Heinz Lechner

Was endlich mal erzählt werden muss!



Jeder Mensch kennt es mehr oder weniger. Vornehmlich geschieht es, wenn man sich in einem Strom von Leibern
befindet. Dies ist aber nicht zwingend notwendig. 
Letztendlich ergibt sich dieses Ereignis immer nur zwischen zwei, sich meist fremden Menschen. Es handelt sich
um einen Vorgang der sich ganz automatisch abspielt und eigentlich nicht erwähnenswert ist. Man macht es ohne
darüber nachzudenken. Es ist nicht der Rede wert und eines der banalsten Geschehnisse die einen ereignen
können. Es geschieht so oft und ist so selbstverständlich, daß man gar nicht auf die Idee käme, sich
Gedanken darüber zu machen oder gar darüber zu sprechen, denn dieses Thema würde nur mit einem ungläubigen
Kopfschütteln des Gesprächspartners beantwortet werden oder man sähe sich mit dem Vorwurf der
Unzurechnungsfähigkeit konfrontiert. Ja geradezu peinlich erscheint es mir, darüber parlieren zu wollen oder
dieses Thema in ein Gespräch einzufügen.
Niemals hörte ich Menschen Unterhaltungen darüber führen und ich kann mich nicht erinnern, jemals darüber
gelesen zu haben. 
Es ist zwar kaum vorstellbar, aber sollte es möglich sein, dass in der Weltliteratur dieser Vorgang von einem
bedeutenden Schriftsteller bereits abgehandelt wurde, habe ich leider nie davon erfahren, obwohl ich einen
reichen Fundus an anspruchsvollen Büchern mein eigen nennen kann.
                     Darüber zu schreiben ist mir heute nur möglich, weil mir meine Selbstachtung im Laufe
der Zeit abhanden gekommen ist, ich ein gewisses Alter erreicht habe und es mir außerdem zwischenzeitlich
auch scheissegal sein kann, was die meisten Menschen von mir denken.
Es ist mir also ein Bedürfnis, kurz über eines der nichtigsten Geschehnisse die man sich vorstellen kann zu
parlieren, ein Vorgang der mich tagtäglich vor Probleme stellt : das aneinander Vorbeigehen.

Seit meiner frühesten Kindheit ist mir bekannt, dass man, wenn man frontal aufeinander zugeht, nach rechts
ausweicht um nicht zusammenzustoßen. Das macht man eben so, es ist geradezu lächerlich normal und so
überhaupt nicht bedeutungsvoll. In dieser Situation befand ich mich - wie wohl alle anderen Menschen auch -
sicher schon zigtausend Mal. Das muss also niemanden interessieren und darüber schreiben muss man erst recht
nicht.
Dennoch erkenne ich besonders auffällig an diesem belanglosen Geschehnis wie zerfahren und beschädigt, ja
sogar unwiederbringlich zerrüttet mein Verhältnis zu den Menschen und überhaupt zur gesamten Menschheit
ist. Auch spiegelt dies meine innere Unsicherheit, mein Aussenseitertum und mein im Allgemeinen linkisches
Verhalten wieder.
Man mag es nicht glauben, aber es ist tatsächlich so, dass ich die Kunst des perfekten aneinander
Vorbeigehens nie erlernt habe.
Ich vermute, meine nachlässigen Eltern hatten einfach vergessen, mir diesen nicht unwichtigen Teil der
Erziehung angedeihen zu lassen und so kämpfe ich schon seit meiner Kindheit mit diesem Problem. 
In meiner Lehrzeit wurde es mir so richtig bewusst. Ich hatte viel in den Geschäftsstrassen Münchens zu
gehen, Botengänge zu erledigen oder Brotzeiten für Handwerksgesellen einzuholen und empfand es damals schon
als Ärgernis immer wieder mit Menschen zusammen zu prallen. Jedoch glaubte ich, dies gehöre zu den vielen
kleinen unangenehmen, lästigen Dingen im Leben, die man eben hinnehmen müsse. 
Später bewegte ich mich viele Jahre mehr in ländlichen Kreisen, da fiel dieses Manko nicht so sehr ins
Gewicht. Aber so richtig in den Sinn kam mir mein Dilemma eigentlich erst wieder, nachdem ich meinen
Arbeitgeber gewechselt und den Weg zur neuen Arbeitsstelle - diesmal wieder in der Grossstadt -  werktäglich
zwei Mal durch ein Einkaufszentrum zu gehen hatte. Obwohl es sich um ein weitläufiges, großzügig
geschnittenes, gut überschaubares Terrain handelte, bemerkte ich, welche Schwierigkeiten ich hatte,
unbeschadet die Entgegenkommenden vorbei ziehen zu lassen. Und so kämpfe ich tagtäglich mit dieser - ich
muss schon fast sagen - "Behinderung."

