Wolfgang Küssner

Herr!

Herr, ich will nicht mit Dir streiten, doch war das damals wirklich eine so gute Idee, der richtige Moment, als Du Dich dem Thema Schoepfung angenommen hattest, aktiv wurdest? Es gehoert, so sagt das Volk, ein glückliches Händchen dazu, wenn jemand  fundamentale, weitreichende, epochale Dinge kreieren moechte. Ich habe das Gefühl, es lief nicht alles so glatt wie gedacht oder geplant. Mose und Jesaja berichten, Du hast das sicherlich längst gelesen, von Deiner riesigen Enttäuschung in puncto Schlange. Ich mag es fast nicht glauben, doch Du sollst geflucht haben, so erzählen zumindest die beiden, als Dir die Ereignisse im Paradies bewußt; Dir die Hinterlistigkeit,  die Verführungskraft der Schlange klar wurden. Nebenbei gefragt: So ganz unschuldig waren Adam und Eva doch auch nicht, oder?

Nun, mir popeligen Erdenbürger steht es keineswegs zu, Dein gigantisches Werk zu kritisieren. Doch, Herr, verzeih – mehr und mehr Male, wenn ich mir unsere Spezies genauer betrachte, sie beobachte, machen sich schon ein paar Sorgen, Zweifel, Fragen breit, ob das alles wirklich so von Dir gewollt war. Ist das echt noch Dein Werk? Manchmal fehlt mir, ganz ehrlich gesagt, die Vorstellungskraft dafür. Natürlich weiß ich, es ist heiliger zu glauben als zu wissen. Das kann seinerzeit doch nur ein Muster, so etwas wie ein Prototyp von Mensch gewesen sein, nicht die ideale, finale Kreation. Da muß irgend etwas schief, ich meine sogar verdammt schief, aus dem Ruder gelaufen sein. Wäre die Schoepfung des Menschen an einem Montag  über die Bühne gegangen, okay, so hätten wir uns das Resultat erklären koennen. Doch es war wohl ein Samstag, der zu dem führte, was wir heute miteinander erleben, was mich immer wieder an den Rand der Verzweifelung führt.

Herr! Mal ganz ehrlich, so unter uns - hattest Du die Menschen tatsächlich so konzipiert, wie sie sich jetzt aufführen, verhalten? Rücksichtslos, egoistisch, arrogant, überheblich. Ich verspüre zunehmend Schamgefühle und moechte immer seltener zu dieser langsam abdriftenden Spezies gehoeren. Für mich Laien, Pardon, aber ich will Dich, Herr, ja nicht kritisieren, sieht das alles nach einem mittleren bis schweren Betriebsunfall aus. Mußte es soweit kommen? Gab es da keine Not-Bremsen in Deinem Programm, keinen Plan B, keine Korrekturmoeglichkeiten, keine Werkstatt für Reparaturen, kein „Gehe zurück auf Los“?

Der Mensch ist fast immer – würde man ihn fragen und um eine Antwort bitten – frei von Hochmut, von Arroganz; Wollust und Geiz sind ihm total unverständliche Vokabeln; etwas über Zorn hat er bestenfalls gelesen, davon eventuell schon mal gehoert, doch selbst nie ausgeübt; Voellerei total unbekannt; Neid, warum denn neidisch sein und Faulheit? Was kann er denn dafür, wenn die anderen so gerne anpacken, arbeiten.... Herr, an diesen seit Jahrhunderten bekannten sieben Todsünden muß doch etwas dran sein. Sie wurden nie widerrufen, sind immer noch aktuell. Nun Herr, ich bin natürlich frei – naja, vielleicht nicht ganz - davon. Nee, nee, den Schuh ziehe ich mir nicht an. Für mich untadeligen hätten keine korrigierenden Eingriffe erfolgen müssen. Aber - da sind leider noch die anderen. Sicherlich wären wir – Du hättest da deutlich mehr drauf insistieren sollen - mit den sieben Tugenden der Christen besser gefahren: Glaube, Gerechtigkeit, Hoffnung, Liebe, Klugheit, Tapferkeit und Mässigung. Die hast Du uns ja mit auf den Weg gegeben. Nur bei der Vernetzung scheint es ein wenig zu haken, der Link nicht zu funktionieren.

