Richard Cantor

Der Dunkle Horizont

Die Ganymed, ein rostiges Reserve-Shuttle einer futuristischen ESA, peilt den Pluto, den eisigen Zwerg des Sonnensystems, und seinen halb so großen Mond Charon, an. Ihre Triebwerke sind feurige Schwerter, getunt, um ihr Sonnensegel dabei zu unterstützen, Lichtpartikel für den Super-Antrieb einzufangen.

Im Cockpit: Totenstille. Ein Bordcomputer schreibt Daten dreier Astronauten, die sechs Jahre, fünf Monate, drei Wochen und vier Tage eingefroren waren.

Tasuko Amenosa, eine sportliche Lehrerin, packt beim Erwachen der Schüttelfrost. Sie nimmt die Kryo-Kammer verschwommen durch das Plexiglas ihres Sarges wahr, wie nach einer Nahtoderfahrung. Die blau blinkenden, medizinischen Lebenserhaltungssysteme wurden programmiert, ihre Körpertemperatur bei 36 Grad Celsius zu stabilisieren. Sie erinnert sich an das Einschlafen im Erdorbit, an das Vegetieren bei Minus 50 Grad Celsius über der Mondlandschaft Europas, den Atombombenkratern eines asiatischen Wirtschaftskrieges.

Eingewickelt in eine Thermodecke, angegurtet im schwerelosen Speiseraum, würgt sie Astronautennahrung mit Stäbchen hinunter, die kugelförmig vor ihrem Gesicht schwebt.

„Sagen Sie Wendall, er soll das nächste Mal aufpassen, ob chinesische Kanalratte auf dem Essen steht.“

Der Pilot Evander Cerosan würdigt sie eines kurzen Blickes und vertilgt dann weiter seine Ration. Aaron Wendall, der Navigator, streckt seinen Kopf herein.

„Klingt nach einer Weltraumpsychose.“

„Fehlfunktion ihrer Kühlaggregate. Sie war die ganze Strecke scheintot.“

Die Eiswüste erstreckt sich von Ost nach West, Nord nach Süd, in die Unendlichkeit eines einsamen Sterns. Die von Methanschnee überzogene Landschaft weist verstreute Hügelketten auf, die sich vor dem atmosphärelosen Himmel abzeichnen wie Dinosaurierrücken. Zwischen Charon und der winzigen Sonne flackert ein Lichtpunkt auf.

Schwenkbare Düsen senken die Ganymed zu einer Landezone herab, die der Bordcomputer rot markiert. Wendall durchsucht die Informationsbanken verzweifelt nach einer Lösung.

„Objekt im Weg?“

„Die Sahara ist lebendiger als dieser Planet.“ Evander sieht sich nach Tasuko um. Sie ist weg.

„Wo ist der Captain?“

 

In der Schleuse zwängt sich Tasuko in einen blauen Raumanzug. Er passt nicht. Sie schält sich aus der Hose, offenbart kräftige Schenkel, als Wendalls Stimme über den Helmfunk ertönt.

„Es gibt ein Problem.“

„Ich kenne Sie bereits.“

„Die Systeme erkennen den Ort nicht.“

„Die Daten der Sonden, die von der NASA geschickt wurden...“

„Finden nur Schnee“, sagt Evander.

„Dann lass' ich mich mal von den Wampas lecken.“

„Seien Sie vorsichtig. Ihr Sauerstoff reicht eine Stunde.“

Sie probiert Wendalls Raumanzug an. Schon schnappen die Hüftschnallen zu, surrt die Sauerstoffversorgung.

Die Rampe zischt hinab. Die Injektoren in Tasukos Exoskelett stillen ihren rasenden Puls kaum. Die ewige Nacht weckt Erinnerungen an den Nuklearen Winter von Neu-München, an den schwarzen Schnee auf dem Viktualienmarkt, an matschigen Reis und die Imitationen russischer Gewehre im südostasiatischen Viertel.

Im Juli 1969 war es ein kleiner Schritt für einen Menschen, im Oktober 2386 ist es ein großer Schritt für eine Astronautin aus einer Invaliden-Grundschule in Grünwald. Ihre Mission ist die Aufdeckung einer Wasserquelle mittels der kybernetischen Greifer ihres Exoskeletts, die Entdeckung eines subterranen Flusses aus H2O-Energie, in dem sich primitive Zellen verdoppeln, verdreifachen, vervierfachen...

Die Landschaft verändert sich wie in einem viktorianischen Zaubertrick.

Tasuko keucht. Sauerstoff! Wie lange war sie unterwegs?

Minus 230 Grad Celsius! Sie zittert, als elektrisierten nasse Kabel ihre Blutkörperchen. Der Raumanzug hat ein Leck!

Das Shuttle ist verschwunden, der Funkkontakt abgebrochen, vom eisigen Zorn der toten Landschaft verschluckt.

Tasuko aktiviert die Sicherheitsfunktionen ihres Exoskeletts. Negativ. Sie stöhnt. Allein auf dem Pluto, der lebensfeindlichsten Umgebung am äußersten Rand des Sonnensystems.

Das Eis unter ihren Füßen bricht auf. Sie schreit.

So sinnlos wie ihr Hilferuf in dieser Leere, so leer hallt das Geräusch von den biologischen Wänden wider. Insektoide Fühler schleichen zu der bewusstlosen Astronautin, prüfen ihr Gehirn auf vorgeburtliche Erfahrungen.

Das Raumschiff, das sich als Teil der Landschaft tarnte, startet.

Geometrische Strukturen, mathematische Tempel einer außerirdischen Quantenmechanik, stechen in einer Flut aus fremdartigen Binärcodes hervor, die sich aus den Konsolen eines Cockpits in die Weiten des Alls ergießen.

In Tasukos Iris spiegelt sich eine Historie, ein Übergeist des universalen Jungschen Kollektiven Unterbewussten. Vernetzt mit ihren Neuronen verwandelt sie diese Prozedur in die elektronische Gottheit einer unbekannten Rasse im Zentrum der Milchstraße. Verwandelt sie in... Einzeller... Quallen... Säugetiere, die an Land kriechen, sich zu Entwicklungen schleppen, die tief in ihren Genen verwurzelt sind.

Nach Jahrmillionen blüht eine High-Tech-Zivilisation, sechs Billionen Lichtjahre von der Erde entfernt. Komplexe Maschinenkonstrukte ersetzen die Psyche einer krakenartigen Spezies.

Die Sterne glitzern weitere Trillionen Äonen. Die Maschinenkonstrukte bilden die Basis für noch komplexere, künstliche Wesen. Das Ergebnis: Epi-Evolution.

Tasuko stirbt. Ein Gedankensprung in dem alienhaften Traum tötet ihren Geist, imprägniert ihre Hirnhaut mit den bahnbrechenden Erkenntnissen einer Wissenschaft jenseits des menschlichen Verstandes.

Zweihundert Millionen Jahre ist ihr Körper gereist.

Am Horizont funkelt ein Planet ohne Sonne und Natur, erleuchtet von einer Megalopolis, deren gigantische, kosmische und, vor allem, menschliche Architektur bis ins All ragt...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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