Heinz Lechner

Herr Isidoro Falchi entdeckt die zwölfte Etruskerstadt



Samstagnachmittag. Ausser drei Insassen eines Meerschweinchenkäfigs und mir befand sich niemand in meiner
Wohnung. 
Das Weibsvolk war ausgeflogen, die Frau ins Fitnessstudio und die Tochter zum Übernachten bei einer Freundin.
Mit zwei Plastikschüsseln auf meinem Bauch lag ich auf der Couch. In der kleineren Schüssel befanden sich
die Erdnüsse und in der Größeren die Schalen der Verspeisten. Ein kleines Glas Gerstensaft stand in
Reichweite und im Fernsehgerät wurde eine höchst interessante und lehrreiche Archäologiesendung gebracht;
ein Porträt über den Apotheker und Hobbyarchäologen Herrn Isidoro Falchi, der vor etwa hundert Jahren die
zwölfte Etruskerstadt entdeckt hatte.
Irgendwann übermannte mich das Bedürfnis zu urinieren. Eine ganz normale, stupide Sache natürlich, die sich
mehrmals täglich wiederholt.
Nun hatte mich aber das Schicksal des Herrn Falchi so sehr in seinen Bann gezogen, dass ich beschloss den
Drang zu pinkeln bis zum Ende dieses kurzweiligen Filmes zu ignorieren.
Leider war mir dies nicht möglich und ich bedauerte fast schon dass 
die  Sendung auf einem öffentlich rechtlichen Sender namens "Phoenix" ausgestrahlt wurde. Dies
hatte nämlich zu bedeuten, dass dieser Dokumentarfilm vollkommen ohne Werbeunterbrechung gesendet wurde, was
zur Folge hatte, dass ich doch bis zum Ende der Sendung durchhalten musste. Schließlich wollte ich nicht,
dass mir wertvolles archäologisches Wissen wegen solch einer läppischen Zwangspause verloren geht.
Und zum ersten Mal in meinem Leben sehnte ich mich nach einer Werbepause wie sie bei diesen primitiven
Verblödungsprivatsendern üblich ist.
Es half nichts, der Harndrang wurde schließlich so mächtig, dass ich beschloss nicht über alle Stationen
des Lebens eines Herrn Isidoro Falchi zwingend Bescheid wissen zu müssen.
Als ich mich schon im Badezimmer befand, innerlich bereit mich auf die Toilettenschüssel zu setzen, kam mir
die verrückte, geradezu abstruse Idee, mal wieder im Stehen zu pinkeln. Ich kann nicht erklären, weshalb
dieser sonderbare Gedanke mich so plötzlich übermannte, vermute aber mich dem Irrglauben hingegeben zu haben
als Stehpinkler wertvolle Sekunden gewinnen zu können um mich baldigst wieder vor dem TV-Gerät hinlümmeln
zu können.
Also machte ich es einfach, obwohl ich doch einen leichten Anflug von schlechtem Gewissen verspürte und auch
gleichzeitig das schelmische, spitzbübische Gefühl des Verbotenen und der Unartigkeit mit unterschwelliger
Freude empfand. Schließlich hatte ich jahrelang damit gerungen, mir die Unart des im Stehen Pinkelns
abzugewöhnen und den gut gemeinten Ratschlägen der Ehefrau Folge zu leisten.
Also urinierte ich geflissentlich auf den Punkt wo man die Nudge - Fliege vermutet und beobachtete, den - wie
bei älteren Männern üblich - nicht mehr ganz so satten, ungestümen Strahl. Immer darauf achtend ihn nicht
zu sehr streuen zu lassen. Man will ja keine Sauerei veranstalten. Wie immer gab ich ein langgezogenes
Stöhnen der Befreiung von mir und heute - da ich alleine in der Wohnung war - getraute ich mich das Stöhnen
zu einem gewaltigen, archaischen Schrei auswachsen zu lassen. Das tat gut.
