Wolfgang Küssner

Das Rauschen des Meeres - Teil 09

Während des doch etwas länger dauernden Telefonats hatte Stephane es sich auf dem Sofa bequem gemacht. Nur mit Shirt und seiner roten Badehose bekleidet, hatte er Didier beobachtet und immer wieder leicht an seinem Rotwein genippt. Nach dem Gespräch ging er zu Didier, der zunächst etwas nachdenklich auf dem Sessel saß. Er suchte seine Nähe. Und als er neben ihm stand, berührte Didier sanft die kleine Badehosen, schob zärtlich seine Hand unter das T-Shirt, streichelte Stephanes Oberkoerper und als sein Ellbogen etwas Warmes, Härteres spürte, gab es keine Zurückhaltung mehr. T-Shirt und Slip lagen ploetzlich auf dem Boden, Didier hatte seinen Bademantel abgestreift und ihre Koerper rückten sehr nah aneinander.

Nach Momenten der Liebe, der Entspannung, der Ruhe, des Glücks war es Zeit, an das Abendessen zu denken. Duschen. Ankleiden und dann ging es zur nahen Brasserie. Auf der kleinen Straße vor dem Haus fuhr wieder langsam ein Auto. Hatte er das nicht schon einmal gesehen? Beim Betreten des Restaurants meinte Didier, viele Augenpaare seinen auf ihn gerichtet.  Waren seine Begleitung, oder seine Popularität ursächlich? Die Antwort blieb offen. Doch er wählte einen Tisch, einen Sitzplatz, bei dem er moeglichst vielen anderen Gästen den Rücken zukehren konnte. Das hatte natürlich den Vorteil, daß er sich voll auf seinen Lockenkopf konzentrieren konnte. Als Vorspeise ein paar Austern, mit einem Gläschen Champagner, eine Zwiebelsuppe mit einem überbackenem Beaufort, dazu einen leicht fruchtigen Riesling aus dem Elsass, anschließend ein Ratatouille-Salat mit Entrecote und einem Glas Merlot. Eine süsse Mousse au Chocolat und einen Espresso zum Abschluß. Beide genossen das erste gemeinsame Diner, wäre da nicht dieses permanente Gefühl, beobachtet zu werden, Getuschel zu vernehmen. Und als dann auch noch ein Besucher an ihren Tisch kam, sich in gebrochenem Franzoesisch – die Region war auch bei deutschen Urlaubern sehr beliebt - erkundigte, ob er Didier Moreau sei und ihm freundlicherweise ein Autogramm geben würde, da war es Zeit für Didier, die Brasserie moeglichst schnell zu verlassen.

Stephane hatte volles Verständnis für den etwas eiligen Aufbruch. Immer wieder mußte Didier daran denken, daß ihn morgen sein Verleger einen Besuch abstatten wollte, um die Marketing- und Promotion-Aktivitäten für den langsam vor der Tür stehenden Herbst zu koordinieren. Durand würde eine erste Auswertung der Presseberichterstattung mitbringen. Und vermutlich hatte sein Verleger irgendeinen Verdacht, bei Didier habe sich irgendetwas verändert. Mehrfach meinte Durand wahrgenommen zu haben, daß sein Autor lockerer, leichter sei. Entsprechende Andeutungen gemacht, ohne eine Antwort erhalten zu haben. Klar, er, Didier, war mit seinem Lockenkopf, mit seinem „sweet little sixteen“ glücklich und es sollte so bleiben. Soll der Verleger morgen kommen, heute ist heute und heute ist Stephane bei ihm. Nach dem koestlichen Diner hatten es sich beide auf dem heimischen Sofa bequem gemacht. Sie schmusten und turtelten miteinander, wie es bei Verliebten üblich ist. Sie wurden erregter, die Begierde wuchs, sie zogen sich gegenseitig langsam die Kleider aus und stürmten das Bett. Nach heftigen Liebeszenen schliefen beide Arm in Arm glücklich ein.

