Peter Kröger

Die Kanzlerin III. Eine Groteske.

 

 

 

Die Haustür schloss. Berauscht noch vom peitschenden Regen, dem Heulen des Windes, vom tiefen, donnernden Brüllen der Wellen und dem Rasen der Wolkenfelder am irrlichternden Himmel trat er mit seinem tropfenden Regenmantel ans Fenster und starrte in die Nacht hinaus, aus der er gekommen war. Er fürchtete den Morgen, immer schon war der Morgen sein Feind gewesen, wenn alle Gefühl verblassten, er kannte zur Genüge das Fallbeil nachlassender Rauschzustände, er akzeptierte aber verabscheute zugleich die Nüchternheit des aufziehenden Tages mit seinen Demütigungen des Sichtbaren, der Banalität des grau in grau Offenbarten. Dem Rausch galt seine Liebe, sein Sehnen, noch im Fallen genoss er die Wonnen sinnlicher Verzückung, mit allem war zu rechnen und alles war in Kauf zu nehmen, selbst der Untergang, für einen köstlichen Augenblick in den Weiten des leidenschaftlich und tief Empfundenen. Aber es half nichts. Es war Kitsch, Dreck, im Guten wie im Bösen, das wusste er. Und es half nichts, dass er diesen Kitsch genau so empfand, wie er ihn niederschrieb, vornehmlich zu vorgerückter Stunde, dass er eins war mit sich, wenn er waghalsig Satz an Satz reihte und hehres Bekenntnis mit wildem Wort mischte, dass er wusste, sein kleines Erleben war armselig, und sein Begeistern ein falscher Smaragd.

Doch zu wessen Schaden, dachte er und schloss die Augen. Besser ein falscher Smaragd als der gänzliche Verzicht auf Illusion und, das war wichtiger, auf einen Akt der teilhabenden Fürsorge sich selbst und den dürstenden Lesern gegenüber, die jedes neue Werk des berühmten Dichters, eines Großen, wie es gelegentlich hieß, stürmisch beklatschten. Betörende Einblicke ins allzu Menschliche, genial aufbereitet, hatte neulich eine Zeitung geschrieben. Das mochte reichen. Er schlich durch das dunkle Arbeitszimmer zum Schreibtisch und hielt inne. Der Regenmantel hatte aufgehört zu tropfen. Wollte noch etwas gelingen? Vielleicht noch diese Zeilen, sie waren ihm am pechschwarzen Strand in den Sinn gekommen, er ertastete eine Streichholzschachtel und zündete eine Kerze an, um die Stimmung nicht zu ruinieren. Dann schrieb er:

 

Sie

 

Aus brodelnden Massen

das Rechte zu fassen

in trübem Licht

 

was schert sie das Beben

das ist es ja eben

es schert sie nicht.

 

Die Zeiten verlangen

mit glühenden Zangen

ihr karges Mahl

 

sie aber hört wieder

die uralten Lieder

und hat die Wahl.

 

 

Er dachte an die Kanzlerin. Auf sie war Verlass, mit ihr stand und fiel alles. Irgendwann würde sie erwachen und den Tag beginnen. Einem herzhaften Frühstück folgten die kleinen und großen Regierungsgeschäfte. Den Ränkeschmieden böte sie Paroli, das Theater des Lebens amüsierte sie, die Lage des Landes erwöge sie, den hohen Anforderungen gemäß und handelte entschlossen und nie und nimmer redete sie unwahr und schlecht. Sie fände die richtigen Worte. So war zu schreiben und zu leben, dachte er, und löschte die Kerze.

Die Zeit stand still, als er die Regenjacke zum Trocknen auf der Fensterbank ausbreitete, sich auszog und wieder die Haustür öffnete. Es war kalt, doch das vergebliche Leben war kälter.  Noch herrschte Dunkelheit, nur dies Eine noch war zu tun. Dann lächelte er und lief über den aufgeweichten Badeweg hinab bis Sand und Meer ihn tröstend umfingen. Salzige Fluten füllten seinen blassen Mund. Der nächste Satz war wichtig. Vor dem Morgen musste er fertig sein, damit die Kanzlerin ihn gleich zum Frühstück las. Wieder dachte er an sie und tauchte einem Seestern hinterher, den er nicht sah.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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