Philipp Lieder

Lebendiges Leipzig



Montag, 06. November 1989. Der Himmel brennt, aber nicht durch das Feuer der Fackeln, welche zu tausenden durch die Leipziger Abendluft getragen werden. Es ist vielmehr der Geschmack der Revolution und die Anspannung der Menschenmasse, welche die Luft zum kochen bringt.
Über 500000 Menschen sind an diesem Abend auf den Beinen. Leipzig wird Schauplatz der größten Demonstration in der Geschichte der DDR. 
Die Messe, die zweimal jährlich in Leipzig stattfand, verströmte den Geruch der Freiheit. Der Geruch, der einmal eingeatmet, nicht mehr vergessen werden kann.
Da verwundert es kaum, dass Leipzig das Sinnbild für Vielfalt und Kultur geworden ist. 

Leipzig, die am schnellsten wachsende Stadt Deutschlands, eine Stadt, die sich nicht auf ihren Sehenswürdigkeiten oder einer tollen Landschaft ausruhen kann, denn sie hat keine. Sie hat Macher, Menschen mit Ideen, die diese Stadt vorantreiben. Leipzig definiert sich über seine Bewohner, über die Weltoffenheit und Kreativität. Eventuell auch ein wenig über ihren Größenwahn.
Leipzig lebt davon, gelebt zu werden. Wie ein Spielzeugauto, welches gefahren und nicht in der Vitrine ausgestellt werden will. Leipzig will geatmet werden.
Wenn Sachsen eine Schulklasse ist, dann ist Dresden ihre Klassensprecherin. Eine gut aussehende, schick gekleidete Blondine, die mit ihrer natürlichen Schönheit alle Blicke auf sich zieht. Sie kann sich entspannt gegen die Frauenkirche lehnen, in der Elbe baden gehen oder sich in der Semperoper ein Stück anschauen. Sie wird Ihren Glanz nicht einbüßen, im Gegenteil, sie wird immer Menschen finden, die sie umgarnen werden. 
Leipzig ist anders. Leipzig sitzt schon im Klassenzimmer, während andere noch schlafen. Die Haare etwas ungeschickt zurecht gemacht, sitzt sie in ihrem Hipster-outfit in der ersten Reihe und putzt nochmal die dicken Gläser ihrer Brille. 
Der Innenstadtring, den sie als Gürtel um ihre altmodische Jeans geschnürt hat, hält zwar alles kompakt zusammen, erinnert sie aber oft daran, wie schlank sie im Gegensatz zu ihren Mitschülern Berlin und Dresden ist. Da kann auch die Gürtelschnalle in Form des Hauptbahnhofs nicht darüber hinweg täuschen. Doch im wetteifern um das schönste Mädchen der Klasse entwickelt Leipzig schon mal Größenwahn. Dann baut sie einen viel zu großen S-Bahntunnel oder ein Museum in Form eines grauen Würfels und setzt dieses mitten in die altehrwürdige Innenstadt. 
Ihre Bewohner nehmen ihr das nicht übel. Mit einem Lächeln nehmen sie es in kauf. 
Denn sie wissen, dass Leipzig sich ihre Freundschaft nicht erkaufen muss. Sie punktet mit anderen Dingen. Mit ihrer Neigung zur Natur, ihrer Weltoffenheit, ihrer Vielseitigkeit und mit den Möglichkeiten, die sie den Menschen bietet. Als Ausgleich bringen sich die Menschen ein, treiben die Stadt weiter voran und füllen sie mit Leben. 
Montag, 06 November 2015. Es ist kalt. Wieder wird Leipzig Schauplatz einer  Demonstration. Ein paar hundert Demonstranten rufen : “Wir sind das Volk!”. Erneut spazieren Menschen um den Leipziger Innenstadtring.
Statt Fackeln tragen sie Schilder, auf einem steht geschrieben: “Deutsch statt Multikulti”. Die Offenheit und Vielfalt der Stadt geraten ins Wanken. Der Geruch der Freiheit, verdrängt durch die Nebelschwaden der Wut. Die Revolution, nur noch ein fader Beigeschmack.
Und am Ende des Tages, steigen sie in den Zug zurück nach Dresden.
Keine Stadt und keine Freiheit, ist etwas wert, wenn sie nicht von den Menschen gelebt wird.


  












 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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