Den Vorgang der Erleichterung von diesem Blickwinkel ansehen zu können war ein Anblick, wie ich ihn schon
seit vielen Jahren nicht mehr gewöhnt war. Er erheiterte mich und ließ mich an meine Jugendzeit denken.
Natürlich ist man des öfteren in einem Urinal zugange. Aber hier zuhause, in meiner eigenen Wohnung war ich
zum allerersten Male als Stehpinkler am Werke.
Irgendwie war ich stolz auf mich. Ich fühlte mich wie ein RICHTIGER Mann.
Besondere Freude bereitete mir die Farbe des Urins. Meist ist es ja ein dunkles, kräftiges Gelb mit einer
überbordenden Schaumkrone.
Aber dieses Mal war es ein klares, helles geradezu sanftes Gelb, man kann fast sagen : säuglingsuringelb.
Auch war der Urin schaumlos, was mich verwunderte. Solch einem Anblick erleben zu dürfen hatte ich in meinem
Alter  - also bald sechzigjährig - nicht mehr gerechnet.
Die Freude war so groß, dass ich spontan beschloss - obwohl doch schon ein Abendmahl für mich vorbereitet
gewesen wäre, ( bereits den dritten Tag in Folge Nudeln mit Tomatensoße, aber dass ist eine andere
Geschichte ) - in eine Wirtschaft zu gehen um Schweinebraten mit hellem Bier zu verkonsumieren. Auch war der
Anblick der in der Pfanne gequetschten Teigwaren nicht sehr appetitfördernd und so empfand ich es direkt als
eine Herausforderung Essen zu gehen.
Wie es sich später heraus stellte war dies leider keine gute Idee. Es sollte sich rächen, wertvolle, bereits
zur Verfügung stehende Nahrung verschmäht zu haben.
Auch wurde - als ich ins Wohnzimmer zurücktrat - eben jene archäologische Sendung über den Aufstieg und
Fall des Apothekers Herrn Isidoro Falchi beendet und eine Vorschau über die kommende Sendung eingeblendet die
zum xten Male die Schlacht im Teutoburger Wald als Dokumentarfilm mit eingeblendetem Schlachtgetümmel
rekonstruierte. 
Das kannte ich schon.
Als Freund schneller Entscheidungen überprüfte ich den Inhalt meiner Geldbörse, packte mein Mobiltelefon,
den Haustürschlüssel und den des Fahrrades, bereitete noch schnell den Tieren ein lecker Abendmahl, blickte
sodann prüfend aus dem Fenster, entschied mich für die Mitnahme eines Regenschirmes und schloss vorsorglich
alle Fenster der Ostseite. Dann schwang ich mich behende aus der Wohnungstür.
Es hatte geradezu ideales Fahrradwetter. Dunkelgraue, Bedrohlichkeit vortäuschende Wolken türmten sich auf,
sehr leichter, zarter Regen setzte ein und ein warmer Wind zog mich förmlich in Richtung der gewählten
Gaststätte.
Gut gelaunt radelte ich, den höchstmöglichen Gang des Fahrrades ( also den dritten) ausgewählt, meinem Ziel
zu.
Kurz vor dem Erreichen der Restauration übersah ich eine Bordsteinkante. Leise fluchte ich in mich hinein und
gab dem Bürgermeister meines Ortes einige hässliche Namen. Ich wusste insgeheim schon, dass mir diese
Unvorsichtigkeit mein Fahrrad nicht verzeihen würde. Wie sich später heraus stellte bekam ich Recht.
Im Restaurant, welches gut besucht war, wurde mir ein 4er Tisch angeboten. Die grobschlächtig wirkende
Bedienung war vermutlich sauer weil ich alleine war oder mein Erscheinungsbild keine hohen Einnahmen
versprachen. Vielleicht entsprach es auch einfach nicht ihrer Natur, freundlich zu seinen Mitmenschen zu sein.
