Paul Theobald

Die Suche der kleinen Katja

Katja kam am 4. August 2011 in der Ukraine zur Welt. Ihr Vater verließ die Familie, als sie auf die Welt gekommen war. Seitdem lebt sie allein mit ihrer Mutter. Im Kindergarten sagten die Kinder zu ihr: „Du hast keinen Vater, weil der im Gefängnis sitzt!“ Das war zwar nicht der Fall, denn ihr Vater hatte sich nur aus dem Staube gemacht, weil er keinen Unterhalt zahlen wollte. Und andere Kinder, die ihrer Straße wohnten, also Nachbarskinder waren, sagten zur Katja: „Das ist doch nicht normal, dass du keinen Vater hast. Irgendetwas stimmt bei dir nicht!“ Was sollte bei der kleinen Katja nicht stimmen? Sie war ein kleines Mädchen, wie jedes andere auch – einmal brav und dann hatte sie wieder Dummheiten im Kopf. Sie war eben so, wie Kinder sind. Aber dann sagte ihre Mutter zu ihr: „Wenn dein Papa hier wäre, würdest du nicht so viel anstellen!“ Alle redeten von einem Papa. Und so beschloss Katja, da ihr richtiger Vater nichts von ihr wissen wollte, nach einem Papa zu suchen. Wie oft hatte sie schon gehört, dass Kinder etwas gefunden hatten. Warum sollte sie keinen Papa finden? Es musste nur jemanden sein, der sie lieb hatte. Es kommt doch gar nicht darauf an, dass es ihr richtiger Vater war. Nur liebhaben musste er sie.
Katja hatte einen Hund und der hatte schon viele Sachen mit nach Haus gebracht, wenn er ausgebüxst war. Katjas Mutter schimpfte dann immer, wenn er Dinge heimbrachte, die ihr nicht gefielen. Es war ein braver Hund, der auf das Haus und Katja gut aufpasste, aber manchmal hatte er Flausen im Kopf. Man hätte meinen können, dass er der kleinen Katja ähnlich war. Und so brachte er eine tote Ratte mit nach Hause und legte sie auf der Fußmatte ab. Katjas Mutter schimpfte, aber Katja hatte ihn trotzdem lieb. So musste auch ihr neuer Vater sein: Er musste sie liebhaben, auch wenn sie etwas angestellt hatte, so wie sie ihren Hund lieb hatte.
Und so sagte sie zu ihrem Hund: „Wenn du wieder wegläufst, dann bringe mir doch einen Papa und nicht irgendein Zeug, dass Mama schimpft.“ Der Hund verstand sie und so machte er sich auf die Suche. In einem Park schlief ein Mann auf einer Bank. Der Hund dachte: Der ist bestimmt froh, wenn er nicht mehr auf einer Parkbank im Freien bei jedem Wetter schlafen muss. Dies könnte ein neuer Vater für Katja sein und so sprach er ihn an: „Willst du mit mir mitkommen?“ Der Mann freute sich, denn er hatte seit Tagen nichts mehr gegessen und hoffte, nun etwas zu essen zu bekommen. Und so ging er mit Katjas Hund mit. Katja sah sie schon von Weitem kommen und sagte zu ihrer Mama: „Mama, ich bekomme einen neuen Papa!“ Als der Mann bei der Katja war, sagte er: „Was bekomme ich zu essen und zu trinken? Und dann möchte ich mich waschen und in einem Bett ausschlafen. Und danach begebe ich mich wieder auf Wanderschaft!“ Da wusste Katja, dass dies kein Papa für sie war. Und die Mama schimpfte: „Was hast du wieder angeschleppt!“ Ihren Hund liebte Katja aber trotzdem, auch wenn er ihr keinen neuen Vater, sondern nur einen obdachlosen Wandergesellen gebracht hatte. Und sie dachte: Es ist besser, wenn ich nach einem Papa suche.
Es war Adventszeit und Katja schrieb einen Wunschzettel an den Weihnachtsmann. Ja, dieser muss Kinder liebhaben, dachte sie, weil er ihnen jedes Jahr die Geschenke bringt. Sie hatte noch nie gehört, dass der Weihnachtsmann Kinder hatte. Nur Geschenke brachte er ihnen. Und so beschloss sie, einen Wunschzettel zu schreiben und den Weihnachtsmann zu fragen, ob er nicht ihr neuer Papa sein will. Sie schrieb: „Lieber Weihnachtsmann! Ich habe dir bisher immer geschrieben, was ich mir wünsche. Dies will ich auch dieses Jahr tun. Aber es ist ein ganz besonderer Wunsch: Ich möchte nämlich, dass du mein neuer Papa wirst. Du hast doch Kinder lieb, weil du ihnen jedes Jahr Geschenke bringst.
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Es wäre doch nur vernünftig, wenn du selbst eine Tochter hättest, damit du weißt, wie das Leben mit Kindern ist. Ich würde dir auch jedes Jahr helfen, die Geschenke, die du den Kindern zu Weihnachten bringst, zu verpacken. Außerdem würde ich dir sagen, was die richtige Straße zu den Kindern ist, damit du nicht so lange danach suchen musst. Bitte, sag‘ nicht Nein. Deine Katja.“ Gespannt wartete sie auf die Antwort. Sie malte sich ich in Gedanken schon aus, wie es ist, den Weihnachtsmann als Papa zu haben.
Und eines Tages, als sie aufgewacht war, lag ein Brief auf ihrem Bett. Sie fragte die Mama, wer den Brief auf ihr Bett gelegt hatte. Aber die Mama sagte: „Ich habe nichts gesehen!“ Und ihren Hund fragte sie: „Hast du heute Nacht nicht aufgepasst? Ist der Weihnachtsmann gekommen, ohne dass du ihn bemerkt hast?“ Aber der sah sie nur mit seinen treuen Augen an und machte: „Wau, Wau!“
Aufgeregt hielt sie den Brief in ihren kleinen Händen. Sie war so aufgeregt, dass sie ihn auf den Boden fallen ließ. Doch dann hatte sie den Briefumschlag geöffnet und sie stellte fest, dass der Brief vom Weihnachtsmann gekommen war. Seine Adresse war: Himmelsgarten, Pforte der Engel 6. Und dann las sie: „Liebe Katja, ich kann verstehen, dass du einen neuen Papa haben willst. Aber es gibt so viele Kinder auf der Welt, die keinen Papa haben. Wenn sie erfahren, dass ich dein neuer Papa bin, wären sie noch mehr traurig, als sie es schon sind, weil ich nicht ihr neuer Papa geworden bin. Deshalb kann ich nicht dein Papa werden. Das verstehst du doch. Sei deswegen nicht traurig! Ein so kleines Mädchen, das so lieb einen Brief an den Weihnachtsmann schreibt, wird bestimmt einen neuen Papa finden.
Und seit dieser Zeit hofft die kleine Katja, bald einen neuen Papa zu bekommen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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