Es gibt gute und schlechte Tage. An guten Tage schlängele ich mich mit Mühe und Not nahezu unbeschadet durch
die anströmende Masse. An schlechten Tagen aber kommt es mir vor, als hätte ich einen Slalom zu absolvieren,
der sich zu einem Spießrutenlauf steigert. Man könnte meinen, die Entgegenkommenden hätten sich gegen mich
verschworen. Es liegt eine aggressive Stimmung in der Luft und jeder ist in Eile und nur auf sein Fortkommen
bedacht. Rücksichtslosigkeit hat sich in allen Köpfen festgesetzt. Mindestens jeder Zweite versucht mich zu
Boden zu stossen oder wenigstens anzurempeln. Dann ist es als hätte ich gegen eine wild gewordene Herde
anzukämpfen und ich möchte in die Menge rufen:"he, seid ihr alle zu blöd um anständig aneinander
vorbei zu gehen?"
Natürlich kann es geschehen, dass man, z.B. um seine Fahrtrichtung nicht ändern zu müssen und somit nicht
aus dem Rhythmus zu kommen den Mitmenschen rechter Hand vorbeiziehen lassen muss. Oft entscheidet man erst im
allerletzten Moment und wenn der Kontrahent ebenso verunsichert ist kommt es eben zu Irritationen. Meist endet
es mit einem gnädigem Schmunzeln, einem freundschaftlichem Lächeln oder einem verständnisvollem
"Hoppala". 
Es passiert aber auch immer wieder, daß man sich mit dem Entgegenkommenden  - den man in Sekundenschnelle als
Blödmann identifiziert hat - nicht einigen kann, zwei - dreimal versucht unbeschadet den Weg zu kreuzen und
nachdem es endlich gelungen ist kopfschüttelnd und leise in sich hinein fluchend seinen Weg fortsetzt.
Natürlich weiss ich, dass zumeist ich der Schuldige bin, denn es geschieht sogar, dass ich ohne Platzprobleme
oder Enge mit nur einem einzigen Entgegen -kommenden auf weiter Flur zusammenstosse. 
Es gibt aber auch Menschen, die man schon von Weitem "erkennt". Man weiß sofort, dass es mit dieser
Person Probleme geben wird, diesem "Bruder im Geiste". Je mehr man sich dem Objekt nähert, welches
mit Sicherheit ebenso empfindet, desto größer die Gewissheit, dass es zu einem Zusammenprall kommen wird.
Tatsächlich geschieht das immer wieder.
Äusserst ärgerlich ist es an Häuserecken oder unübersichtlichen Kurven. Als eingefleischter
"Rechtsgänger" ist es natürlich besonders unangenehm, wenn der Entgegenkommende, der sich oft in
grosser Eile befindet, ebenfalls ganz an der Wand entlang geht um seinen Weg abzukürzen. Da man ihn erst in
letzter Sekunde sieht, provoziert dieses unfaire Verhalten natürlich einen Zusammenstoss und der Gipfel der
Frechheit ist, dass diese ich möchte schon sagen " Kreatur" oft sogar ungehalten reagiert und mich
dadurch zu einer mir an sich unbekannten Aggressivität nötigt.
Ich habe mich also damit abgefunden, mit dem mir entgegenkommenden Menschen nicht im Reinen zu sein. Und doch
experimentiere ich immer wieder mit neuen Techniken des aneinander Vorbeigehens. Letztlich erst unternahm ich
den Versuch, den Menschen, während sie auf mich zukamen, ins Gesicht zu sehen. Ich hatte die irrige Annahme,
dieses leidige Thema mit den Augen lösen zu können. Viele Passanten erwiderten meinen Blick und waren
scheinbar davon ebenso irritiert wie ich selbst und so kam es immer wieder zu Fast-Zusammenstößen. Es gelang
mir nie, mich mit den Entgegenkommenden mit Blicken zu verständigen, ein stilles, kurzes Abkommen zu
schließen, wer wo zu gehen hatte, wie es ja millionenfach in jeder Sekunde des Daseins vonstatten ging. 
So ließ ich es bald  bleiben und sah an Ihnen zukünftig wieder vorbei. Aber auch hierbei blieb das
aneinander Vorbeigehen problematisch. Oft blickte ich einfach nur auf den Boden mit einem Blickwinkel von 4
oder 5 Metern. So blieb mir wenigstens der Augenkontakt mit hässlichen, schlecht gelaunten Zweibeinern
erspart.
Hilfreich kann es sein, sich einfach an einer Person, die sich kurzzeitig auf dem selben Weg befindet
anzuhängen. Wenn man Glück hat kann man einige Minuten sorglos hinterdrein trappeln bis sich die Wege
trennen, sofern dass Marschtempo des Voranschreitenden mit dem Eigenen harmoniert. Diese Technik habe ich
allerdings nur ein einziges Mal angewandt. Ich habe mich dabei etwas geschämt. Wenn ich ausnahmsweise ein
militärisches Vokabular anwenden darf, würde ich sagen, dies kam mir vor wie "Feigheit vor dem
Feinde". Sich sozusagen hinter einer älteren Frau zu verstecken war doch etwas unter meiner Würde. So
tief wollte ich nicht fallen. 
Im Grunde handelt es sich bei mir um einen "Ausweichler". Ich gehöre sozusagen zu den Anständigen
und Guten, den Korrekten und  Rücksichtsvollen. Ich denke, die meisten Menschen sind Ausweichler, die wollen
ihren Frieden haben und geben lieber nach. Jedoch gibt es auch eine grosse Zahl von
"Nichtausweichlern" die stur ohne zu blicken oder den Entgegenkommenden unbeachtend ihres Weges
gehen. Wenn man nicht zur Seite tritt, rempeln sie einen nach dem Motto: "Platz da, jetzt komm ich."
Also geht man ihnen besser aus dem Weg. 
Auch ist es oft eine Frage der psychischen Verfassung in der man sich eben an jenem Tag befindet, so kommt es,
glaube ich, zu diesen schon erwähnten "guten" und "schlechten" Tagen.