Alle Tische waren belegt mit Paaren oder Gruppen. Nur ich sass allein. Und so wurde ich folgendermaßen
bestraft :
zum einen war das Getränk von der falschen Brauerei. Das wäre noch erträglich gewesen, jedoch hatte es
nicht die richtige Temperatur, eine armselige Krone und schmeckte süss und pappig. Auch hatte ich den
Eindruck, als hätte man Reste von nicht ausgetrunkenen Gläsern ( inklusive Limonaden ) zusammengeschüttet.
Das Fleisch war wohl Mittags übrig geblieben oder mit Ausgewürgtem vermengtes, welches optisch wieder
aufgepeppt wurde. Der Knödel ein 0815 Produkt aus der Billigst - Abteilung eines Discounters, dessen
Sprungkraft sicher einige Ballwechsel im Tennis überstanden hätte. Auch ein Salat wurde serviert, deren
Blätter schlabbrig und kraftlos vom Tellerrand herunterhingen und vermutlich schon von mehreren Gästen
unangetastet zurück gegeben wurden. Ich vermute sogar, selbst meine Meerschweinchen zuhause hätten sich bei
deren Anblick desinteressiert abgewendet und sich schleunigst in ihr Häuschen verkrochen. Alles in allem war
das Menü zubereitet von einem Menschen der diesem Lokal schaden, oder sich an mir wegen irgendetwas rächen
wollte. -  Beides ist ihm geglückt!
Da im Restaurant auch eine etwas ungemütliche und wie mir schien, sogar feindselige  Atmosphäre herrschte,
wünschte ich gleich nach Beendigung der Mahlzeit die Rechnung zu begleichen.
Sogleich wurde meinem Wunsch entsprochen.
Und obwohl ich dann doch aus lauter Menschenfreundlichkeit 1Euro20 Trinkgeld gab, hatte das wohlbeleibte
Bedienungsfreulein nur einen hämischen, abfälligen Blick für mich, während sie mir ein kaum
verständliches, hochnäsiges  "Danke" entgegen spuckte.
Grußlos verliess ich die Kaschemme und ward dort nie wieder gesehen.
Kaum draussen an meinem Drahtesel angekommen setzte sich meine Pechsträhne fort.
Wie ich schon angedeutet hatte, musste ich mein Gefährt nachhaus schieben, auch hatte es heftig zu regnen
begonnen und der vorher noch angenehm warme Herbstwind war zu einem kalten, heulenden Sturm herangewachsen,
der meinem Schirm das Garaus machen wollte. Nach kurzer Zeit schon war das Gestänge meines Schirms geknickt
und somit unbrauchbar geworden. Umständlich legte ich den defekten Schirm zusammen und klemmte ihn an den
Gepäckträger des Fahrrades.
Dabei bekam ich schon die gesamte Breitseite des Regengusses ab und war alsbald von Kopf bis Fuß vollkommen
durchnässt. 
Während ich das Fahrrad Richtung Heimat schob, gepeinigt von den eiskalten Regentropfen, die mir wie Nadeln
ins Gesicht schossen, glaubte ich die hämischen Blicke der Menschen in den vorbeifahrenden Autos zu fühlen
und fluchte leise vor mich hin. Ich war wütend auf mich, da ich doch gewusst hatte, dass es heute noch zu
regnen beginnen würde. 
Mehr als der Regen störte mich aber der drastische Temperatursturz. Damit hatte ich nicht gerechnet.
Mit einem Male fiel mir der Film von heute nachmittag über den Apotheker und Hobbyarchäologen Herrn Falchi
wieder ein und sofort besserte sich meine Laune. Hinzu kam, dass ganz unvermittelt die Sonne durch schwarze
Gewitterwolken brach und die Szenerie in ein zartes Gelb, man kann fast sagen  säuglingsuringelb tauchte.
Ohne es mir erklären zu können fühlte ich mich plötzlich so zufrieden und schob das Fahrrad in bester
Stimmung heim.




















 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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