Als Stephane einige Zeit später kurz erwachte, warf er einen Blick auf die Uhr. Aus dem Wohnzimmer fiel etwas Licht in den dunklen Schlafraum und er erkannte, es war bereits weit nach Mitternacht. Oh, verdammt. Er hatte seinen Eltern gegenüber das Verprechen gegeben, um 23 Uhr wieder zurück zu sein. Nichts wie los. Er weckte Didier, schilderte die Lage, sprang auf, zog sich schnell an, einen Kuß für Didier und dann stürmte er aus dem Haus.

Didier war gerade wieder eingeschlafen, als es an der Tür zu seinem Bungalow klingelte. Im ersten Moment war er nicht sicher, war das ein Traum gewesen? Realität? Doch dann klingelte es noch einmal. Also kein Traum. Hatte sein Lockenkopf vielleicht etwas vergessen? Kam Stephane zurück, weil die Eltern bereits tief schliefen und seine Einlasszeichen nicht hoerten? War es gar Stephanes Vater, der sich bei Didier beschweren, ihn zur Ordnung rufen würde? Ein Verbot erlassen würde, seinen Sohn noch einmal zu sehen? So viele Moeglichkeiten. Es klingelte erneut, diesmal etwas heftiger. Die Uhr zeigte 15 Minuten nach eins. Didier oeffnete die Haustür. Vor ihm stand eine vermummte, schwarzgekleidete Person. Er wollte die Tür schließen, doch ein Fuß der anderen Person verhinderte dieses. Didier Moreau? Er nickte kurz und sah, wie blitzschnell eine Hand mit einem Tuch sich seinem Gesicht näherte. Didier verlor das Bewußtsein. Die Tür fiel ins Schloß.

Der Verleger Hugo Durand stand vormittags gegen 11 Uhr vor dem Ferienhaus und klingelte vergeblich. Vielleicht war Didier zum Einkaufen gegangen; saß noch bei einem späten Frühstück im Bistro; besorgte sich gerade die neue Zeitung. Durand würde etwas warten und es erneut versuchen. Obwohl – auf Moreau war immer Verlaß gewesen. Das wird sich sicherlich gleich klären. Der Verleger spazierte ein wenig durch den Pinienwald Richtung Strand, blieb am Holzsteg allerdings stehen. Weiter wollte er nicht, um seine Schuhe nicht dem Sand auszusetzen. Er lauschte kurz dem Rauschen des Meeres. Die unendliche Weite gefiel ihm. Er konnte gut verstehen, warum sein Autor hier den Urlaub verbrachte. Ob diese weitläufige Natur einen Menschen so verändern kann? Nun, bei Moreau hatte es das offensichtlich bewirkt, aber das würde er ja selbst gleich sehen bzw. von ihm hoeren koennen. Durand ging langsam zurück und versuchte erneut sein Glück. Doch auch dieses Mal wurde auf sein Klingeln hin nicht geoeffnet. Aus dem Nachbarhaus kam gerade eine Frau heraus. Durand suchte den Kontakt, vielleicht koennte sie ihm helfen. Bonjour Madame, pardon, daß ich sie anspreche. Ich bin mit Herrn Moreau verabredet, doch mein Klingeln bleibt ohne Resonanz. Haben Sie eine Idee, wo ich Herrn Moreau treffen koennte? Die Frau zuckte einfach nur die Schultern, versuchte zu erklären, je suis un allemand, sie verstünde kaum Franzoesisch, sie käme aus Deutschland. Durand bedankte sich dennoch, wünschte einen angenehmen Tag.

Der Verleger trank einen Kaffee, setzte sich in die Sonne, schlief kurze Zeit in seinem Auto, machte kleine Spaziergänge, kaufte sich eine Zeitung und versuchte wieder und wieder, seinen Autor zu treffen. Doch alle Versuche blieben erfolglos. Er meinte sogar, im Haus Licht zu sehen. War hier ein Unglück geschehen?

Fortsetzung Teil 10

September 2016

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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