Ophelia

Unvermögen

II

Ich ziehe meine Kapuze tiefer ins Gesicht in der Hoffnung, dass die Straßenlichter mein verquollenes Gesicht nicht preisgeben, ich fühle mich benutzt, verbraucht. Der aufgeheizte Asphalt unter meinen Füßen scheint bei jedem Schritt nachzugeben, die parkenden Autos rechts neben mir wippen auf und ab und die Mauer zur Rechten kommt bedrohlich auf mich zu, während ich das Gefühl habe zu schweben. Ich fühle mich elend. Der Himmel ist grau und wolkenverhangen und die dunklen Schaufenster blicken mich aus schwarzen leeren Augen an. Sie verhöhnen mich, lachen mich aus. Kraftlos stütze ich mich ab, versuche die Karussellfahrt  zu unterbrechen, ich möchte aussteigen, doch der Fahrer ist erbarmungslos. Ich kämpfe gegen die aufkommende Übelkeit an. Es ist niemand mehr unterwegs, ich bin allein mit mir und dem Bild, wie ich mich umdrehe und dir nachsehe, wie du festen Schrittes den Bahnhofsplatz verlässt. Ich spüre die mitleidigen Blicke der Anderen in meinem Rücken. Stunden zuvor war die kleine Bar am Rande der Stadt noch leer gewesen und ich voll Hoffnung, dass du mich herbestellt hattest. Wie bei unserer ersten Begegnung hast du allein an einem Tisch gesessen, den Blick abgewendet, ein Buch neben dir auf dem Stuhl. Ein gescheiterter Künstler, versunken in Erinnerungen aus vergangenen Zeiten. Mein Selbstbewusstsein schwand mit jedem Schritt Richtung Tisch und in mir kam der Fluchtgedanke wieder auf, den ich glaubte erfolgreich verdrängt zu haben. Müde lächeltest du mich an und ich fühlte mich reißerisch, fehl am Platz. Mit dem ersten Bier war ich bemüht die Farbe von meinen Lippen zu wischen. Ich wusste, es ging nicht um mich. Wie es mir ginge, wolltest du wissen, aber eigentlich wolltest du keine ehrliche Antwort darauf haben. Du hast diese Frage gestellt, weil es die Konversationshöflichkeit so verlangt. Ich blickte mich um, die Tische neben uns waren leer, im Hintergrund spielte jemand auf ! einem Ak kordeon und der Wind wurde an diesem Juliabend langsam kühl. Du warst dünn geworden, irgendwie ausgezehrter als sonst und ich begann mich zu sorgen. Die sonst aufgeweckten Augen lagen matt und glanzlos in ihren Höhlen und ich erahnte bereits warum du mich herbestellst hattest. Sie hat sich immer noch nicht entschieden, nicht wahr? Erleichterung trat in dein Gesicht, weil du es nicht ansprechen musstest. Der nun folgende Monolog unterschied sich nicht wesentlich von jenen, die ich bereits in der Vergangenheit über mich ergehen ließ, lediglich die Protagonistinnen deines Streifens trugen andere Namen oder hatte ich mir das nur eingebildet? Die Monotonie und gespielte Gleichgültigkeit mit der du versucht warst deine Situation zu analysieren, sollte mir einmal mehr deine Überlegenheit aufzwängen. Die Tische um uns herum waren mittlerweile von älteren Damen und Herren in teuren Kostümen und behangen mit billigen Glasperlenketten belegt. Der Geruch von Discounterparfum vermischt mit Zigarettenrauch, Schweiß und mittelmäßigem Weißwein machte mich schwindelig, zumal der Alkohol langsam warm in mir aufstieg und ich deine, sich in einem fortbewegenden Lippen nicht mehr fokussieren konnte. Es ist kalt geworden, wollen wir nicht lieber reingehen? Ich nickte. Drinnen war es laut, ein paar Leute stützten sich noch am Tresen ab, die Bedienung stellte bereits die Stühle hoch. Einzige Lichtquelle war eine Hängelampe über dem Tresen und alles um mich herum verschwamm. Ich dachte an sie und fragte mich, ob du mit ihr auch an diesem Tisch gesessen hast und ob sie dich mit dem gleichen Blick beobachtet hatte, wie ich es nun tat. Immer wieder tat sich ein wir auf, in Abgrenzung zu ihr. Wir beide sind uns sehr ähnlich. Wir sind da anders. Du bist wie ich…Ich war mittlerweile betrunken und versuchte unter unserem Tisch den Nagellack, mit dem ich mich Stunden zuvor abgemüht hatte, abzukratzen. Als mir dies nicht gelang,! nahm ic h mir das Etikett meiner Bierflasche vor. Ich möchte sie nicht unter Druck setzen. Sie hat sich so heruntergewirtschaftet, sie ist zusammengebrochen und sie hat es mir nicht gesagt. Ich fragte mich warum die Etiketten mit so viel Klebstoff angebracht wurden, wenn sie nach dem Gebrauch sowieso erneuert werden mussten. Wollen wir weitertrinken oder nach Hause? Ich blickte hoch. Nach Hause. Ich verließ hinter dir die Bar. Wortlos fand eine flüchtige Umarmung statt, ich drehte mich unschlüssig um und wollte losgehen, aber der Boden schwankte unter meinen Füßen und ich hatte Angst die drei Stufen abwärts nicht bewältigen zu können. Eine Art Verzweiflung übermannte mich, machte mich unfähig und lähmte mich. Ich sah dir nach, aber mein Blick in deinem Rücken war nicht stark genug, als dass du dich bemüßigt gefühlt hättest, ihn wahrzunehmen und zu erwidern. Schamerfüllt über meine emotionale Bedürftigkeit schwankte ich die Straße hinunter, vorbei an noch gefüllten Cafés und kleineren Menschengruppen, bis mir niemand mehr auf meinem Weg entgegen kam. Warum hatte ich mich selbst nur so gedemütigt. Ich überlegte, ob ich umkehren sollte, ich wollte dir sagen, wie es mir wirklich ging, jetzt wo du nicht mehr greifbar warst, kehrte plötzlich der Mut zurück, ich wollte, dass du mich verletzt, dass du mich aus meinem Zwang erlöst und mir diese tragische Illusion nimmst.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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