Ingo R. Hesse

Der ungefühlte Tod

Mein erster Artikel in einem Forum für alte Menschen fiel mir wieder ein. Ein Artikel der eigentlich keiner sein sollte. Nur eine Frage, eine Aufforderung zur Diskussion. Zum Zweck meiner Erleuchtung. Das Thema war „Frau wohlhabend, Mann arm“.

 

Viel Sinn und Unsinn hatte ich erwartet, von diesem damals noch umfangreicheren Pool an Lebenserfahrung und Frust. Erschreckt hat mich dann die im Zuge des Austausches geäußerte Ansicht, Behinderte sollten sich mit Behinderten zusammen tun, Arme mit anderen Armen und so weiter. Augenhöhe wurde beschworen. Von Gefälle war die Rede. Jedenfalls dem Sinn nach.

 

Im Zuge der freiwilligen Selbstbeschränkung habe ich meine Internet- und Telefonverträge auf ein begrenztes Daten-Volumen gesetzt. Es ist schon ein Armutszeugnis, wenn man sich selbst durch solche Maßnahmen zum Nachdenken zwingen muss. Aber geht wohl nicht anders. Und es wirkt.

 

So saß ich also gestern Vormittag in einer anderen Stadt, in einer McDonalds Filiale, die mir ideal zu sein scheint für mein (etwas) neues Leben als Alter, Armer, Einsamer und nur noch bedingt Kompatibler. Ein knapper Kilometer Fußweg vom Bahnhof, durch die frische Luft einer vierspurigen Straße. Frühmorgens nur spärlich mit Publikum gesegnet. Und mit einem (kostenlosen) Internet-Hotspot, der an Geschwindigkeit seines Gleichen sucht.

 

Meine Großeltern hatten es nicht nötig, „Apps“ zu „updaten“. Mein Opa kümmerte sich um Kaninchen und Brennholz. Meine Oma um Hühner und meinen Opa. Aber ich? Ich sitze vor dem PC und lese in Foren für alte Leute die immer gleichen Worthülsen, Zank- und Schwurbel-Tiraden. Immer in der nur selten erfüllten Hoffnung, auf Gleichgesinnte oder zumindest auf Gedanken von interessanten Mit-Alten zu stoßen.

 

Meine neue Strategie zwingt mich aus dem Haus. Weg von diesem Datenmüll. Zumindest für ein paar Stunden. Um neuen Datenmüll aus dem Play-Store zu laden. Kostenlos. Um einen Kaffee und einen Hamburger zu mir zu nehmen. Und um Menschen anderer Kasten zu sehen. Von wegen Alte zu Alten, Junge zu Jungen und so weiter! Hier tobt das Leben.

 

Gestern Morgen allerdings nicht. Im riesigen Schnellrestaurant-Bereich saßen außer mir zwei Frauen und ein Mann. Weiträumig verteilt. Die Frauen wohl beide um die 35 herum. Der Mann ein Asiat und somit für mich nicht einschätzbar.

 

Bei dezentem aber genauerem Hinsehen fiel auf, dass sie so wie ich, ihre Smartphones und jeweils einen Tablet-PC bearbeiteten, während die kulinarischen Genüsse in Ruhe erkalteten. Zwischendurch ein Nippen am Getränk. Dann wieder wischen, tippen und schauen. Auf das Gerät.

 

Ich lebe seit Jahren sehr zurückgezogen und kann mit Familie überhaupt nichts mehr anfangen. Also bin ich gewohnt, irgendwo zu sitzen ohne zu reden. Doch noch nie zuvor ist mir so angenehm aufgefallen, wie es sein kann, wenn Menschen die mir nichts zu sagen haben, ...nichts sagen.

 

Eine Nachbarin, die mit ihren beiden Hunden beim Gassigang den Tag bespricht. Eine Bekannte, die momentan wieder einmal zum Leidwesen ihrer Söhne, zwei bis drei verschiedene Liebhaber pro Woche verarbeitet. Alte, die mit anderen Alten organisiert durch die Wälder streifen. Familie. Kinder. Enkel. Sport. Ehrenamt. All das ist nichts für mich. Außer vielleicht zwei bis drei Liebhaberinnen pro Woche, .. . Aber ich möchte zumindest im Alter keine enttäuschten Gesichter mehr sehen. Also scheidet auch das aus.

 

Bei den Alten, die ich in meiner Kindheit kannte, hat jede, wirklich jede Strategie zum Tod geführt. Also vermeide ich tunlichst, etwas davon zu übernehmen. Es gab damals meines Wissens nach niemand, der bei McDonalds gesessen hätte um Daten zu saugen.

 

Insofern denke ich, ich bin auf einem guten Weg. Und irgendwie freue ich mich schon auf die nächste Nachricht von Google „Updates stehen für Sie bereit!“.

 

Alt sein kann ja so schön und interessant sein!

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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