Irgendwann kam mir die Idee, den Entgegenkommenden nur auf die Beine zu sehen und siehe da, die
Zusammenstossgefahr verringerte sich erheblich. 
Aber manchmal funktioniert diese Technik nicht; wie eben erst geschehen. Als mir ein Mädchen auf der Straße
entgegen kam war es wieder passiert. Doch dieses Mal war es etwas anderes, denn es handelte sich um ein
besonders süßes, niedliches Exemplar der Gattung Mensch, so war ich verständlicher Weise etwas abgelenkt.
Sie kam frontal auf mich zu und es war eine klare Sache. Platz war genug und kein Mensch in der Nähe. Ich
würde also rechts an ihr vorbei ziehen, wie es sich gehört. Aber im letzten Moment lächelte sie mich an,
wohlwissend, dass sie Eindruck machte und scherte von ihr aus gesehen nach links aus. Mit einem Schlenker nach
links vermied ich den Zusammenstoß. Meinerseits lächelnd zogen wir haarscharf aneinander vorbei. Die
Schuldfrage wäre eindeutig gewesen. Jedes Gericht hätte mich freigesprochen. Es bleibt die Frage, warum sie
ausgerechnet an meiner rechten Seite vorbeigehen wollte. Ein besonders ungewöhnliches Verhalten!
Solch ein Zusammenstossen ist natürlich wie geschaffen, einen Menschen kennen zu lernen, aber das ist ja auch
allgemein bekannt.
In diesem Fall allerdings halte ich es aufgrund meines Alters für ausgeschlossen, dass sie ein
Zusammenprallen provozieren wollte um mich kennen zu lernen, immerhin wäre der Altersunterschied mindestens
30 Jahre.
Oder sollte sie doch......?

























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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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