Herr! Schon mit der Muttermilch habe ich unsere christlichen Werte aufgesogen. Mitmenschlichkeit ist mir, soweit ich mich erinnern kann, ein Begriff, Nächstenliebe schreibe ich immer ganz groß, Solidarität mit kränkelnden, notleidenden Nachbarn habe ich immer geübt;  Deine Schoepfung wurde von mir geachtet und alles zur besten Weiterentwicklung und zum Erhalt Deines Werkes, unserer Spezies unternommen. Bitte, Herr, entschuldige, wenn das jetzt ein wenig egoistisch anmutet: Doch wie groß – äh - muß ein Herz, wie groß muß mein Herz eigentlich sein? Sind da keine Unterschiede, keine Nuancen, klitzekleine  Abweichungen zulässig? Ist ein Asiat, ein Farbiger, ein anders sprechender, glaubender, aussehender, dunkelhaariger Mensch auch von Dir geschaffen worden? Hätten nicht alle Homo sapiens blond und blauäugig sein koennen? Okay Herr, ich bin es auch nicht, doch ich denke, vieles wäre einfacher gewesen, oder? Sind all diese Menschen Deine Geschoepfe, die somit auch Mitmenschlichkeit erfahren sollten, denen unsere Nächstenliebe gelten müßte, die unserer Solidarität in Notlagen bedürften?

Muß es so viele einfach gestrickte Prolls geben, die da fernab jeglicher Kultur vegetieren? Entschuldige Herr, vielleicht verstehst Du meine Bekümmernis. Ich sehe da vor meinen Augen nicht wenige schmerbäuchige und versoffene, lautstarke, manchmal randalierende, egoistische und potenzprotzende, rüpelhafte, ja ungehobelte, engstirnige, saufende und fressende und voegelnde – oh, ich bitte um Verzeihung Herr -  und krakeelende und bloede Exemplare auf zwei Beinen. Sorry, aber das mußte jetzt einfach mal raus. Ich werde viele Gebete wegen dieser harten Worte sprechen. Sind das alles noch Angehoerige unserer Spezies? Die meinen auch noch, wir würden eine gemeinsame Sprache  haben.  „Hey Alter, was glotzt´e so? Ich hau dich ein auf die Fresse!“ Doch wir verstehen uns schon seit Jahren nicht mehr. Gehoeren wir alle zusammen, nur weil uns die gleiche farblose Blässe als Hautfarbe verbindet? Sind uns diese Mitmenschen näher, als jene Araber, Afrikaner, Asiaten, Europäer die bei uns Hilfe und Zuflucht, Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe und Solidarität suchen?

Herr! Warum fällt es uns so schwer, unseren Brüdern und Schwestern mit einem Lächeln, einem Willkommen zu begegnen, ihnen einen freundlichen Emfang zu bereiten? Warum tun wir uns so schwer, die Arme auszubreiten? Es koennte doch so einfach sein, wenn wir nur wollten und ein ganz klein wenig über unseren Schatten springen würden. Doch stattdessen haben wir in den zurückliegenden Jahrhunderten ihre Welt für unseren Wohlstand geplündert; machen es heute noch. Unsere Museen haben wir mit  geklauten Kunstschätzen dieser Menschen, Kulturen gefüllt. Wir haben ihnen ihre Geschichte und Identität genommen. Wir haben uns – fernab von jeglichem Mitleid - heimlich gefreut, wenn sie sich gegenseitig umbrachten oder immer noch umbringen; wenn andere Not litten, verhungern, unsere Autos aber ausreichend Sprit – gewonnen aus Nahrungsmitteln - hatten. Wir wollen ja immer weiter vorankommen. Bei den Waffenexporteuren sind die Auftragsbücher auch dank Regierungshilfe gefüllt, knallen die Sektkorken bei stetig steigenden Profiten. Und wir wundern uns, wenn die Menschen nicht mehr bereit sind, sich bombardieren, sich abknallen zu lassen. Entschuldige Herr, mir fehlen hier ganz einfach die feineren Worte. Wir wundern uns, wenn sie flüchten; eine bessere Zunkunft suchen.

Vermutlich hast Du beim Nachdenken über die Schoepfung nicht nur die Schlange, sondern auch den Menschen kritisch beäugt, sein Verhalten unter Umständen gar manches Mal verflucht. Ich koennte es nur verstehen, wäre da voll auf Deiner Seite, wenn ein Machtwort käme. Dann müßte und würde sich sicherlich einiges ändern. Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Die Hoffnung stirbt zuletzt. So, jetzt fühle ich mich etwas wohler. Das brodelte schon so lang in mir, mußte einfach mal raus. Entschuldige meine offenen, kritischen Worte, Herr.

 

Nachwort:

Diese Geschichte wurde nach dem Besuch eines kleinen und einfachen Restaurants und der Beobachtung diverser Gäste geschrieben. Es stellte sich dabei die Frage, ob es so etwas wie eine dritte Art gibt und hier eventuell eine Begegnung mit dieser stattgefunden hatte.

Sollte sich der Leser an die Dialoge des Don Camillo mit seinem Herrn erinnert fühlen, so kann gesagt werden, auch dem Autor kamen solche Gedanken. Der Eindruck ist also nicht ganz falsch.

 

Dezember 2016

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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