gefunden. Die Ursache liegt wohl darin, dass der an Bauten verwendete Tuffstein mit einer alkalischen Lösung gegen Flechtenbewuchs imprägniert ist.
Inzwischen bestätigen Erkundungsfahrten mit Tauchapparaten die von Meeresforschern aufgestellte Hypothese: Die «kristallinen Viren» haben ihren Ursprung in heissen Hydrothermalquellen am Meeresgrund, die volkstümelnd als Schwarze Raucher bezeichnet werden. Von Küstenregionen aus könnten sich die Partikel, von heftigen Stürmen aufgewirbelt, mit der Atmosphäre sich ähnlich wie Wüstenstaub über den Globus ausbreiten.
Im biomedizinischen Zentrallabor sind, nach umfangreichen Tests, einige «Viren» von einer ökologisch bedeutsamen Bakterienkategorie, d.h. von Stickstoff bindenden Bakterien, aufgenommen worden. Es sei jedoch nicht auszuschliessen, dass sich die «Viren» auch zu bisher unbekannten Krankheitserregern entwickeln könnten, heisst es in einer nach reichlichem Zögern für die Öffentlichkeit freigegebenen Mitteilung. Tage später wird auf einen Beschluss der
Weltorganisation zur Überwachung der Artenvielfalt hin befallenes Mauerwerk vorsorglich abgeflammt. Es wird allen Ernstes erwogen «imprägnierte» Tuffsteintürme als «Virusfallen» zu errichten.
Die ursprüngliche Vermutung, die «Viren» seien beim Ausbruch eines Vulkans der Antarktis (Mount Erebus?) mit dem Austreten der Lavamasse aus dem Erdinnern emporgeschleudert worden, hat sich nicht bestätigt. Aber, wie alle tatsächlich oder scheinbar widerlegten Theorien, hat auch jene ihre uneinsichtigen Anhänger.


EINE DEUTUNG

Naturphilosophen deuten die Agglomerate virusähnlicher Kristalle als Zeichen eines Neubeginns des Systems Leben. Das Leben in seiner jetzigen Form hat bald ausgedient, allein weil der Mensch nach Kräften zum Sterben der Natur beiträgt. Das irdische Leben muss von Grund auf neugestaltet werden und nimmt seinen Ursprung, wenigstens zum Teil dort, wo vor Jahrmilliarden erstes Leben entstanden sein soll, nämlich im Bereich heisser Quellen auf dem Meeresgrund. Ob das Endziel einer Neuauflage der Evolution nochmals so etwas wie der Mensch ist, sei dahingestellt.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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